Justiz
Fall Rupperswil: Prozess gegen Polizeioffizier, weil er Details zum Tatablauf ausgeplaudert haben soll

Die Staatsanwaltschaft klagt den Forensik-Chef an, der während der laufenden Ermittlungen Details zum Fall Rupperswil seiner Frau erzählt haben soll.

Fabian Hägler
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Spezialisten der Polizei am Tatort in Rupperswil: Nur wenige kannten den Tatablauf.

Spezialisten der Polizei am Tatort in Rupperswil: Nur wenige kannten den Tatablauf.

Sandra Ardizzone (Archiv)

Kurz vor Weihnachten 2015 klingelte Thomas N. in Rupperswil an der Türe einer Familie aus seiner Nachbarschaft und verschaffte sich mit einer Täuschung Zugang zum Haus. Er fesselte und knebelte die Mutter, deren Söhne (13 und 19) und die Freundin (21) des älteren Sohnes. Den jüngsten Sohn missbrauchte der pädophile Täter. Später schnitt er allen vier die Kehlen durch, goss Fackelöl über Möbel und Kleider und steckte das Haus in Brand.

Wenn es um den Täter geht, ist der grausame Vierfachmord von Rupperswil aufgeklärt und juristisch abgeschlossen. Im Juni dieses Jahres entschied das Bundesgericht endgültig: Thomas N. wird ordentlich verwahrt, eine Therapie erhält er nicht.

Der Vierfachmord von Rupperswil – von der Tat bis heute:

Der mutmassliche Täter Thomas N. und das Mordhaus in Rupperswil (Fotomontage)
33 Bilder
Thomas N. wurde im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH inhaftiert. Hier wartet er seither auf den Prozess.
21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
21. Dezember 2016: Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage. Der Prozess ist für März 2018 geplant.

Der mutmassliche Täter Thomas N. und das Mordhaus in Rupperswil (Fotomontage)

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az

Bedingte Geldstrafe und Busse für Forensik-Chef gefordert

Dennoch laufen im Aargau heute noch Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Fall Rupperswil. Recherchen der AZ zeigen nun: Ein Offizier der Kantonspolizei Aargau wird sich vor dem Bezirksgericht Baden verantworten müssen. «Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat wegen mehrfacher Amtsgeheimnisverletzung und mehrfacher versuchter Anstiftung zu falschem Zeugnis gegen den Beschuldigten Anklage erhoben», sagt Sprecherin Fiona Strebel auf Anfrage.

Die Staatsanwaltschaft fordert für den Forensik-Chef laut Fiona Strebel eine bedingte Geldstrafe von 270 Tagessätzen und eine Busse von 5000 Franken.

Hintergrund der Anklage gegen den Forensik-Chef ist dessen Verhalten nach dem Mordfall. Nur wenige Personen wussten von Anfang an, wie die Tat genau abgelaufen war. Die Strafverfolgungsbehörden gaben bis zum ersten Prozess gegen Thomas N. vor Bezirksgericht Lenzburg im März 2018 keine Auskunft dazu. Erst mit der Anklageschrift wurde publik, dass der Täter seinen Opfern die Kehlen durchschnitt. Der angeklagte Polizeioffizier soll dieses Detail während der Ermittlungen seiner Frau erzählt haben, die später mit weiteren Personen darüber gesprochen habe.

Befragte wussten Details der Ermittlungen

Tatsache ist: Bei den Ermittlungen erwähnten Befragte, sie hätten gehört, dass den Opfern die Kehlen durchgeschnitten worden seien. Diese Information hätten sie vom Schwiegersohn des Polizeioffiziers. Dieser sagte, er habe die Details von seiner Schwiegermutter oder seiner Frau – Quelle der Information sei der Forensik-Chef. Die beiden Frauen sagten, sie hätten keine Details weitererzählt. Sie hätten nicht gewusst, wie die Tat ablief, der Polizeioffizier habe ihnen nichts verraten.

Der Schwiegersohn des Polizisten musste sich 2018 vor Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, er habe den Forensik-Chef zu Unrecht beschuldigt, Insiderwissen ausgeplaudert zu haben. Das Gericht sprach ihn aber vom Vorwurf der falschen Zeugenaussage frei. Danach wurde das Strafverfahren gegen den Forensik-Chef wieder aufgenommen. Wann der Prozess stattfindet, ist noch offen, für den Polizisten gilt die Unschuldsvermutung.