Vierfachmord Rupperswil
Die Staatsanwaltschaft will die Spuren vernichten – bei der Kantonspolizei Aargau regt sich Widerstand

Im Zusammenhang mit dem Vierfachmord von Rupperswil wurden 270 Gegenstände beschlagnahmt. Die meisten sollen vernichtet werden. Das wäre ein Fehler, findet Polizeisprecher Bernhard Graser. Einige Gegenstände hätten historischen Wert.

Noemi Lea Landolt
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Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

270 Gegenstände sind im Fall Rupperswil beschlagnahmt worden. Sie werden in der Beilage zur Anklageschrift aufgelistet. Darunter zum Beispiel der Rucksack mit Kabelbinder, Seilen, einer Pistole und Klebeband, den die Ermittler bei der Hausdurchsuchung sicherstellten. Zu den beschlagnahmten Gegenständen gehören weiter etwa ein grauschwarzer Regenschirm, ein Notizbuch und drei Hundefotos. Abgesehen von ein paar wenigen Dingen, die N. zurückgegeben werden sollen, zum Beispiel sein Pass, beantragte die Staatsanwaltschaft, die Gegenstände zu vernichten.

Im Fall Rupperswil sollen aber nicht nur diverse beschlagnahmte Gegenstände vernichtet werden. Die Staatsanwaltschaft stellte ausserdem den Antrag, das Institut für Rechtsmedizin in Aarau sowie die IT und Kriminaltechnik der Kantonspolizei seien anzuweisen, sämtliche Asservate, Gegenstände und Daten, die im Zusammenhang mit dem Strafverfahren sichergestellt und gesammelt wurden, zu vernichten.

Der Fall Rupperswil und die Urteile

Kurz vor Weihnachten 2015 klingelte Thomas N. in Rupperswil AG an der Türe einer Familie aus seiner Nachbarschaft. Er missbrauchte den jüngsten Sohn, schnitt allen vier anwesenden Angehörigen die Kehlen durch und zündete das Haus an. Im März 2018 verurteilte ihn das Lenzburger Bezirksgericht zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer ordentlichen Verwahrung. Hier gehts zum Urteil.

Das Aargauer Obergericht bestätigte dies im Dezember 2018 und hob einzig eine angeordnete Psychotherapie auf. Nun haben die Parteien das Urteil erhalten. Die schriftliche Fassung enthält zwei Neuigkeiten: zur Honorarkürzung und zur Vernichtung von Beweismitteln. Derzeit läuft die dreissigtägige Frist, in der Beschwerde am Bundesgericht eingereicht werden kann.

Vierfachmord von Rupperswil: das Dossier

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Keine gesetzliche Grundlage

Das Bezirksgericht Lenzburg und nun auch das Obergericht sind auf diesen Antrag nicht eingetreten. Es sei nicht ersichtlich, auf welcher gesetzlichen Grundlage das Gericht über die Vernichtung dieser Gegenstände entscheiden könnte, heisst es im schriftlichen Urteil des Obergerichts. Es obliege der Staatsanwaltschaft, «die sachgemässen Verfügungen» zu treffen, schreibt das Gericht. Die betreffenden Gegenstände und Daten dienten laut Nicole Payllier, Mediensprecherin der Aargauer Gerichte, der polizeilichen Ermittlung und Untersuchung. «Es handelt sich unter anderem um Asservate für medizinische Untersuchungen wie zum Beispiel von Blut und Urin oder um gesicherte technische Daten, etwa aus Handyauswertungen.»

Ein Fall fürs Museum? Die Kantonspolizei Aargau hat Interesse an den Gegenständen, die im Fall Rupperswil sichergestellt worden sind. Die Staatsanwaltschaft hatte beantragt, die Beweise und Spuren zu vernichten.

Ein Fall fürs Museum? Die Kantonspolizei Aargau hat Interesse an den Gegenständen, die im Fall Rupperswil sichergestellt worden sind. Die Staatsanwaltschaft hatte beantragt, die Beweise und Spuren zu vernichten.

CH Media

Der Vierfachmord ist ein aussergewöhnlicher Fall der Schweizer Kriminalgeschichte. Da stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sämtliche Spuren zu vernichten. Bernhard Graser, Mediensprecher der Kapo Aargau und Verantwortlicher für das Polizeimuseum in Aarau, sagt: «Es wäre meines Erachtens ein Fehler, diese Gegenstände zu entsorgen.» Es handle sich in diesem Fall nicht einfach um Beweismittel, sondern um «Gegenstände mit einem gewissen historischen Wert». «Sie müssten aufbewahrt werden», sagt er und kündigt an, dieses Anliegen intern zu deponieren. Er wolle auf keinen Fall pietätlos erscheinen, betont Graser. Natürlich sei der Fall heute noch viel zu nah, um ihn mit Tathilfsmitteln in einem Kriminalmuseum vorzustellen. «Aber in zwanzig, dreissig Jahren sieht das womöglich anders aus.» Natürlich müsse auch sehr sorgfältig geprüft werden, welche Objekte geeignet wären.
Gleich sieht es der pensionierte Kriminalkommissär Markus Melzl: «Solche Gegenstände muss man behalten.» Er gehe davon aus, dass das Gericht einen entsprechenden Antrag der Kriminalpolizei gutheissen würde.

Strafrechtsprofessor Martin Killias findet es generell «ein Problem, dass in Europa nach Eintritt der Rechtskraft sämtliche Spuren vernichtet werden». Dies sei einer der Gründe, weshalb in Amerika Wiederaufnahmeverfahren viel häufiger vorkämen und öfter Erfolg hätten.

Das sagt die Staatsanwaltschaft

Dass in der Schweiz Beweise vernichtet werden, wenn ein Urteil rechtsgültig ist, sei die Regel, hält die Staatsanwaltschaft fest:

"In der Schweiz werden anders als in den USA Beweismittel nach Rechtskraft eines Urteils in der Regel vernichtet, und zwar nicht auf Anordnung der Staatsanwaltschaft, sondern auf Anordnung des Gerichts. Eben gerade weil die Staatsanwaltschaft keine solchen Anordnungen treffen kann und soll, haben wir das ja dem Gericht beantragt."

Zu einer möglichen Aufbewahrung zwecks Ausstellung in einem Museum schreibt die Staatsanwaltschaft:

"Wenn die Kantonspolizei gewisse Gegenstände behalten möchte, kann sie sich vor Anklageerhebung an die Staatsanwaltschaft wenden mit der Bitte, für jene beschlagnahmten Gegenstände, die sie behalten und später ausstellen möchten, keine Einziehung und Vernichtung zu beantragen. Das hat die Kapo jedoch nicht getan."