Es sollte ein schöner Kurzurlaub werden: Zum fünften Geburtstag seines Sohnes Levi hat Alban Ahmeti mit seiner Familie aus Lenzburg eine Reise nach Paris geplant. Ihr Hotel buchen sie im Herzen der Stadt; am Boulevard Champs-Élysées. Als sie sich am Donnerstagabend auf dem Rückweg vom Besuch des Eiffelturms befinden, passieren sie entlang der Champs-Élysées ein Glacégeschäft. Vater Ahmeti besteht darauf, seiner Frau und seinem Sohn Levi etwas Süsses zu kaufen.

Doch der friedliche Abend wandelt sich schnell in einen Albtraum: Nur wenige Momente nachdem Vater und Sohn das Glacégeschäft betreten, fallen ohrenbetäubende Schüsse. «Ich habe zu Levi gesagt: Du musst keine Angst haben, das sind Feuerwerkraketen», erzählt Ahmeti gegenüber Radio «Inside». Doch als er den Blick von seinem Sohn abwendet, sieht er Menschen, die panisch an der Fensterfront des Ladens vorbeirennen. «Vor dem Glacéladen stand das Fahrzeug, welches das Ziel der Terroristen war.»

Als die Attentäter das Feuer eröffnen, steht seine Frau noch draussen. Wartet nur knapp zehn Meter vom Polizeiwagen entfernt auf die Rückkehr von Mann und Kind. Gemeinsam mit anderen Passanten kann sie sich ebenfalls ins Glacégeschäft flüchten. «Die Schüsse sind knapp an uns vorbeigeflogen, Scheiben gingen zu Bruch», so Ahmeti.

Ahmetis Aussagen gegenüber Radio «Inside» im O-Ton:

Am Boden findet die Lenzburger Familie Schutz, bis ein Mitarbeiter einen Hintereingang öffnet. Doch auch im gewölbten Innenhof sind sie nicht vor den Schüssen sicher: «Es war alles voller Fensterfronten – die Schüsse kamen auch hier rein.» Die Menschen, nach Ahmetis Schätzungen etwa zehn Personen, verschanzen sich am Boden. Während die Panik ausbricht, versucht der Aargauer ruhig zu bleiben. «Ich habe gerufen: ‹Don't panic, don't panic!›»

«Sie haben mich angefleht, ich soll sie reinlassen»

Auf der anderen Seite der Fensterfront sieht Ahmeti zwei Personen – rechts und links – am Boden liegen. «Sie haben mich angefleht, ich soll sie reinlassen.» Als Ahmeti die Aufmerksamkeit eines Polizisten mit erhobener Waffe auf sich ziehen kann, gestikuliert dieser ihm, er solle nicht näher kommen. Dann gibt der Polizist den beiden Personen Rückendeckung, damit auch sie sich in den Innenhof flüchten können. «Der Polizist ging wieder nach vorne und hat weitergeschossen. Es hat einen riesigen Schusswechsel gegeben.»

Der Besitzer des Glacésladens führt sie ins Lager, um sich dort zu verschanzen. Was draussen geschieht, wissen sie nicht. «Nur die Schüsse haben wir gehört.»

Doch wirklich sicher sind sie auch hier nicht: «Die Polizei hat uns telefonisch darüber informiert, dass ein Terrorist tot, der andere aber immer noch da und bewaffnet ist.» Etwa zwei Stunden harren sie im Laden aus und stehen während dieser Zeit immer wieder telefonisch mit der Polizei im Kontakt.

«Sie haben uns gewarnt, dass der Terrorist entweder in unserem Gebäude oder im Gebäude nebenan ist.» Die Anweisung ist klar: Türen geschlossen halten, niemanden hereinlassen. Ahmeti bewacht gemeinsam mit einem anderen Mann den Eingang.

Irgendwann der erlösende Anruf: Sie werden evakuiert. «Dann kamen Spezialeinheiten – Anti-Terror-Einheiten –, die uns kontrolliert und unsere Identität aufgenommen haben.» Vom Charles-de-Gaulle-Platz gelangt die Familie über ein Nebensträsschen in ihr Hotel.

Auch am Morgen danach sitzt der Schock noch tief. «Gestern herrschte noch Pariser Stimmung – die Menschen waren offen, am Lachen. Heute ist die Stimmung komplett anders.»

Dennoch soll der Tag nicht von den gestrigen Erlebnissen überschattet werden. Denn heute Freitag hat der kleine Levi Geburtstag. Und wünscht sich nichts sehnlicher, als das Disneyland zu besuchen. Die Familie beschliesst zu gehen. Trotz allem. Je schneller sie den Weg zurück in die Normalität finden, desto besser.