Vierfachmord Rupperswil
Bundesgericht hat entschieden: keine Psychotherapie für Thomas N.

Der Rupperswiler Vierfachmörder hat das Urteil des Aargauer Obergerichts in einem Punkt angefochten: Er forderte für sich eine Psychotherapie. Die Richter in Lausanne haben nun seine Beschwerde abgewiesen.

Noemi Lea Landolt
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Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, bekommt keine vollzugsbegleitende therapeutische Massnahme. Das hat das Bundesgericht in seinem heute publizierten Urteil vom 21. Mai entschieden. Das Gericht bestätigt mit seinem Entscheid das Urteil des Aargauer Obergerichts. Dieses hatte im Dezember 2018 die therapeutische Massnahme aufgehoben.

Kurz vor Weihnachten 2015 klingelte Thomas N. in Rupperswil an der Türe einer Familie aus seiner Nachbarschaft und verschaffte sich mittels einer Täuschung Zugang zum Wohnhaus. Er fesselte und knebelte die Mutter, ihre beiden Söhne und die Freundin des älteren Sohnes. Den jüngsten Sohn missbrauchte er. Später schnitt er allen vier die Kehlen durch, goss Fackelöl über Möbel und Kleider und steckte das Haus in Brand.

Die beiden Gutachter diagnostizierten beim Vierfachmörder eine Persönlichkeitsstörung und Pädophilie. Beide Gutachter kamen zum Schluss, dass es zwar Behandlungsmethoden gebe, es bei Thomas N. aber viele Jahre dauern würde, bis eine Therapie erste Erfolge zeigen werde. Trotzdem erachteten sie eine ambulante therapeutische Massnahme neben der Verwahrung als «zweckmässig und sinnvoll» und konnten das Bezirksgericht Lenzburg damit überzeugen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute in Bildern:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
47 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Am 13. März 2018 begann der Prozess gegen den nun 34-jährigen Thomas N. vor dem Bezirksgericht Lenzburg.
Das Bezirksgericht Lenzburg: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Gerichtsschreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP) und Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. (Mitte) neben seiner Verteidigierin Renate Senn, die 18 Jahre Freiheitsstrafe und eine ambulante vollzugsbegleitende Therapie forderte.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. vor Gericht. Er mied den Blick zu den Zuschauern. An den Prozess vor Obergericht wird er nicht erscheinen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (links) forderte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine lebenslängliche Verwahrung.
Thomas N. vor Gericht. Als Junge dachte er, er sei homosexuell. Später wurde ihm klar, dass er pädophil ist.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Das Urteil: Schuldig in allen Anklagepunkten, lebenslängliche Freiheitsstrafe, ordentliche Verwahrung, stationäre vollzugsbegleitende therapeutische Massnahme.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.
Februar 2019: Thomas N. möchte in Psychotherapie und legt beim Bundesgericht Beschwerde ein.
Juni 2019: Das Bundesgericht lehnt die Beschwerde von Thomas N. zur Psychotherapie ab. Dadurch hätten Psychiater die Entwicklung des Schwerverbrechers ausführlich dokumentiert. Bei günstigem Verlauf hätte ihm der Aktenberg geholfen, seine allfällige Ungefährlichkeit schon früh nachzuweisen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Der Vierfachmörder erfüllt die Bedingungen nicht

Das sieht das Bundesgericht anders und bestätigt das Urteil des Obergerichts. Für die Anordnung einer therapeutischen Massnahme müsse «eine hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür bestehen, dass sich durch eine solche Massnahme die Gefahr weiterer Straftaten über die Normdauer von fünf Jahren deutlich verringern lässt», heisst es im Urteil. Das Obergericht komme - gestützt auf die Ausführungen der beiden Gutachter - zum Schluss, dass es bei Thomas N. an dieser hinreichenden Wahrscheinlichkeit fehle. «Dies ist nicht zu beanstanden», finden die Bundesrichter.

Dass die beiden Gutachter eine ambulante Massnahme als «zweckmässig und sinnvoll» erachteten, ändere daran nichts. «Die gutachterliche Empfehlung mag aus psychiatrischer Sicht nachvollziehbar sein, rechtlich ist sie im vorliegenden Fall unter den gegebenen Umständen nicht von Belang», heisst es im Urteil. Anspruch auf eine therapeutische Massnahme habe nur, wer die Eingangsbedingungen erfülle. Das sei bei Thomas N. nicht der Fall.

Er kann zum Gefängnis-Psychiater

Wie bereits das Aargauer Obergericht hält auch das Bundesgericht fest, dass Thomas N. im Gefängnis – auch ohne ambulante Therapie – die nötige Unterstützung erhalten könnte. «Auch für Verwahrte ist eine psychiatrische Betreuung sicherzustellen, wenn diese notwendig ist», schreibt das Bundesgericht.

In der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies, wo Thomas N. seine Strafe absitzt, stehen ihm zwei Therapiemöglichkeiten offen. Er kann eine Sprechstunde der psychiatrischen Grundversorgung besuchen, um sich etwa Tabletten verschreiben zu lassen. Zudem gibt es eine freiwillige Therapie. Die Chancen für eine Freilassung erhöhen diese Sitzungen allerdings kaum, da die Therapeuten – anders als bei einer ambulanten Massnahme – keine Berichte an die Behörden schreiben.

Auf diese Berichte hoffte Thomas N. wohl, deshalb verlangte er vor Bundesgericht eine Therapie. Seine Pflichtverteidigerin Renate Senn sagte im Februar: «Er will an sich arbeiten und sich bemühen, seine Tat aufzuarbeiten.» Sie gehe davon aus, dass eine positiv verlaufende Therapie zu einer Gefahrenminderung beitrage, sagte Senn weiter.

Er kommt frei, wenn er nicht mehr gefährlich ist

Thomas N. sitzt aktuell seine lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Lebenslänglich bedeutet nicht zwingend, dass er bis an sein Lebensende hinter Gittern sitzen muss. Nach 15 Jahren – in manchen Fällen auch schon nach zehn Jahren – wird eine bedingte Entlassung regelmässig geprüft. Um aus der lebenslänglichen Freiheitsstrafe zu kommen, gelten die gleichen Bedingungen wie bei der Verwahrung. Ein Straftäter kommt nur frei, wenn er nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft wird. Mit der Psychotherapie hätte Thomas N. die Möglichkeit gehabt, schon früh Argumente für seine allfällige Ungefährlichkeit zu sammeln.