Wirtschaftssymposium
Hirslanden-Herzchirurg Carrel sagt: Jeder zweite Medizinstudent ist falsch ausgewählt

Am Wirtschaftssymposium Aargau standen Talente im Fokus – unentdeckte, aber auch bekannte wie Chirurg Thierry Carrel.

Manuel Bühlmann
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Thierry Carrel: 100 Stunden pro Woche arbeitet der Herzchirurg pro Woche.

Thierry Carrel: 100 Stunden pro Woche arbeitet der Herzchirurg pro Woche.

Alex Spichale

Talent hat er auf jeden Fall. Eine hohe Einsatzbereitschaft auch. 100 Stunden pro Woche arbeitet Herzchirurg Thierry Carrel – einen Teil davon in der Hirslanden Klinik Aarau. Nur zwei Operationen habe er am Vormittag gemacht, bevor er ins Aarauer Kultur- und Kongresshaus ans Wirtschaftssymposium gekommen sei, verriet er den rund 360 Vertretern von Aargauer Unternehmen im Publikum. Für Carrel, einer der besten seines Fachs, ein eher ruhiger Vormittag.

Sein Beruf verlange die Bereitschaft zu ausserordentlichen Einsätzen – diese vermisse er teilweise bei Nachwuchsärzten, sagte Carrel. Er kritisierte das Selektionsverfahren in der Schweiz. Die Softfaktoren würden bei künftigen Medizinstudenten zu wenig berücksichtigt: «50 Prozent sind falsch ausgewählt.» Er vermisse teilweise das Funkeln in den Augen. «Wir wollen Leute, die von Anfang an begeistert sind.» Eine Begeisterung, die sich der 55-Jährige über all die Zeit erhalten konnte.

Dazu beigetragen habe auch die ständige Abwechslung – etwa sein Engagement in der Aarauer Hirslanden Klinik: «Das ist wunderbar.» Damit sein Herz trotz hoher Arbeitsbelastung gesund bleibt, lässt er sich von seinen Kollegen untersuchen. Carrel: «Ich wäre entsetzt, wenn sie ein medizinisches Problem nicht frühzeitig erkennen würden.» Der Herzchirurg hält sich mit Sport fit. Im Sommer fährt er einmal pro Woche mit dem Velo von Aarau nach Bern. Zweieinhalb Stunden braucht er für die Fahrt an seinen Wohnort, wo er Klinikdirektor am Inselspital ist. Dort bemühe er sich, den jungen Ärzten gute Bedingungen zu bieten – «damit sich Talente entwickeln können». Begeisterung allein genüge aber nicht, sagte Carrel. «Es gibt auch begeisterte Leute, die nicht geeignet sind.» Deshalb schaut er bei Bewerbungen möglichst genau hin: Wer von Carrel angestellt werden möchte, muss in Gesprächen mit bis zu sechs verschiedenen Personen überzeugen.

Zwei Millionen Bewerbungen

Verglichen mit Google ist das wenig. Dort komme es schon mal zu 16 Interviews, bevor ein neuer Mitarbeiter eingestellt werde, sagte Philipp Ries. Der Zürcher arbeitet derzeit als Country Manager für Google in Dublin. Er muss es wissen. Den Job beim Onlineriesen erhielt er erst im zweiten Anlauf. Beim ersten Versuch wurde er abgelehnt – nach acht Gesprächen. Ries: «Sehr viele Talente aus der ganzen Welt wollen für Google arbeiten.» 5000 Personen bewerben sich – pro Tag. Von den jährlich zwei Millionen Bewerbungen sind nur 0,25 Prozent erfolgreich. Doch wer den Sprung zu Google schafft, findet dort angenehme Arbeitsbedingungen vor. Philipp Ries zeigte auf Fotos, was das bedeutet: Rutschbahn, Restaurants, Töggelikasten. «Wir geben den Talenten Freiraum, um kreativ zu sein.» Leistungen werden trotzdem erwartet – und bewertet. Mit halbjährlichen Noten – wie in der Schule.