Aargauer Kurator

«Der Streit zwischen dem Ost- und Westaargau ist befremdend»

Peter Erismann im Aargauer Kuratorium: «Ich bin Kulturmanager mit einem heissen Kern.»

Peter Erismann im Aargauer Kuratorium: «Ich bin Kulturmanager mit einem heissen Kern.»

Der neue Geschäftsführer des Aargauer Kuratoriums, Peter Erismann ist seit 100 Tagen im Amt: Im Interview lobt er den Aargau, nicht aber den Streit zwischen Baden und Aarau. Und er erklärt worin sich die Berner vom Aargauer unterscheiden.

Peter Erismann, nach gut 100 Tagen im Amt: Sind Sie zufrieden?
Peter Erismann: Es gefällt mir ausserordentlich gut, die Aargauer und Aargauerinnen haben mich mit heller Freundlichkeit aufgenommen. Hier herrscht eine andere Mentalität als in Bern.

Wie unterscheiden sich denn die Berner und die Aargauer Mentalität?
Man ist offen, neugierig auf die Neu-Akquisition aus Bern. Mir gefällt auch wie sich der Aargau, der für mich mehr oder weniger ein weisser Fleck auf der Landkarte war, zwischen Bern, Basel und Zürich positioniert. Und sich mit Selbstbewusstsein auch Knowhow ausserhalb der Grenzen holt.

Was hat Sie bisher mit dem Aargau verbunden – mal abgesehen von Ihrem Bürgerort Beinwil am See?
Ich habe zwei wichtige Bezugspunkte: Das Aargauer Kunsthaus, das mich als heimliche Nationalgalerie immer beeindruckt hat und in dessen Kunstverein ich seit langem Mitglied bin. Und der zweite Strang ist die Literatur, sind Hermann Burger und Klaus Merz, über die ich Ausstellungen gemacht habe. Dabei habe ich das Wynental, einige Regionen und Aarau kennen gelernt – ein kleine stolze Stadt.

Welches kulturelle Ereignis im Kanton hat Ihnen in Ihrer erst kurzen Amtszeit am meisten Eindruck gemacht?
Der Kulturmarkt in der Alten Reithalle zum 10-Jahre Jubiläum «Kultur macht Schule». Ich war beeindruckt vom Ort, den vielen engagierten Leuten und dem Anlass. Am Schluss wurde das neue «Aargauer Lied» gesungen. Das kann ich also bereits.

Wenn ich höre, wie Sie vom Aargau schwärmen, nehme ich an, dass Sie bald hierher zügeln.
Ich bin ja da. (lacht). Nein, ich wohne in Bern und bleibe dort wohnen. Hier gibt’s vielleicht mal ein Bett – aber nicht im Büro (lacht). Aber ich finde, auswärts wohnen geht gut. Vom Geschäftsstellen-Team wohnt einer in Zürich, einer in Basel, zwei im Aargau: Das ist befruchtend und weitet den Blick.

Sie wirken zufrieden. In der Aargauer Kulturszene dagegen ist eher «mittlere Zufriedenheit» oder auch «mittlere Unzufriedenheit» zu spüren. Die Institutionen bekommen alle etwas Geld, aber niemand richtig genug. Spüren Sie das?
Nein. Ich kenne aber auch das Innenleben der Institutionen noch nicht. Bis jetzt habe ich vor allem Zahlen gesehen. Die sind eindrücklich. An der letzten Plenumssitzung haben wir rund drei Millionen Franken gesprochen, über 200 Gesuche entschieden. Wir fördern doch einige Institutionen substanziell: Theater Tuchlaube, Theater Marie, Kurtheater… verbunden mit Leistungsverträgen, was Planungssicherheit gibt. Im Bereich Rock/Pop haben wir den Beitrag für das KiFF um 70 000 Franken erhöht. Bei den Ausstellungshäusern gebe ich Ihnen recht: Die haben wohl etwas zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Im nächsten Jahr ist eine Diskussion darüber geplant.

Das Kuratorium hat seit fünf Jahren keine Budgeterhöhung erhalten, der Kanton kürzt bei den Leuchttürmen seine Beiträge: Das spürt man!
Die Kürzungen bei den Leuchttürmen bedaure ich. Beim Kuratorium sind wir erleichtert, dass der Grosse Rat am 8. Dezember die angedrohte Kürzung von 500 000 Franken rückgängig gemacht hat und wir zumindest für das nächste Jahr wieder 6,2 Millionen Franken haben.

Die Kultur steht stets im Spannungsfeld zwischen Geld und Geist. Was ist Ihnen näher?
Mir ist der Geist näher. Ich komme von den Inhalten her, ich bin ein Kulturmanager, der einen heissen Kern in sich trägt. Aber ich habe ein entspanntes Verhältnis zu Zahlen und Budgets – und suche gerne kreative Lösungen.

Ist das Kuratorium für Sie Sprachrohr für die Kultur gegenüber der Politik?
Ja, Fürsprecher, Filter und Transmitter, um die Ansprüche, Sorgen und Inhalte der Kulturschaffenden gegenüber der Verwaltung und der Politik zu vermitteln. Es brauchte schon Arbeit, um die Kürzung im Grossen Rat abzuwenden, um zusammen mit Kultur-Institutionen unsere Förderarbeit zu erklären und zu zeigen, dass wir unsere Mittel gut einsetzen.

