Corona-Krise

Grosse Bewährungsprobe steht noch aus: Wie Hausarzt Lüscher und Apothekerin Sigg das Corona-Virus erleben

Der Hausarzt und Politiker der Grünen Severin Lüscher in seiner Praxis in Schöftland. Die Apothekerin und FDP-Politikerin Martina Sigg in ihrer Apotheke in Schinznach-Dorf.

Der Hausarzt und Politiker der Grünen Severin Lüscher in seiner Praxis in Schöftland. Die Apothekerin und FDP-Politikerin Martina Sigg in ihrer Apotheke in Schinznach-Dorf.

Wie ein Hausarzt und eine Apothekerin das Corona-Virus erleben. Und wie die beiden als Grossräte der Grünen beziehungsweise der FDP die bisher von den Behörden ergriffenen Massnahmen beurteilen.

Der Hausarzt und Politiker der Grünen, Severin Lüscher aus Schöftland, kann sich derzeit voll auf seine Patientinnen und Patienten konzentrieren. Denn Corona-bedingt finden derzeit – ausser es gehe um Corona – keine Fortbildungsanlässe der Ärzte statt. Jedenfalls keine solchen, wo viele Ärztinnen und Ärzte auf engem Raum beisammen sind. Lüscher: «Es wäre nicht zu verantworten, wenn sich auf diese Weise Medizinpersonal womöglich anstecken würde.»

Besonders viel Arbeit haben derzeit die medizinischen Praxisassistentinnen: «Sie haben sehr viele Anrufende, müssen viel erklären und oft auch beruhigen», so Lüscher. Meist können sie das Gespräch abschliessend führen, sonst wird der Patient für eine genaue Einschätzung mit ihm verbunden. Wenn man zum Schluss kommt, jemand habe eine saisonale Grippe, bekommt dieser das Arztzeugnis zugeschickt. Lüscher: «Ich glaube nicht, dass das in dieser ­Situation ausgenützt wird. Wenn wir Zweifel haben, stellen wir Kontrollfragen oder bestellen die Patienten ein.» Die häufigste Frage beim Ausstellen des Arztzeugnisses laute ohnehin nicht, wie lange man daheim bleiben könne, sondern: «Wann darf ich wieder arbeiten?»

Separates Wartezimmer für Leute mit Atemwegsinfekten

In der Praxis in Schöftland wurde ein zusätzliches Wartezimmer eingerichtet, in dem Patienten mit Atemwegsinfekten warten, und auch gleich eine Schutzmaske bekommen. Lüscher: «Wir haben Einzelne getestet, bisher war noch keiner positiv. Das Virus ist in unserer Praxis zum Glück noch nicht angekommen.» Der Arzt macht die Erfahrung, dass die Menschen zwar sehr besorgt, aber besonnen reagieren, aufmerksam zuhören und für Empfehlungen sehr empfänglich sind. Auch in den Medien werde die Situation gut gehandhabt. Was begleitend dazu in den sozialen Medien alles behauptet wird – darob kann er aber nur den Kopf schütteln.

Die Apothekerin und FDP-Politikerin Martina Sigg in ihrer Apotheke in Schinznach-Dorf.

Die Apothekerin und FDP-Politikerin Martina Sigg in ihrer Apotheke in Schinznach-Dorf.

   

Martina Sigg führt mit ihrem Mann eine Apotheke in Schinznach-Dorf, und sie ist FDP-Politikerin. In der jetzigen ausserordentlichen Situation erlebt sie zwei sehr unterschiedliche Arten von Kunden: «Einige sind völlig verunsichert und fürchten gar um ihr Leben, wenn sie keine Schutzmaske bekommen. Umgekehrt wollen einige fast wie von uns als Fachleuten bestätigt bekommen, dass das Ganze doch bei Weitem nicht so schlimm sei.» Den meisten dürfe sie aber ein Kompliment machen, sagt Sigg, «indem sie zwar zu Recht sehr aufmerksam und vorsichtig sind, aber nicht panisch reagieren».

