Aargau
Ist die schulische Integration von Lernschwachen und Behinderten gescheitert?

Die FDP verlangt Auskunft vom Regierungsrat über Folgen der Integrativen Schulung von Lernschwachen und Behinderten an der Volksschule. Die Partei befürchtet, dass es nicht gut um das neue System steht – die Schülerzahl der Sonderschulen zeigen.

Hans Fahrländer
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Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler – hier bei einem Besuch der Realschule Niederwil AG im Mai 2013 – muss kritische Fragen der FDP-Fraktion zur Integrativen Schulung beantworten. Robert Benz/Archiv

Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler – hier bei einem Besuch der Realschule Niederwil AG im Mai 2013 – muss kritische Fragen der FDP-Fraktion zur Integrativen Schulung beantworten. Robert Benz/Archiv

Integration in der Volksschule (IS) bedeutet: eine Schule, eine Klasse für (möglichst) alle, keine Kleinklassen, möglichst wenig Einweisungen in Sonderschulen. Konkret: Lernschwache, Verhaltensauffällige und wenn möglich auch Behinderte werden in der Regelklasse «mitgenommen». Die Einführung von IS liegt in der Kompetenz der Schulgemeinden. Die von der Wissenschaft vertretene These lautet: Schwächere Schüler profitieren von der Integration bei den Stärkeren und werden nicht mehr separiert und stigmatisiert – und den Stärkeren schadet die Integration der Schwächeren nicht.

Die Administration des ehemaligen Bildungsdirektors Rainer Huber (CVP) hat diese Schulungsform vom Kanton aus energisch gefördert, die Administration seines Nachfolgers Alex Hürzeler (SVP) hat Druck weggenommen: kein Einfluss mehr vom Kanton. Das kann aber auch heissen: fehlende Unterstützung und Beratung vom Kanton. Heute ist IS im Aargau fast flächendeckend eingeführt – freiwillig, ohne gesetzlichen Zwang.

Lauter Verlierer?

Die FDP-Grossratsfraktion hat nun ein Postulat eingereicht. Sie verlangt von der Regierung einen Bericht «über die aktuelle Situation und die Kosten/Nutzen-Entwicklung» seit Einführung von IS. Den Freisinnigen schwant nämlich Böses: Laut «Reaktionen aus dem Schulumfeld» produziere IS «zahlreiche Verlierer»:

  • Schwächere Schüler, die in der Regelklasse konstant überfordert seien.
  • «Normalbegabte», motivierte Kinder, die zu kurz kommen, wenn sich die Lehrerin vor allem mit den Schwächeren befassen muss.
  • Lehrkräfte, die von der grossen Heterogenität in den Klassen überfordert würden.

Die FDP hat zudem festgestellt, dass ein Hauptziel von IS verfehlt werde: «Die Einweisungen in die Sonderschulen steigen weiterhin in beträchtlichem Masse.»

Die Bildungskosten im Aargau sind in den letzten Jahren stark angestiegen (deshalb nun auch der Druck mit dem Sparpaket des Regierungsrats). Die Freisinnigen mutmassen, dass ein Hauptgrund der Kostensteigerung bei IS zu suchen ist. Sie verlangen deshalb auch Aufschluss über die Entwicklung bei den diversen
individuellen Fördermassnahmen in den Regelklassen: Heilpädagogik-Lektionen, Logopädie, Legasthenie, Psychomotorik, Deutsch für Fremdsprachige, Krisen-Assistenzen ...

Ebenso interessiert die Freisinnigen die Kostenentwicklung bei der Lehrpersonen-Beratung und bei Ausfällen durch Burnout. Und sie verlangen Auskunft über die Kostenentwicklung durch IS in der Verwaltung.

Ausstieg ist für FDP kein Tabu

Die FDP will, dass das Aargauer Modell mit dem anderer Kantone, die «teilweise andere Rahmenbedingungen setzen», verglichen wird. Offenbar schliessen die Freisinnigen auch eine drakonische Massnahme nicht aus: Sie verlangen «eine umfassende Darstellung der Konsequenzen, die sich aus einem kantonsweiten Ausstieg aus IS ergeben würden». Mit diesem Vorstoss ist die Debatte über IS im Aargau endgültig lanciert.

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