Noch ists gut gegangen…
Ja, sowohl Präsident Rolf Keller, wie das Plenum und ich, wir sind uns bewusst: Kürzungs-Diskussionen können wieder kommen. Aber wir haben gute Argumente, nicht zuletzt, dass das unabhängige Kuratorium in anderen Kantonen als beispielhaft wahrgenommen wird. Wir sind uns bewusst: Wenn man Staatsgelder vergibt, wird genau hingeschaut. Zu Recht. Deshalb sorgen wir für Transparenz.

Eine Ausstellung, die Sie in der Nationalbibliothek kuratiert haben, hiess «Am Anfang ist das Wort». Was war der Anfang bei ihrer Kuratoriums-Arbeit? Das Online-Gesuchsformular?
(lacht) Nein, nein. Die Menschen hier. Das Konstrukt des Kuratoriums ist ja sehr speziell: Da ist das tolle und erfahrene Team der Geschäftsstelle, wir sind irgendwie und doch nicht ganz in die Verwaltung mit der Abteilung Kultur eingebunden und dann gibt es die elf Kuratorinnen und Kuratoren: Charakterköpfe mit prononcierten Meinungen und viel Fachwissen. Im besten Fall ist das Kuratorium mehr als die Summe seiner Einzelteile. Im besten Fall heben wir zusammen ab.

Das Kuratorium und die Abteilung Kultur haben vor kurzem zu einer ersten Veranstaltung zum «Kulturkonzept 2017-2020» geladen. Gekommen sind vor allem Institutionen, um für ihre eigenen Interessen zu kämpfen.
Ja natürlich. Das war der erste solche Dialog. Das Ziel wäre, ihn zu etablieren, so dass er offener wird. Was mir an dieser Veranstaltung aufgefallen ist: Zum Begriff des Kulturkantons hat ein bekannter Künstler gesagt, das sei eine Mogelpackung. Die Politik brauche ihn, aber eigentlich stamme der Begriff aus der Geschichte, aus dem Kulturkampf. Es wäre eine Aufgabe des Kulturkonzeptes und ein Anliegen von mir, diese Worthülse wieder mit Inhalt und Bedeutung zu füllen.

Sie sind als Geschäftsführer des Kuratoriums auch sein Gesicht, aber Sie haben kein Stimmrecht bei Entscheiden. Finden Sie das richtig?
Ja. Es ist vom Gesetz ganz klar so geregelt. Aber auch wenn man kein Stimmrecht hat, kann man Einfluss nehmen, man diskutiert Gesuche, berät die Kuratorinnen und Kuratoren. Ich staune über das Engagement dieser Leute: Das ist viel mehr als Kommissionsarbeit! Auch der Kitt im Gremium ist gut – das gefällt mir.

«Im Feuer der Propaganda» hiess letztes Jahr eine Ausstellung von Ihnen, Müssen wir nun mit einem Propagandafeuer des Kuratoriums rechen?
(lacht) Nein, wir machen doch keine Propaganda! Aber wir wollen bis zum Frühjahr ein Kommunikationskonzept erarbeiten. Umstritten ist beispielsweise ob eine Kulturförderstelle in den social media aktiv sein soll. Bisher erachtete man das im Kuratorium nicht als notwendig.

Was finden Sie?
Ich finde, man muss im Kommunikationskonzept zumindest eine Aussage dazu machen – egal wie man die Frage entscheidet. Aber ich finde das Kuratorium kommuniziert und informiert gut und Zielgruppen gerecht mit Newsletter, Homepage, Jahresberichten…

Wenn Sie – Reglement hin oder her – freie Hand hätten im Kuratorium etwas zu ändern, was wärs?
(zögert) Mhm, im Kuratorium etwas ändern? Im Moment versuche ich eher noch, alle Themen zu erfassen und zu verstehen. Ich habe keine diktatorischen Entscheidungsgelüste, sie passen auch nicht zu meinem Naturell. Aber ich habe Ideen: Ich möchte gerne ein Altkuratoren-Treffen organisieren, dann wird 2019 das Kuratorium 50 Jahre alt, wir möchten allenfalls den Schweizer Performance-Preis 2017 im Aargau durchführen. Und was spannend ist: Es gibt neu diese Stiftung Erbprozent. Sie möchte die Leute dazu bringen, ein Prozent ihres Vermögens der Kultur zu vermachen. Das ist eine schöne Idee und könnte wegweisend sein, wie man für die Kultur neue Finanzierungsquellen sucht.

Eine der Baustellen in der Kultur heisst Alte Reithalle Aarau, das Theater für den Aargau.
Die Reithalle ist ein Ort mit Potenzial. Aber es wird noch ein langer, schwieriger Weg, bis alle Investitionen, Geldflüsse, der Betrieb und die Bedürfnisse von Theater und Musik geklärt sind. Aber ich bin optimistisch, gerade auch weil mit Hanspeter Thür ein erfahrener Mann die Koordination übernommen hat.

Ist Ihnen die Alte Reithalle auch wichtig, weil sie eine der wenigen kulturellen Klammern für den ganzen Kanton sein soll?
Ausser dem Kunsthaus gibt es nur wenige solche Klammern. Und die Reithalle soll eine Klärung für die Theaterschaffenden bringen. Der Streit zwischen dem Ost- und Westaargau ist doch etwas befremdend. Wie man Unterschiede zwischen der lebenslustigen katholischen Festhütte Baden und dem kärglichen protestantischen Aarau aufbaut, finde ich überflüssig. Die Unterschiede sind doch befruchtend, sind eine Chance.

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