700-jähriger Chormantel
Für diesen Aargauer Schatz wird die schweisstreibendste Züglete des Sommers veranstaltet

Der Transport eines 700-jährigen Pluviale aus dem Kloster Engelberg nach Königsfelden erweist sich als ausserordentlicher und anspruchsvoller Kraftakt.

Jörg Meier
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Mit grossem Aufwand ist ein 700-jähriges Messgewand aus dem Kloster Engelberg nach Königsfelden transportiert worden.
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Transport eines 700-jährigen Pluviale aus dem Kloster Engelberg nach Königsfelden
Es ist geschafft! Das Pluviale steht am vorgesehenen Platz in der Ausstellung. Die Besucher können kommen.
700-jähriger Chormantel reist zurück nach Königsfelden
Durch einen Quergang erreichen die Transporteure die Klosterkirche, die sie durch das Portal verlassen und dadurch ein paar Treppenstufen umgehen können.
Das Pluviale rollt nach zweistündiger Fahrt in der vorgeschriebenen leichten Schräglage in die Klosterkirche Königsfelden.
Vor der Klosterkirche in Engelberg wartet der gelbe Lastwagen des Transportunternehmens Welti-Furrer, das die kostbare Fracht nach Königsfelden bringt.
Stiftsarchivar Rolf De Kegel schiebt die vorbereitete Holzschiene unter den Rahmen, zwei Helfer versuchen gleichzeitig den Rahmen schräg zu halten und leicht anzuheben.
Konservator Thomas Imfeld hilft Museumstechniker Angelo Cirelli beim Überziehen des Traggurtes. Es gibt keinen Lift im Kloster; es bleiben nur Muskelkraft und gute Tragtechnik.

Mit grossem Aufwand ist ein 700-jähriges Messgewand aus dem Kloster Engelberg nach Königsfelden transportiert worden.

Mario Heller

Pluviale heisst das Objekt, von dem dieser Text handelt. Noch befindet es sich im Dachgeschoss des Klosters Engelberg. Fast 700 Jahre alt ist das Objekt, und es stammt ursprünglich aus dem Aargau, ganz genau aus dem Kloster Königsfelden. Das Pluviale erinnert entfernt an einen Umhang, wie ihn Batman trug oder andere Helden unserer Kindheit. Der unbedarfte Laie darf solche Vergleiche machen; der Fachmann präzisiert unverzüglich.

Es handle sich um einen Chormantel, der tatsächlich als Umhang von den Priestern getragen wurde, vorwiegend beim Verteilen von Weihrauch während der Messe, erklärt Stiftsarchivar Rolf De Kegel geduldig. Wahrscheinlich war das Pluviale etwa 300 Jahre lang im Einsatz; die leicht abgeschabten Stellen zeugen wohl auch vom heftigen Gebrauch der Arme beim Schwingen des Weihrauchfasses.

Das Pluviale im Dachgeschoss des Klosters ist einzigartig und äusserst wertvoll. Seit 1318 ist es in Engelberg und hat seither das Kloster kaum mehr verlassen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit habe Königin Agnes von Ungarn, die damals das Kloster Königsfelden als Zentrum der Macht zwischen den Eidgenossen und den Habsburgern etablierte, den mit Löwe und Adler bestickten Chormantel dem Kloster Engelberg geschenkt, sagt Archivar De Kegel.

Doch nun wird das Pluviale vorübergehend aus der Einsamkeit des Dachgeschosses befreit und darf als Leihgabe zurück nach Königsfelden, wo es die Hauptattraktion der Ausstellung über Königin Agnes von Ungarn wird. «Ich halte diese Ausleihe für sinnvoll», sagt Stiftsarchivar De Kegel, «ich kann mir keinen besseren Ort als Königsfelden vorstellen, wo Königin Agnes gelebt und gewirkt hat.»

Deshalb habe man in Engelberg dem Ansinnen des Museum Aargau sofort entsprochen und stelle das Messgewand gerne für die Ausstellung zur Verfügung. Das Museum Aargau muss lediglich für Transport und Versicherung aufkommen. Wie hoch die Versicherungssumme für das Pluviale ist, darüber haben das Kloster Engelberg und das Museum Aargau Stillschweigen vereinbart. Konkret kann dafür über den Transport nach Königsfelden berichtet werden. Denn der erwies sich alles andere als einfach.

