Persönliche Reportage
Die Schmetterlinge und ich

Seit 21 Jahren zählt der Kanton Aargau alles, was kriecht und fliegt - unter anderem auch Tagfalter.

Patrick Züst
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Patrick Züst unterwegs im Aargau als Schmetterlingsfänger. ZVG

Patrick Züst unterwegs im Aargau als Schmetterlingsfänger. ZVG

Patrick Zuest

Früher gab es den Rattenfänger von Hameln, heute gibt es den Schmetterlingsfänger vom Aargau. Mit dem Projekt LANAG will der Kanton eine langfristige Beobachtung der Artenvielfalt ermöglichen, dadurch Rückschlüsse auf die Qualität der Aargauer Lebensräume gewinnen. Erhoben werden dabei die Daten von Vögeln, Pflanzen, Spinnen und Schmetterlingen. Sie sollen unter anderem Aufschluss über die Effektivität von Natur- und Landschaftsschutzprojekten geben.

Als Teil meines Zivildienstes untersuche ich die Tagfaltervielfalt an rund 60 kantonalen Standorten, probiere Pfauen- von Ochsenaugen zu unterscheiden und Schornsteinfeger von Berghexen. Unterwegs bin ich jeweils mit dem Fahrrad, bearbeite im Abstand von zwei Wochen Transekte im ganzen Kanton. Das ist schön, oft anstrengend und manchmal ziemlich demütigend. Zum Beispiel dann, wenn man sich am Bahnhof Spreitenbach mit einem Schmetterlingsnetz in der Hand durch eine Horde Schüler drängt, im konfusen Zickzack-Kurs durch das halbe Dorf sprintet und schlussendlich den kleinen weissen Falter mit einem heldenhaften Hechtsprung einfängt. Ist es ein Senf-, ein Raps- oder ein Kohlweissling? Das interessiert unterdessen nicht mehr nur den Kanton, sondern auch mich persönlich.

Filigrane Flieger

Schmetterlinge sind absolut faszinierend. Hätte ich nicht erwartet, stimmt aber tatsächlich. In der Schweiz gibt es rund 200 Tagfalterarten – bis jetzt hatte ich erst einen knappen Zehntel davon im Netz. Das macht Lust auf mehr, weckt den persönlichen Ehrgeiz. Wenn man sich über längere Zeit hinweg mit Schmetterlingen beschäftigt, lernt man viel über die filigranen Flieger: Dass es nicht nur gelbe Weisslinge, sondern auch weisse Bläulinge gibt; dass Nachtfalter zwar am Tag, Tagfalter aber nicht in der Nacht fliegen; dass der Rapsweissling nach Zitrone, der Zitronenfalter aber nicht nach Raps riecht.

Vor allem aber lernt man auch viel über den Aargau. Die untersuchten Standorte sind im ganzen Kanton verteilt – manchmal in Wäldern, manchmal in Wohnquartieren. Und manchmal eben am Bahnhof Spreitenbach. Dort, wo ich damals nach erfolgreicher Jagd und vielen irritierten Zuschauern konsterniert feststellte, dass es sich beim gefangenen Schmetterling um einen gewöhnlichen Rapsweissling handelte. Kein bahnbrechender Fang – weder für mich noch für den Kanton oder die Wissenschaft. Aber schon in zwei Wochen habe ich die nächste Chance in Spreitenbach. Vielleicht bin ich dann ja erfolgreicher. Ich, der Schmetterlingsfänger.

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