Lärmbekämpfung
«Einen Lärmblitzer würden wir nicht verkaufen, wir setzen auf Prävention»

Die Firma Innolutions in Villnachern vertreibt ein Lärmmessgerät, das zwischen Autos, Motorrädern, Bussen und Lastwagen unterscheiden kann. Anfragen kommen inzwischen aus der ganzen Schweiz. Die Firma setzt auf Prävention, einen richtigen Lärmblitzer würde sie deshalb nicht verkaufen.

Mathias Küng
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Unlängst wurde vor dem Bundeshaus in Bern zu Demonstrationszwecken ein Lärmmessgerät aufgestellt.

Unlängst wurde vor dem Bundeshaus in Bern zu Demonstrationszwecken ein Lärmmessgerät aufgestellt.

ZVG

Die Geschwindigkeitsmessgeräte etwa des TCS auf Quartierstrassen oder in der Tempo-50-Zone kennen alle. Sie zeigen an, ob man die Tempolimite einhält oder nicht. Und wenn man zu laut ist? Viele Anwohnerinnen und Anwohner, gerade an kleinen Passüberfahrten wie zum Beispiel der Staffelegg oder bei einer Klinik, nerven sich über zu viel Lärm. Etwa dann, wenn Töff- oder Autofahrer unnötig oder absichtlich beschleunigen und den Motor aufheulen lassen.

Gabriela Suter will dem Lärm zu Leibe rücken

Gabriela Suter will gegen unnötigen Lärm vorgehen.

Gabriela Suter will gegen unnötigen Lärm vorgehen.

Alex Spichale

Dem wollte der grüne Aargauer Grossrat Daniel Hölzle schon vor zwei Jahren mit Lärmblitzern zu Leibe rücken. Inzwischen verlangt die Aargauer SP-Nationalrätin und Kantonalpräsidentin Gabriela Suter mit mehreren Vorstössen auf Bundesebene Massnahmen. Sie verlangt eine PS-Beschränkung für Auto-Junglenkerinnen und -lenker, ein Vorgehen mit Lärmblitzern gegen unnötigen Verkehrslärm sowie ein endlich wirksames Vorgehen gegen lärmende Motorräder.

Jetzt soll der Bundesrat gar mit einer Kommissionsmotion beauftragt werden, dem Parlament auf Basis einer umfassenden Auslegeordnung wirksame legislative Massnahmen vorzulegen. Insbesondere verlangt die Motion Massnahmen gegen illegal getunte Fahrzeuge, vollzugstauglichere Bestimmungen zur Sanktionierung von übermässig lautem Fahrverhalten sowie einfachere Kontrollen, zum Beispiel mithilfe von Lärmblitzern. Die Kommission möchte mit ihrer Motion den Druck erhöhen und schnell Verbesserungen in der Lärmbekämpfung erreichen. Sie nimmt damit die Anliegen dieser Initiativen von Gabriela Suter teilweise auf, indem sie im Rahmen eines übergeordneten Massnahmenpakets geprüft werden sollen.

Aus Sicht der Kommissionsminderheit (die sie ablehnt) bräuchte es zuerst vertiefte Abklärungen, bevor in einer folgenden Etappe zielgerichtete Massnahmen entwickelt werden könnten.

Lärmmessgerät aus Villnachern zeigt, wenn man zu laut ist

Doch einen Lärmblitzer gibt es in der Schweiz bisher nicht. Seit zwei Jahren vermietet und verkauft hingegen die auf Verkehrszählungen spezialisierte Firma Innolutions in Villnachern als Generalimporteurin ein in Deutschland entwickeltes Lärmmessgerät. Dieses zeigt, wenn man zu laut und/oder zu schnell unterwegs ist. Es kann Personenwagen und Motorräder, aber auch einen Bus von einem Lastwagen und die entsprechende Lärmkategorie unterscheiden.

Die AZ war vor zwei Jahren dabei, wie in Schinznach-Bad so Gerät aufgestellt und betrieben wurde, und welche Reaktionen es auslöste:

Marco Suter, Geschäftsführer von Innolutions, erklärt das System und was damit möglich ist. (April 2019)

Simone Morger

Weil die Verkehrsteilnehmer die Lärmanzeige gut sehen konnten (was Absicht ist), reagierten sie auch und gingen vom Gas runter, wenn die Anzeige es anmahnte. Marco Suter, Geschäftsführer von Innolutions: «Damit erfüllen wir den Zweck, die Anwohner haben weniger Lärm. Wir setzen unser Gerät präventiv ein. Ziel ist nicht, zu büssen, sondern zu zeigen, wenn jemand – ob absichtlich oder nicht – zu laut unterwegs ist.»

Aufmerksam machen, dass Lärm andere Menschen stört

Marco Suter ist aber froh um die aktuelle Diskussion. Das zeige den Verkehrsteilnehmern auch die Sicht von Anwohnerinnen und Anwohnern. Sinnvoll sei es, eine Messung bei einem Pflegeheim oder einer Rehabilitationsklinik zu machen, oder an einer am Wochenende von Motorradfahrern stark frequentierten Passstrasse: «Wir wollen die Verkehrsteilnehmer aufmerksam machen, dass Lärm andere Menschen stört, dass sie in der Freizeit ihre Ruhe geniessen und nachts schlafen und nicht von Motorenlärm geweckt werden wollen.» Es bringe aber nichts, beispielsweise an der Staffeleggstrasse einen Lastwagen zu messen, der Gas gibt, um auf den Pass zu kommen. Suter: «Da muss er Gas geben und ist laut, er kann nicht anders. Hier zu messen brächte gar nichts.»

Nachhaltige Wirkung, wenn wiederholt eingesetzt

Aber hat das überhaupt Wirkung, würde nicht erst ein richtiger Lärmblitzer mit Bussenfolge disziplinierend wirken? Suter: «Einen Lärmblitzer würden wir nicht verkaufen. Wir setzen auf Prävention, und auf das Verständnis der Menschen. Weil die Sensibilität zunimmt, haben wir deutlich mehr Anfragen. Wenn das Gerät wiederholt an derselben Stelle steht, hat es auch nachhaltige Wirkung.» Im süddeutschen Raum sind 200 davon fix installiert. Die Erfahrungen seien positiv.

Viele Geräte zeigen aber nicht mehr das genaue Tempo oder die Dezibelzahl an, wenn jemand zu schnell und/oder zu laut unterwegs ist. Warum nicht? Suter: «Da sieht man oft nur noch ein rotes Ausrufezeichen, weil manche extra laut waren, um mit einer hohen Dezibelzahl zu prahlen. Das ist keinesfalls der Zweck des Geräts.»

Demonstration für Politiker vor dem Bundeshaus

Über mangelndes Interesse kann sich Suter nicht beklagen. Anfragen bekommt er als Generalimporteur inzwischen aus der ganzen Schweiz. Die Stadt Lausanne etwa mietete erst Geräte, kaufte sie dann und setzt sie jetzt sehr medienwirksam sein. Auf Anfrage des Uvek von Bundesrätin Simonetta Sommaruga konnte er sein Lärmmessgerät und dessen Wirkung für Politikerinnen unlängst gar auf dem Bundesplatz demonstrieren.