Geothermie
Geothermie-Chef: «Der Raum Brugg wäre ideal zum Bohren bis 4000 Meter»

Ein Aargauer Verein strebt trotz Erdbebenrisiko ein Pilotkraftwerk für Strom und Wärme an. Er will dabei bis 4000 Meter tiefe Bohrungen durchführen. Unterstützt wird der Verein beim geplanten Vorhaben von Firmen wie ABB und Axpo.

Hans Lüthi
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Mark Eberhard will bis 4000 Meter in die Tiefe bohren - Erdbebenrisiko hin oder her.

Mark Eberhard will bis 4000 Meter in die Tiefe bohren - Erdbebenrisiko hin oder her.

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Einen Dämpfer hat das Erdbeben vom 20. Juli in St. Gallen allen Geothermie-Projekten im Land versetzt. Die Aargauer Promotoren werfen deswegen aber die Flinte nicht ins Korn, sondern verfolgen unbeirrt das Ziel einer eigenen Pilotanlage.

Das Erdbebenrisiko bei einer Bohrung auf 3000 bis 4000 Meter Tiefe können sie nicht völlig ausschliessen. «Aber die Erschütterungen wären weniger stark und im Bereich von schwachen natürlichen Beben.» Das sagt Mark Eberhard, Präsident des Vereins Geothermische Kraftwerke Aargau (VGKA). Begründung: «Wir holen die Wärme aus dem Kristallingestein, da hat es kein Gas», erklärt er.

Weil in St. Gallen die Bohranlage zu explodieren drohte, wurden 650 Kubikmeter Wasser in die Tiefe gedrückt. Das hat den Untergrund erschüttert, mit einer Magnitude 3,5 auf der Richterskala war das Erdbeben gut spürbar.

Wärme aus der Tiefe fördern

«Erschütterungen sind ein gewisses Risiko, aber es gibt im Bereich von Bruchzonen immer wieder Erdbeben. Man muss auch hier damit rechnen. Sie geschehen auch ohne Bohrungen», beruhigt Eberhard. Denn die wasserführenden Schichten werden in den kristallinen Bruchzonen vermutet (siehe Karte). Im rund fünf Kilometer tiefen Permokarbontrog ist nichts zu holen, aber in den zerklüfteten Randzonen hoffen die Fachleute auf 140 bis 180 Grad Celsius in 3000 bis 4000 Meter Tiefe.

Damit könnte man Strom produzieren und die Wärme nutzen. «Der Raum Brugg wäre ideal zum Bohren bis in 4000 Meter Tiefe, Lupfig und Hausen inbegriffen, weil Strom und Fernwärme vor Ort verwendet werden könnten», erklärt Eberhard. Auch die Fernwärme im unteren Aaretal habe grosses Interesse – denn wenn die Atomkraftwerke abgestellt werden, fehlt die Energie für den Betreiber mit 2600 Bezügern.

Wärmebohrung im Aargau könnte Erdbeben auslösen

Bis 4000 Meter tief in den Untergrund bohren ist kein Kinderspiel. Allein die Kosten von mehreren Dutzend Millionen Franken sind schwierig aufzutreiben. Erfolg hin oder her, der Aargauer Verein für Geothermie lässt sich nicht vom Ziel eines Pilotkraftwerks abbringen.

Obwohl zahlreiche Risiken lauern: Erdbeben, Gasaustritt, hochgiftige Mineralien wie Schwefel im Wasser. Der Aargauer Verein unter Präsident Mark Eberhard besteht nicht aus Fantasten. Der Verein ist breit abgestützt.
Hauptsponsoren sind die Aargauische Kantonalbank, die Migros und der Hauseigentümerverband Aargau. Zu den 120 Mitgliedern gehören viele namhafte Firmen: ABB, Axpo, AEW Energie AG, IBAarau, Regionalwerke Baden.

Auch 16 Gemeinden sind dabei, darunter Döttingen, Wettingen, Suhr und Wohlen. Nicht vertreten ist bisher die Aargauer Regierung.
Alle stützen sich auf die Energiestrategie des Bundes, der die Geothermie fördern will. Bis 2050 soll zumindest ein kleiner Teil des AKW-Stroms ersetzt werden. Wann ein erstes Pilotwerk Strom und Fernwärme liefert, ist noch offen.

