«FRAUENSTIMMEN»
Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz: «Wünsche mir, dass es für Gleichstellung keinen Kampf mehr braucht»

2021 ist ein Frauenjahr: Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht eingeführt und im Aargau vor 100 Jahren die Frauenzen­trale gegründet. Aus diesem Anlass erscheint unter dem Titel «Frauenstimmen» dieses Jahr jeden Montag ein Interview mit einer Frau.

Kristin T. Schnider
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Kathrin Steinmann ist Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz in Lenzburg.

Kathrin Steinmann ist Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz in Lenzburg.

Zvg

Wer sind Sie?

Ich bin Kathrin Steinmann, 33, Inhaberin und Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz in Lenzburg. Nach der Matura habe ich Politologie studiert, und die Wissenschaftlerin in mir mag es nach wie vor genau und strukturiert und will bei allem die Hintergründe verstehen. 2017 habe ich als Quereinsteigerin die traditionsreiche Buchhandlung Otz übernommen.

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?

Als introvertierte Person erhebe ich meine Stimme weniger im wörtlichen Sinne, sondern bin eher bestrebt, meine Werte zu leben. Es ist mir wichtig, allen Menschen mit Respekt zu begegnen und mir bewusst zu sein, dass jede Person ihre eigene Persönlichkeit, eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen mitbringt. Der natürlichen Umwelt gegenüber, und auch weil mir die «Immer mehr, immer grösser»-Mentalität nicht entspricht, ist es mir je länger, je wichtiger, bewusst zu konsumieren.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?

Da ich 16 Jahre später geboren wurde, bin ich mit der Selbstverständlichkeit aufgewachsen, dass Frauen das Wahlrecht haben. Es scheint mir aber immer wieder unfassbar, dass meine Grossmütter über 40 Jahre alt werden mussten, bis sie – interessierte und engagierte Frauen – politisch mitgestalten durften.

Chancengleichheit: Was braucht es dazu?

Respektvoller Umgang, Empathie, weniger Narzissmus. Genügsamkeit und weniger Angst, es werde etwas weggenommen, wenn anderen ebenfalls alle Möglichkeiten offenstehen.

Wovon träumen Sie?

Persönlich strebe ich an, mehr Gelassenheit und innere Ruhe zu finden. Ich denke, dass es auf die ganze Gesellschaft eine entspannende Wirkung hätte, würden wir alle mit weniger Leistungsdruck leben. Weniger Streben nach Macht und Besitz, mehr Wertschätzen von Geborgenheit und Zufriedenheit, wäre das nicht schön?

Worauf sind Sie besonders stolz?

Stolz empfinde ich als kurzfristiges Gefühl, als die Freude, wenn etwas gelingt. Langfristig ist es eher Dankbarkeit. Dafür, zu einer Zeit und in einem Umfeld zu leben, welche einem sehr viele Möglichkeiten eröffnen.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in welcher es keinen Kampf für Gleichberechtigung mehr braucht. Weil Gleichberechtigung selbstverständlich geworden ist. Und ich wünsche mir einfachere Umstände, das «Richtige» zu tun. Einerseits im Bereich des Konsums, indem der Entscheid, nachhaltig zu konsumieren, dadurch vereinfacht wird, dass immer weniger Produkte schädlich produziert werden. Andererseits, dass für jede Person «richtiges» Handeln intrinsisch sein kann. Also so, wie es für jeden selber stimmt, ohne dass die Gesellschaft stetig wertet und urteilt, wo es nichts zu werten und urteilen gibt.

Was ist Ihr Leitsatz?

Einen Leitsatz habe ich nicht, aber Werte, die ich zu leben versuche: Empathie, Respekt, Anstand.