Leserwandern 2014
Die Leserwanderung hat das Oberbaselbiet erreicht

Die Leserwanderung hat das Oberbaselbiet erreicht. Die Tafeljuralandschaft birgt viele Geheimnisse. Rund 70 Leserinnen und Leser nahmen an der 11. Etappe teil.

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Leserwandern in Tecknau
13 Bilder
Der Webstuhl im Heimatmuseum in Oltingen bringt zum Staunen
Atemraubender Aufstieg gleich nach dem Start
Beim Maijelis Gumpi im Tal der Ergolz
Spezielle Gäste von der Fondation Barry mit der Bernhardiner Hündin Gianna und Markus Kretz (rechts)
Der Frauenverein von Anwil verköstigt die Schar mit feinem Gebäck
Gemütliche Rast
Grossrat David Jenny checkt die Mails
Marlen Werner, Veronika Weber und Max Lüscher, alle drei fleiisige Leserwanderer, in der Kirche von Oltingen
Regula Waldner (Culterra Tours Jura) erklärt die Geologie des Jura
Ruedi Bürgi, Gemeindepräsident von Tecknau, begrüsst die Wanderer
Ständerat Caude Janiak nimmt die Wanderung ebenfalls in Angriiff
Verdiente Rast in Anwil

Leserwandern in Tecknau

Hubert Keller

Wer unter «Faltenjura» nur eine Einstellung auf seiner Nähmaschine versteht, und den Begriff «Plattentektonik» vor allem mit der Herstellung von Cremeschnitten in Verbindung bringt, sollte sich schleunigst mal mit Regula Waldner unterhalten.

Oder noch besser unter ihrer Leitung den Erlebnispfad Passe-partout Tafeljura abschreiten. Die studierte Geografin und Ethnologin aus Wenslingen ist nicht nur eine äusserst clevere Frau, sondern sie weiss auch genauestens über diese prächtige Kulturlandschaft im östlichsten Zipfel des Baselbiets bescheid; angefangen bei der zig Millionen alten geologischen Entstehungsgeschichte des Hochplateaus, über die besondere Architektur der Ortschaften, bis hin zum Wesen der einstigen Posamenterei.

Da sind beispielsweise diese absonderlichen Flurnamen, die den Teilnehmern der elften Etappe der Leserwanderung überall begegnen: Der Pass über die Schafmatt, von dessen Transitverkehr zum Mittelland die Dörfer Oltingen, Anwil und Wenslingen jahrhundertelang profitierten, hatte ursprünglich nichts mit den vierbeinigen Wollknäueln zu tun.

Vielmehr leitet sich sein Name von «Schâchmatt» ab, was auf ein früheres Tummelfeld von Schächern, also von Räubern und Wegelagerern hinweist.

Nicht minder unsympathisches Volk dürfte einst auf dem Heimatlosenplätz herumgelungert sein. Und wieso der Wasserfall im Naturschutzgebiet Ergolztal ausgerechnet Häxe- oder Tüfelschuchi heisst, hat wohl weniger mit dem Leibhaftigen und seinen Groupies zu tun als mit der unheimlichen Stimmung, die frühere Bewohner angesichts der sprudelnden Kalkfelsen empfanden.

Natürlich lassen sich all diese Begriffe und Geschichten, die dahinter stecken, auch irgendwo nachlesen. Wenn aber eine Expertin wie Waldner aus erster Hand darüber berichtet, hört selbst Bernhardinerhündin Gianna ganz genau hin; oder tut zumindest so.

Die Nicht-Einheimischen unter der rund 70-köpfigen Montagswanderschar sind gleichzeitig für die Simultanübersetzung der Oberbaselbieter Ortsnamen dankbar. Dass Wenslingen «Weislige» ausgesprochen wird, und Anwil im Volksmund «Ammel» heisst, muss ja auch erst einmal gesagt sein. Spätestens bei der Besichtigung der zauberhaften Ortsbilder merkt selbst der grösste Skeptiker, dass die Nachfahren der Schächer und Strauchdiebe von einst heute ziemlich fleissige und patente Leute sein müssen.

Fleissig etwa wie Dora Meier, die dem Zwetschgentörtli und anderen Hochstammprodukten aus dem Oberbaselbiet zu einem eigentlichen Comeback verholfen hat und nun solche Leckereien unter dem geschützten Label Posamenter vertreibt.

Der imposante Seidenbandwebstuhl im Heimatmuseum Oltingen weist dagegen auf die historische Posamenterei hin: Vom 18. bis weit ins 20. Jahrhundert stellten hiesige Bauernfamilien als Nebenerwerb in Heimarbeit bunte Seidenbänder her.

Die Gewinne sackten die reichen Basler Fabrikanten ein, während den Bauernfamilien nach der mehrwöchigen Plackerei oftmals bloss genügend Verdienst für ein paar neue Schuhe blieb.