20 JAHRE AZ
Das Zusammenwachsen, der Regionaljournalismus und die nationale Beachtung

Aus der Sicht der Redaktion(en) – der erste und letzte Chefredaktor des Badener Tagblatts und der zweite Chefredaktor der Aargauer Zeitung erinnert sich.

Hans Fahrländer Chefredaktor des Badener Tagblatts und der Aargauer Zeitung
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Schulterschluss: AT-Chefredaktor Franz Straub, Arthur Gross, VR-Präsident des AT, BT-Verleger Peter Wanner und BT-Chefredaktor Hans Fahrländer.

Schulterschluss: AT-Chefredaktor Franz Straub, Arthur Gross, VR-Präsident des AT, BT-Verleger Peter Wanner und BT-Chefredaktor Hans Fahrländer.

Karl-Heinz Hug

Es war auch für die Redaktorinnen und Redaktoren von Aargauer und Badener Tagblatt eine saftige Überraschung, als sie an jenem Mittwoch, dem 27. März 1996, kurz vor der Medienkonferenz auf Schloss Lenzburg, durch ihre Vorgesetzten vom Zusammenschluss ihrer Tagblätter zur Aargauer Zeitung erfuhren.

Wohl munkelte man, dass sich das Aarauer Unternehmen durch Investitionen im Druckbereich in eine heikle Lage gebracht hatte; wohl wusste man, dass das Badener Unternehmen durch Grossverlage aus Zürich bedrängt wurde. Eine Fusion in einigen Jahren schloss man deshalb nicht aus. Aber jetzt schon! Und ohne Vorankündigung! Überraschung! Die Fusions-Architekten hatten dichtgehalten und die Investigativ-Journalisten das Nachsehen.

Üben in Spreitenbach

Einzig die Mitglieder der Chefredaktionen waren eingeweiht, allerdings erst in der Schlussphase der Verhandlungen. Der Grundsatzbeschluss war bereits gefällt, nun ging es noch um die Details. Ich erinnere mich gut, wie wir mehrmals in ein anonymes Hotel in Spreitenbach bestellt wurden, erstens zur Information – zweitens aber zum Einüben der Kommunikation.

Mit dieser war das Kommunikations-Unternehmen Stöhlker & Partner betraut worden. Beübt wurden wir von einem Kollegen: Ruedi Mäder, zuvor Wirtschaftsredaktor beim Aargauer Tagblatt, später lange Jahre in gleicher Funktion bei der Aargauer Zeitung, hatte vorübergehend die Seiten gewechselt und war «zum Stöhlker gegangen». Er lehrte uns, wie wir die Fusion nach innen und aussen zu verkaufen hatten, natürlich mit wohldosiertem Bedauern über den Verlust des eigenen Titels, insgesamt aber mit frohgemuter Aufbruchstimmung.

Eine emotionale Sache

Für mich persönlich war die Fusion eine ziemlich emotionale Sache. Ich war, nach fast 150 Jahren Personalunion von Verleger und Redaktionsleiter, der erste, einzige und letzte angestellte Chefredaktor des Badener Tagblatts. Doch ich hatte von vornherein keine Chance, erster Chefredaktor des fusionierten Titels zu werden.

Denn der Verleger, Peter Wanner, stammte von der Badener Seite, also war ausgemacht und Teil des Fusionsvertrages, dass der Chefredaktor von der Aarauer Seite stammte – das war AT-Chefredaktor Franz Straub. Mir blieb allerdings wenig Zeit zum Trauern: Erstens galt es, mit hohem Tempo die fusionierte Redaktion zusammenzustellen – und zweitens merkte ich bald, dass Kollege Straub seine Stellung als Nummer 1 nicht über Gebühr ausnutzte: Er war ein fairer Fusions-Chef, der meinen Kolleginnen und Kollegen die gleichen Chancen einräumte wie seinen.

Keine Massaker

Was bedeutete diese Fusion für den Aargau – und für uns Journalistinnen und Journalisten? Kurz zuvor war die zweite Luzerner Zeitungsfusion, jene der «Luzerner Neusten Nachrichten» mit der «Luzerner Zeitung» über die Bühne gegangen. Das war nicht nur ein politisches Erdbeben, es kam auch auf den Redaktionen zu Massakern, weil die beiden Titel praktisch dasselbe Einzugsgebiet hatten.

Die Massaker trafen dabei einseitig die LNN. Viele gute Journalisten mussten gehen und der LNN-Chefredaktor verliess frustriert das Unternehmen und die Branche. Bei uns lief das – zum Glück – anders ab. Das politische Massaker blieb aus, weil die beiden Tagblätter ähnlich positioniert waren: bürgerlich und FDP-nahe. Und das strukturelle Massaker blieb aus, weil das Verbreitungsgebiet nicht deckungsgleich war: Der Westaargau «gehörte» dem AT, der Ostaargau dem BT. Direkter Konkurrent war man nur in Brugg, im Fricktal und im Freiamt.