Schwergewicht im Dachgeschoss

An einem prächtigen Sommermorgen Anfang Juli steigen drei erfahrene und durchtrainierte Museumstechniker ins Dachgeschoss des Klosters Engelberg. Ihr Auftrag: das Überführen des einzigartigen Pluviale nach Königsfelden. Wer glaubt, für den Transport eines Messgewandes brauche es doch wohl kaum drei ausgebildete Spezialisten, wird rasch eines Besseren belehrt. Denn seit der aufwendigen Restauration 1972 wird das Pluviale hinter Glas aufbewahrt. Damit sich das Gewand nicht mit der Zeit durch das Eigengewicht dehnt oder gar reisst, ist es auch auf einer leicht schrägen Holzplatte befestigt. So steckt das Pluviale dann halt in einer stattlichen Rahmenkonstruktion von 3,5 auf 1,8 Meter und wiegt gut und gerne 200 Kilogramm.

Unter grosser Anstrengung und mit viel Geduld hieven die drei Museumstechniker Messgewand samt Rahmen Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, Stockwerk um Stockwerk sorgfältig vom Dachgeschoss hinunter und quer durchs Kloster und versorgen es im Lastwagen, der vor der Klosterkirche bereitsteht. Frühaufsteher unter den Touristen, die es bereits bis zur Klosterkirche Engelberg geschafft haben, verfolgen neugierig das ungewöhnliche Verlademanöver.

Auch im Innern des Lastwagens gilt: Das Pluviale muss im genau vorgegebenen Winkel leicht schräg stehen, auch während der Fahrt. Selbstverständlich sind auch jegliche Erschütterungen strikte zu vermeiden. Vorausschauend haben die drei Techniker bereits eine Konstruktion gebaut und mitgebracht, die genau diese Bedingungen erfüllt.

Auch Abt Christian interessiert sich für die anspruchsvolle Verladeaktion. Als alle Akteure sich im Refektorium eine kurze Pause gönnen, kommt er vorbei und erkundigt sich nach dem Befinden von Transporteuren und Pluviale. Selbstverständlich wird der Abt die Ausleihe auch zum Anlass für einen Besuch in Königsfelden nehmen.

Leichte Schräglage garantiert

Rund zwei Stunden später hält der gelbe Lastwagen vor der Klosterkirche Königsfelden. Martina Huggel, leitende Kuratorin beim Museum Aargau, ist zusammen mit ihrem Team mit den letzten Vorbereitungen für die Ausstellung beschäftigt. Doch als der Transport aus Engelberg eintrifft, unterbricht Huggel ihre Arbeit und kontrolliert die kostbare, aus Obwalden eingeführte Fracht. Sie gibt rasch Entwarnung: Alles in Ordnung, das Pluviale steht immer noch genau so schief, wie es die Vorschrift verlangt, und hat auch sonst den Transport unbeschadet überstanden.

Das Entladen beginnt. Diesmal gibt es nur Schwellen zu überwinden, aber keine Stufen. Dafür hält die Ausstellung eine andere Überraschung für die tapferen Museumstechniker bereit: Als Pièce de Résistance erweist sich diesmal das millimetergenaue Platzieren der Installation am dafür vorgesehenen Platz, selbstverständlich wiederum in der vorgeschriebenen leichten Schräglage. Doch auch das gelingt mit vereinten Kräften und kreativen Ideen.

Dann ist es geschafft: Das Pluviale ist dort gut angekommen, wo es vor rund 699 Jahren schon einmal war. Auch das Klima stimmt und kann dem Messgewand nichts anhaben. Die Museumstechniker von Welti-Furrer verabschieden sich und machen sich auf zu ihrem nächsten Job. Diesmal geht es um einen Bildertransport in Basel. Der wird garantiert leichter sein.

Und wenn dann also heute Abend an der Vernissage die Besucher im Chor der Klosterkirche stehen und das prachtvolle Pluviale bewundern; wenn sie erfahren, dass das Gewand wohl
ursprünglich ein Wandteppich war; wenn sie darin die weltlichen habsburgischen Motive wie Adler und Löwe erkennen; wenn sie einige abgewetzte Stellen entdecken, die kunstvollen Stickereien sehen und erst noch begreifen, dass das alles vor 700 Jahren entstanden ist – wahrscheinlich sind sie dann ziemlich beeindruckt. Aber kaum einer dürfte ahnen, wie viel körperliche Anstrengung hinter einer simplen Ausleihe eines Messgewandes steht.

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