Covid-19
Solothurner Spitäler sind am Anschlag: Nun werden Intensivbetten ausgebaut und eine Zertifikatspflicht für Besucher eingeführt

Weil die Solothurner Spitäler voller Coronapatienten sind, hat die Regierung am Dienstag die erste Eskalationsstufe ausgerufen. Wahleingriffe werden per sofort verschoben und die Intensivbetten aufgestockt. Doch Personalmangel und die grosse Erschöpfung der Mitarbeitenden stellen die Spitäler vor grosse Probleme.

Raphael Karpf
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In der Aula des BBZ Solothurn informierten v.l. Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste am Bürgerspital Solothurn, Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG, Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner.

In der Aula des BBZ Solothurn informierten v.l. Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste am Bürgerspital Solothurn, Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG, Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner.

Bild: Michel Lüthi

Die Situation in den Solothurner Spitälern ist schon seit einigen Tagen kritisch. Teilweise waren nur noch einzelne IPS-Betten frei. Die allermeisten Intensivpflegeplätze werden von Coronapatienten belegt. Am Dienstag hat der Kanton nun reagiert. Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner verkündete vor den Medien, dass die erste Eskalationsstufe ausgerufen wird.

Was bedeutet die erste Eskalationsstufe?

Das Bürgerspital Solothurn und das Kantonsspital Olten verschieben erste Eingriffe. Ausserdem werden mehr IPS-Betten aufgestellt. Normalerweise stehen 17 Beatmungsplätze zur Verfügung. In Phase 1 sind deren 25 vorgesehen. Allerdings: Mehr Betten aufstellen ist das eine. Das Personal haben, um die beatmeten Patienten zu pflegen, das andere. Und das Personal ist am Anschlag. Darum werden nicht per sofort 25 IPS-Betten in Betrieb genommen. Sondern die Betten werden «flexibel und bedarfsgerecht» und in enger Absprache mit dem Kanton erhöht. So soll das Personal geschützt werden.

Haben die Spitäler das Personal, um alle Notfälle zu betreuen?

Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG.

Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG.

Bild: Michel Lüthi

Ja. Aber langsam wird es eng. Zwar betonte Martin Häusermann, CEO der Solothurner Spitäler AG, dass alle Patienten betreut würden. Doch seine Ausführungen machten nicht gerade Mut. Das medizinische Personal sei seit eineinhalb Jahren am Anschlag. Jedes Mal, nachdem es eine Welle dank Überstunden und Ferienverzicht gemeistert habe, habe es abgesagte Operationen nachholen müssen. Und dann stand auch schon die nächste Welle vor der Tür. «Und was besonders schlimm ist», so Häusermann, «bereits zum vierten Mal wiederholt sich dieser Kreis.» Das Personal sei erschöpft und verspüre eine Ohnmacht. Denn niemand wisse, was noch alles kommen wird. Mehrere Mitarbeitende haben gekündigt, weil die Belastung zu gross wurde.

Was hat das Personal zusätzlich gefordert?

Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste, Bürgerspital Solothurn.

Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste, Bürgerspital Solothurn.

Bild: Michel Lüthi

«Obwohl wir vorbereitet waren, hat uns die vierte Welle knallhart erwischt. Wir wurden von Intensivpatienten überrollt», sagte Dieter Hänggi, Leiter Pflegedienste am Bürgerspital Solothurn. Zudem: Nebst der zusätzlichen Coronabelastung wird im Spital weiterhin operiert, es kommen Kinder auf die Welt, Menschen werden auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleitet. Man habe sehr kreativ werden müssen, um Lösungen zu finden, um das Personal irgendwie zu entlasten. Hänggi: «Mein aufrichtiger Dank geht an alle Mitarbeitenden, ohne die wir die bisherigen und auch die vierte Welle nicht bewältigen könnten.»

Was tut die SoH, um ihre Mitarbeitenden zu schützen?

«Wir müssen unser Personal nun unbedingt schützen», sagte Häusermann. «Sonst verbrennen sie.» Allerdings: Die SoH hat bereits getan, was möglich war: Stationen zusammengelegt. Pensen aufgestockt. Alle Arbeiten, die sich irgendwie auslagern liessen, an Drittfirmen abgegeben. Pensionierte Fachpersonen reaktiviert. Und, wo immer möglich, neues Personal rekrutiert. Ob diese Massnahmen ausreichen werden, muss sich zeigen.

Was tut der Kanton, um die Spitäler zu entlasten?

Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner.

Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner.

Bild: Michel Lüthi

«Wir müssen die Spitäler jetzt schützen», betonte auch Gesundheitsdirektorin Susanne Schaffner. Darum wird sämtlichen Spitälern und Kliniken per sofort eine Zertifikatspflicht für Besucherinnen empfohlen. Im Spital Angehörige besuchen dürfte damit nur noch, wer geimpft, genesen oder getestet ist. Häusermann machte aber sogleich klar: «Diese Empfehlung ist für uns ein Auftrag.» Ab nächstem Montag gilt in den Spitälern der SoH eine Zertifikatspflicht für Besucher.

Wer liegt im Moment auf den Intensivstationen?

Die Coronapatienten sind im Schnitt jünger als noch in der ersten Welle, sagte Häusermann. Doch auch jüngere hätten nun häufiger schwere Verläufe, müssten teilweise wochenlang beatmet werden. Ausserdem seien die allermeisten Patienten ungeimpft. «Geimpfte Patienten können wir an einer Hand abzählen», so Häusermann.

Wie sieht die Prognose aus?

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Kantonsarzt Lukas Fenner.

Bild: Michel Lüthi

Nach einem raschen Anstieg der Fallzahlen wie auch der Hospitalisationen habe sich die Lage in den vergangenen Tagen leicht stabilisiert, sagte Kantonsarzt Lukas Fenner. Der R-Wert liegt aktuell bei 1,1. Auch das deute auf eine gewisse Stabilisierung hin. Allerdings, so Fenner: «Die Lage ist weiter angespannt und sie wird sich im Herbst und Winter, wenn sich das Leben wieder vermehrt in die Innenräume verschiebt, wieder zuspitzen.»

Was tut der Kanton sonst noch, um den Spitälern zu helfen?

Die Impfkampagne weiter vorantreiben. Schaffner: «Jede einzelne Impfung zählt. Nur mit einer hohen Impfquote schützen wir das Gesundheitspersonal vor einer erneuten Überlastung.» In zehn Gemeinden hat der Kanton bereits die Bewohnerinnen und Bewohner angeschrieben und für die Impfung geworben, später wurden dann mobile Impfteams in diese Gemeinden geschickt. Diese Aktion sei ein Erfolg gewesen, so Schaffner. Darum wird sie nun ausgebaut. In neun weiteren Gemeinden sollen nun die Bevölkerung angeschrieben und Impfteams vorbeigeschickt werden. Ausserdem will der Kanton ausländische Bevölkerungsgruppen besser erreichen: Dazu werden nun Dolmetscher an Deutschintegrationskurse geschickt, um auf die Impfung hinzuweisen und Fragen zu beantworten.

Plant der Kanton, andere Massnahmen zu verschärfen?

Nein, eine Verschärfung der Massnahmen war am Dienstag kein Thema. Allerdings: Bereits am Mittwoch beschäftigt sich der Bundesrat mit genau dieser Frage.

Angespannte Situation: Der Kanton Solothurn schafft mehr Intensivbetten

Tele M1

Die Pressekonferenz zum Nachlesen im Ticker finden Sie hier.

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