Kulturpolitik
Im Aargauer Kuratorium sind neu zu viele Musikfachleute

Der Grosse Rat wählte drei neue Mitglieder für das Aargauer Kuratorium – aber am Bedarf des kantonalen Kulturfördergremiums vorbei. Jetzt könne man nur noch auf die nächsten Wahlen hoffen.

Sabine Altorfer
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Rolf Keller, Präsident des Aargauer Kuratoriums.

Rolf Keller, Präsident des Aargauer Kuratoriums.

EMANUEL PER FREUDIGER

Für Entscheidungen im Bereich Jazz wird das Aargauer Kuratorium in Zukunft wohl viel länger brauchen. Nicht weniger als 5 der 11 Mitglieder sind aktuell nämlich Musikfachleute, vier davon gar aus der Spezialsparte Jazz. Für sachkundige – und damit eben längere – Diskussionen ist hier also gesorgt.

Kommentar: Politisch korrekt, und doch falsch

Rechtlich ist an der Wahl der drei Kuratoriums-Mitglieder durch den Grossen Rat nichts auszusetzen. Die Fraktionen haben ihre Pflicht erfüllt, haben Vorschläge gemacht - und das Parlament hat sie, fast ohne Gegenfrage, gutgeheissen. Wie anders geht es doch bei Richterwahlen oder Ernennungen in prestigeträchtige Ämtli wie den Bankrat zu und her! Bei der Kultur aber streitet man sich nicht um Sitze. Zu wenig Prestige, zu wenig Lohn gibt es bei diesem arbeitsreichen Ehrenamt zu gewinnen. Zweifel kommen aber auch an der Kompetenz des Kuratoriums auf, wenn man hört, wie spät es sich gewehrt hat.

Für die Kultur im Kanton und ihre sachgerechte Förderung ist das Fehlen der richtigen Fachleute verheerend. Die wichtigste Leitplanke bei der Geldverteilung heisst hier künstlerische Qualität. Wenn nun fünf von zehn Plätzen mit Musikfachleuten besetzt sind, so bedeutet das für Kunstschaffende aus dem Bereich Theater, Literatur, Film und bildende Kunst, dass eine einzige Fachstimme zu viel Gewicht erhält. Und dass diese Fachleute mit zu viel Arbeit eingedeckt werden. (Sabine Altorfer)

Im Gegenzug hat die Sachkompetenz des kantonalen Fördergremiums in allen anderen Sparten abgenommen. Bildende Kunst, Film und Theater: Da gibts gerade noch je eine Fachperson, in der Literatur zwei.

Doch wie kam es zu dieser Zusammensetzung? Im Dezember standen Neuwahlen im Grossrat an, nachdem Robert Alberati, Fridolin Stähli und Beat Unternährer zurückgetreten waren. Das Vorschlagsrecht liegt bei den Parteien. Die SVP schlug den Musiklehrer und Trompeter Ernst Buchinger vor, die SP den Chor-- und Kirchenmusiker Markus Frey und die CVP die Germanistin und Kulturmanagerin Gabi Umbricht-Berger.

Rolf Keller, Präsident des Aargauer Kuratoriums, reagiert gegenüber der «Aargauer Zeitung» deutlich. «Diese Zusammensetzung stimmt für uns nicht. Mit fünf Mitgliedern aus der Musik ist dieser Fachbereich massiv übervertreten.» Mit lediglich zehn Sachverständigen, der Präsident oder die Präsidentin arbeite nicht in einem Fachbereich mit, müsse das Kuratorium die ganze Bandbreite des kulturellen Lebens abdecken, bei rund 700 Gesuchseingaben pro Jahr sei das eine ohnehin schwer zu erfüllende Aufgabe.» Er meine dies aber nicht als Kritik an den drei Gewählten. «Es sind drei interessante Persönlichkeiten, die uns als Personen willkommen sind. Aber sie decken die gewünschten Sachkompetenzen nur teilweise ab.»

Usus ist, dass das Kuratorium Anforderungsprofile erstellt und die Parteien, denen ein Sitz zusteht, Kandidaten suchen. Früher geschah das meist in Absprache mit dem Kuratorium. Rolf Keller: «Es ist bei diesen Wahlen leider einiges unglücklich gelaufen. Das Kuratorium war schlecht informiert über das Wahlprozedere – das sage ich auch selbstkritisch. Allerdings hatten wir recht unterschiedliche Signale erhalten, von ‹Mischt euch ja nicht in ein Wahlgeschäft ein!› bis zu ‹Ihr müsst halt aktiv lobbyieren für das, was ihr braucht!›, als es aber eigentlich schon zu spät war.»

Noch etwas konstatiert Keller: «Zu spät mussten wir überdies feststellen, dass vielen Grossrätinnen und Grossräten augenscheinlich kaum bewusst ist, welche Aufgaben das Aargauer Kuratorium zu erfüllen hat und dass es nicht wie eine beliebige Kommission funktionieren kann.»

Als die Anträge geschrieben, die Wahl bevorstand, griff Patricia Schreiber (Grüne) mit einem Rückweisungsantrag in letzter Minute ein. «Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Wasserleitungsbruch und man schickt Ihnen einen Elektriker vorbei. Wären Sie damit einverstanden? Handwerker sind nicht gleich Handwerker und Künstler sind nicht gleich Künstler.» Und Schreiber erinnerte die Ratsmitglieder an das Gesetz: «Das Kuratorium besteht aus 11 Mitgliedern. Die einzelnen Förderbereiche müssen darin angemessen vertreten sein.» Ihr Antrag wurde abgelehnt und die Wahl still vollzogen.

Als Konsequenz müsse das Gremium allenfalls vermehrt externe Experten einsetzen, sagt Keller. «Dann fliesst Fördergeld in Expertenhonorare statt in Kunstförderung.»

Nicht im Gesetz vorgeschrieben ist die Frauenquote. Doch auch hier hapert es – allerdings schon länger. Von den elf Mitgliedern sind nur drei Frauen. Was sagt der Präsident dazu? «Das sind mindestens drei zu wenig! Dabei geht es weder um sture Quoten noch plumpe Proportionen, sondern schlicht um reale Fakten.» Es seien vor allem Frauen, die sich kulturell engagieren. Und das Fehlen von Frauen wirkt sich auch auf die Beiträge aus. Bei der Beitragsfeier 2012 im November erhielten 22 Männer und lediglich zwei Frauen eine Förderung. Das Fazit von Rolf Keller: «So bleibt nur die Hoffnung auf die nächsten Ersatzwahlen.»Kommentar rechts

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