Finanzierung als hohe Hürde

An Killerkriterien mangelt es der Geothermie nicht, schon in der Planungsphase einer Probebohrung. Denn diese kostet Dutzende von Millionen Franken. Solange der Strom in Europa fast gratis ist, dürften Geldgeber schwierig zu finden sein. Das kann Mark Eberhard nicht erschüttern. Er denkt längerfristig. In seinem Verein gibt es 1200 Mitglieder, darunter viele grosse Unternehmen wie ABB, Axpo oder AEW Energie AG.

Die Promotoren setzen auch auf die Energiewende des Bundes, bis 2050 soll die Geothermie gemäss Bundesrat mehr Energie liefern als heute das AKW Mühleberg. Bis maximal 60 Prozent der Investitionen würde der Bund als Risikogarantie übernehmen, wenn der Erfolg ausbleiben sollte.

Kommentar: Kein Fortschritt ohne Risiko

Stellt man sich vor, was für grossartige Pioniere vor über 100 Jahren am Werk waren, kann man nur staunen. Ohne sie gäbe es keinen Gotthardtunnel, keine Wasserkraftwerke und keine Stromversorgung. Im Vergleich dazu sind wir heute eher der Kategorie Angsthasen zuzuordnen.

Wenn nicht alles dreifach abgesichert ist, lassen wir lieber die Finger davon. Aber Pionierwerke wie die Geothermie sind nicht ohne Rückschläge zu haben. Das Risiko von kleinen Beben und Erschütterungen ist in Kauf zu nehmen. Im Erdinnern liegt ein unendliches Potenzial an Energie. Einmal angezapft, liefert sie pausenlos Strom und Wärme, Tag und Nacht - um wenigstens einen Teil der nuklearen Bandenergie ersetzen zu können.

Trotz aller Hindernisse: Es ist also gut und richtig, wenn sich die Aargauer Pioniere nicht entmutigen lassen.

Ohne Konkurrenz zur Nagra

Bei ihren Bohrungen ist die Nagra bis ins Kristallin vorgestossen, «aber in den Randzonen hat noch niemand gebohrt», erklärt Andreas Gautschi, für Geologie und Sicherheit bei der Nagra zuständig. Dank der neuen Seismik-Messungen vor einem Jahr kann die Nagra zwar ihre Untergrund-Karten verfeinern.

Nach wie vor aber weiss niemand, ob und wo es genügend heisses Wasser gibt. Fest steht indessen, dass sich Geothermie und Nagra nicht in die Quere kommen werden. «Wir bevorzugen gelagerte Zonen im seit 170 Millionen Jahren unveränderten Opalinuston, die Geothermie braucht zerklüftete, gestörte Zonen», sagt Gautschi. Den Thermalbädern will man das warme Wasser natürlich nicht abgraben. Das soll durch genügend Abstand zu Baden, Schinznach-Bad und Bad Zurzach sichergestellt werden. Wärmenutzungen in Rheinfelden und in Oftringen sind aus Tiefen von 600 bis 1200 Metern geplant.

In Schafisheim mit Gasmasken

Zum Stolperstein könnte die chemische Zusammensetzung des Tiefengrundwassers werden. «Bei der Nagra-Bohrung Schafisheim mussten die Männer ihre Bärte abschneiden und jederzeit eine Gasmaske griffbereit haben», betont Gautschi. Der dort im Muschelkalk-Grundwasser aufgetretene Schwefelwasserstoff ist für die Menschen hochgiftig, Bohrpumpen und Rohre verrosten in kurzer Zeit. «Die Mineralisierung der Gewässer ist ein grosses Problem», betont Untergrund-Kenner Andreas Gautschi. Im Kristallingestein seien solche Probleme hingegen weit weniger dramatisch.

Fazit: So oder muss die Geothermie bis zum Erfolg mit einigen schwierigen Problemen kämpfen.

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