Der Prozess war dornenvoll

Nach diesen insgesamt positiven Erinnerungen – keine Massaker, keine einseitig verteilten Verlierer – gehört an diese Stelle natürlich auch das Eingeständnis: Der Fusionsprozess war in den Details dornenvoll. Bei beiden Tagblättern arbeiteten in jenem Frühjahr 1996 rund 60 Redaktorinnen und Redaktoren. Die Chefs von AT und BT fassten den Auftrag: Formt aus diesen 120 eine schlagkräftige Redaktion von 100 Leuten.

Das heisst: Für rund 20 Kolleginnen und Kollegen hatte es in der AZ keinen Platz. Franz Straub und ich fochten mit minutiös zusammengestellten Listen von Eignungsprofilen, Charaktertests und Stellenprozenten, verglichen und führten zahlreiche Gespräche. Am Schluss konnten wir feststellen: Es gab zwar einige Versetzungen, Prozent-Reduktionen und Zurückstufungen (zu freien Mitarbeitern), aber es gab praktisch keine Härtefälle. Die Mantelressorts durften leicht besser dotiert sein als bei den Tagblättern, die Regionalressorts in Ost und West blieben sowieso unversehrt – am meisten Haare lassen mussten die «Kampfressorts in der Mitte», eben: Brugg, Fricktal, Freiamt.

Nicht ganz reibungsloser Start

Und dann erschien sie also, die erste AZ, nach einem hektischen Sommer auf den Redaktionen, am Montag, 4. November 1996, mit einer Auflage von 120 000 – die Tagblätter hatten je rund 60 000, man startete in der Annahme, es gebe keine Fusionsverluste. Das Wochenende zuvor war hektisch, man war zwar gut vorbereitet, aber den Ernstfall kann man nur bedingt üben.

Die «Neue» enthielt neue Ressorts, zum Beispiel «Piazza» für die Seite 2, mit einer Kolumne von Beni Thurnheer, oder «Thema» für die Seite 3, das Ressort Ausland hatte viel Platz, denn am nächsten Tag waren US-Wahlen (Clinton wurde bestätigt), die Druckqualität liess noch zu wünschen übrig, der untere Rand war schmaler als der obere – und es hatte sehr viele Inserate!

In drei Phasen zum Erfolg

Doch mit der Start-Nummer war der Erneuerungsprozess nicht abgeschlossen, auch bei den Redaktionen nicht. Obwohl die beiden Tagblätter ähnlich getickt hatten, gab es natürlich Unterschiede in der Redaktionskultur, im Berufsverständnis, in der Arbeitsweise. Diese Kulturen mussten nun ebenfalls «fusioniert» werden. Für etliche AT-Kollegen gab es zudem einen längeren Arbeitsweg, denn der Hauptstandort der Redaktion war im «Tagblatthochhaus» in Baden.

Die ersten AZ-Jahre waren geprägt von drei Phasen. Die erste Phase war jene des Zusammenwachsens. Es galt zu vermeiden, dass der Wegfall des Konkurrenten aus dem anderen Kantonsteil zu Bequemlichkeit führte.

Phase 2 galt der Offensive im Regionaljournalismus: Nachdem bei der Fusion einige Regionalausgaben einem drucktechnischen Engpass zum Opfer gefallen waren, wurde nach einer Investition in den Zeitungsdruck die Zahl der Regionalsplits auf zehn erhöht. Sie erschienen später quasi als eingesteckte Lokalzeitungen im Tabloidformat – es war das weltberühmte ZiZ-Konzept (ZiZ = Zeitung in der Zeitung).

Phase 3 schliesslich galt der Erhöhung der nationalen Beachtung. Durch gezielten Mitteleinsatz in die nationale Recherche wurde die Zeitung aus dem Aargau plötzlich auch in Bundesbern und den übrigen Regionen wahrgenommen.

Das hatte auch Auswirkungen auf den Journalisten-Markt. Plötzlich war es für Stars aus dem eitlen Zeitungsplatz Zürich eine reelle Option, im Aargau zu arbeiten. Zum 5-Jahre-Jubiläum im November 2001 durfte man selbstbewusst bilanzieren: Dieweil anderswo Zeitungsfusionen zu gesichtslosen Allerweltsblättern geführt hatten, war im Aargau das Gegenteil passiert: Die Aargauer Zeitung war deutlich gehaltvoller als ihre Vorgänger, sie war eine offene Forumszeitung, aber mit klarem (liberalem) Profil, geschrieben und gestaltet von einem hoch motivierten Team aus hervorragenden Berufsleuten. Beste Voraussetzungen also zum Überleben in einem umkämpften Markt.