Vierfachmord Rupperswil
Forensiker Frank Urbaniok: «Das ist eine extreme Ausnahmetat»

Wenige Tage nach der Festnahme von Thomas N., dem Vierfachmörder von Rupperswil, sind noch wichtige Fragen offen. Im TalkTäglich auf TeleM1 wurden einige thematisiert. Etwa: Wie kann ein Mensch überhaupt zu so einer Tat fähig sein?

Philipp Zimmermann
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Noch keine Woche ist der Vierfachmörder von Rupperswil gefasst - der Erklärungsbedarf ist aber noch lange nicht gestillt. Das zeigte der «TalkTäglich» auf Tele M1 am Dienstagabend. Gefragt sind in diesen Tagen gerade Fachleute wie der forensische Psychiater Frank Urbaniok, der sich von Berufs wegen mit Menschen beschäftigt, die schwere Straftaten begangen haben. Doch selbst für ihn ist ein Fall wie der Vierfachmord von Rupperswil alles andere als alltäglich.

Eine solche Tat sei in der Schweiz extrem selten, international gebe es schon solche Fälle, auch wenn sie «zum Glück seltener als andere Taten» seien. «Das ist eine extreme Ausnahmetat», sagte er. Das bezog er nicht nur auf die unglaubliche Brutalität. Ins Auge gestochen ist Urbaniok auch die Kaltblütigkeit und die Emotionslosigkeit, mit der Thomas N. seine Tat begangen haben muss. Möglicherweise sei dies eine Voraussetzung für das Doppelleben, das er geführt habe. Urbaniok zweifelt an der Annahme, dass Thomas N. ein gänzlich unauffälliger Mensch gewesen sei. Für ein sei es für ein abschliessendes Urteil zu früh. Erst einmal gelte es, seine Biografie zu durchleuchten.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit müsse aber man von einer längeren Vorbereitung ausgehen. «Die Tat ist wahrscheinlich die kleine Spitze des Eisbergs, der grosse Eisberg ein langer Vorlauf, während dem er sich gedanklich und emotional schon lange mit der Tat beschäftigt hat.» Aus der Persönlichkeit dürfte ein starkes Bedürfnis durchgedrückt haben, die Tat zu verwirklichen. In der Tat drücke sich zudem das Bedürfnis aus, andere Menschen und Situationen zu kontrollieren. Es gebe zumindest eine pädophile Ansprechbarkeit und möglicherweise eine Affinität zum lustvollen Töten.

Roland Wenger, Mediensprecher der Fussballvereine FC Sarmenstorf und SC Seengen, für die Thomas N. Junioren trainierte, erzählte von den Reaktionen aus dem Verein. Thomas N. habe seine Arbeit sehr gut und akribisch gemacht und sich dabei nichts zu Schulden kommen lassen. Die Bestürzung darüber, dass er der Vierfachmörder ist, sei sehr gross. «Es hat eine Art Trauer gegeben, dass ein Mensch, den man gekannt und dessen Hand geschüttelt hat, vier Menschen umgebracht hat.» Er sprach von einem grossen Schock und einer grossen Ohnmacht – auch weil niemandem etwas aufgefallen sei und Thomas N. sich nichts habe anmerken lassen. Einmal habe dieser sogar mit anderen über die Tat diskutiert.

Signal an Gesellschaft

Dem Aargauer Polizeidirektor Urs Hofmann hat in Gesprächen in den letzten Wochen und Monaten erfahren, dass der Vierfachmord die Leute unwahrscheinlich beschäftigt hat, «nicht nur in Rupperswil und im Kanton Aargau, sondern in der ganzen Schweiz». Hofmann gab der Hoffnung Ausdruck, die Aufklärung habe eine präventive Wirkung. Dem mochte Urbaniok «bei Tätern, die so entschlossen sind zu töten» nicht zustimmen. Jedoch sprach er von einem wichtigen Signal an die Gesellschaft, von einem verhinderten Vertrauensverlust. «Man sieht, der Staat ist handlungsfähig.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
29 Bilder
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Vierfachmord Rupperswil (All in one)
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat wird es in Rupperswil keine Gedenkfeier geben. Ammann: Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.

Keystone/PATRICK B. KRAEMER