Klare Absage an das Hamstern von Medikamenten

Die meisten kämen in die Apotheke für Beratung und Verhaltensmass­regeln und hören gut zu, beobachtet auch Sigg. Sorge bereitet ihr, wenn einzelne Apotheken dem Wunsch nach Medikamenten-Hamsterkäufen nachgeben. Das findet sie völlig falsch. Wenn jemand seine Medikamente für ein Jahr im Voraus holen will, bekommt er das bei ihr nicht, für einen Drei-Monate-Vorrat hat sie aber Verständnis: «Die Lieferketten, gerade aus China und neu auch aus Italien, funktionieren nicht mehr überall gut. Es ist deshalb erst recht zu vermeiden, dass es bei einzelnen Medikamenten plötzlich einen Hamsterkauf bedingten Engpass gibt: Ich verstehe Apotheker nicht, die Medikamente in so grossen Mengen verkaufen, und ein Geschäft mit der Angst der Menschen machen, statt sie richtig zu beraten.» Sie appelliert an die Eigenverantwortung der Apotheker und Patienten, beim Medikamentenkauf «Mass zu halten, damit es für alle genug hat».

Solange das Virus vorab aus China Schlagzeilen machte, sei es in der Apotheke noch recht ruhig gewesen, blickt Sigg zurück: «Als die ersten Fälle in Italien bekannt wurden, nahm die Nachfrage etwa nach Masken, Desinfektionsmitteln etc. explosionsartig zu.» Sigg beobachtet aber, dass sich die Situation etwas zu entspannen beginne und ergänzt: «Häufiges und sorgfältiges Händewaschen ist auch mit Seife sehr wirkungsvoll.» Sehr gefreut hat sie sich kürzlich über ein Angebot von Weinbauern aus der Region, Altwein so zu destillieren, dass sich 70-prozentiger Alkohol ergibt – zum Desinfizieren geeignet: «Dafür bräuchte es diverse Sonderbewilligungen, vielleicht kommen wir darauf zurück», so die Apothekerin.

Dickes Lob für den neuen Gesundheitsdirektor Gallati

Severin Lüscher sitzt für die Grünen und Martina Sigg für die FDP auch im Grossen Rat. Wie beurteilen die beiden die Arbeit der Behörden? In den ersten paar Tagen habe es beim Bundesamt für Gesundheit ­etwas geholpert, sagt Lüscher. Inzwischen sei der Informationsfluss beim Bund aber sehr gut, beim Kanton ebenso: «Die Empfehlungen sind vernünftig. Im Handeln der Behörden erkenne ich sehr viel Verantwortungsbewusstsein.» Er sei sehr froh, dass mit dem neuen Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati jemand an der Spitze sei, der seine Führungsverantwortung wahrnehme, lobt er.

Auch Martina Sigg trägt die bisherigen behördlichen Massnahmen voll mit. Sie seien in der jeweiligen Phase verhältnismässig und angemessen gewesen. Sie erwartet aber, dass nach der heutigen Bundesratssitzung deutlich weitergehende Massnahmen bekannt werden. Sie ärgert sich dafür über nicht in die Entscheidungsprozesse involvierte Experten, die via Medien mit weit auseinanderdriftenden Einschätzungen zusätzliche Verunsicherung bewirken.

Volle Unterstützung für Schutz der Risikogruppen

Völlig richtig findet Sigg, dass sich die Behörden jetzt auf den Schutz der Risikogruppen konzentrieren, und die Spitäler wo möglich entlastet werden, damit sie sich wappnen können. Lüscher blickt schon auf die im Herbst wiederkehrende saisonale Grippe, an der schweizweit jährlich rund 2000 Menschen sterben: «Ich hoffe, dass sich die Menschen dann erinnern, was man mit einer Impfung verhindern kann.»

Beide hoffen, dass die kommende Welle von Erkrankungen dank allen Massnahmen möglichst flach verläuft, sodass das Gesundheitssystem dies gut bewältigen kann. Zuversicht gibt Sigg, wie intensiv weltweit an einem Impfstoff geforscht wird. Klar sei aber, «dass uns allen noch eine grosse Herausforderung bevorsteht». Das sieht Lüscher genauso: «Die grosse Bewährungsprobe steht noch aus.»

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