Bezirksgericht Zofingen
Drei Freunde haben einen mutmasslichen Pädophilen überfallen – sie wollten ihm einen Denkzettel verpassen

Die drei Beschuldigten beteuerten vor dem Bezirksgericht Zofingen, dass sie heute anders handeln würden. Der Gerichtspräsident zweifelte daran.

Corinne Wiesmann
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Die Beschuldigten griffen zur Selbstjustiz und wurden bestraft. Gegen das Opfer läuft aber auch ein Strafverfahren.

Die Beschuldigten griffen zur Selbstjustiz und wurden bestraft. Gegen das Opfer läuft aber auch ein Strafverfahren.

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«Es lief alles ab wie in einem Film», sagte einer der drei Beschuldigten vor dem Bezirksgericht Zofingen. Tatsächlich könnte der Fall, über welchen das Gesamtgericht zu urteilen hatte, aus einem schlechten Krimifilm stammen.

In den Hauptrollen: drei heute 22-jährige Freunde, die sich als moralische Rächer sehen, und ihr Opfer, ein 58-jähriger, mutmasslicher Pädophiler. Der Schauplatz: eine Wohnung in der Region Zofingen. Hinzu kommen einige Alltagsgegenstände, wie ein Küchenmesser und ein Handyladekabel, die zu Tatwaffen umfunktioniert werden, und fertig ist die filmreife Geschichte. Doch der Reihe nach.

Am Anfang steht die Beichte eines entfernten Verwandten

Philipp (alle Namen geändert), einer der drei beschuldigten Freunde, erfuhr 2018, dass ein entfernter Verwandter angeblich ein sexuelles Verhältnis mit einem Minderjährigen hat. Als der Verwandte und der damals 18-jährige Philipp sich per Chat austauschten, gestand der ältere Mann im Laufe der Unterhaltung seine pädophilen Neigungen.

Philipp erzählte seinen beiden Freunden Carlos und Matteo davon. Gemeinsam fassten die jungen Männer einen Entschluss. Carlos sagte vor Gericht:

«Wir wollten ihm eine Lektion erteilen.»

Philipp bot seinem Verwandten ein Sexdate an. 3000 Franken verlangte er für seine sexuellen Dienste. Der Mann war einverstanden und so verabredeten die beiden ein Treffen.

Überfall und Moralpredigt statt Sexdate

Am vereinbarten Abend fuhren die drei Freunde zur Wohnung des Mannes. Kurz vor dem Ziel stiegen Carlos und Matteo aus. Als Philipp kurze Zeit später mit seinem Verwandten im Eingang des Mehrfamilienhauses stand, griffen seine beiden Freunde ins Geschehen ein.

Maskiert und bewaffnet mit einem Schlagstock respektive einem Küchenmesser überrumpelten sie ihr Opfer und drängten es in seine Wohnung zurück. Dort zwangen sie den Mann, sich auf einen Stuhl zu setzen und fesselten ihm mit einem Ladekabel die Hände hinter dem Rücken.

Während Matteo hinter dem Opfer stehen blieb, um die Fesseln zu fixieren und den Mann mit dem Messer in Schach zu halten, machten sich Philipp und Carlos daran, dem mutmasslichen Pädophilen eine Moralpredigt zu halten. Carlos sagte vor Gericht:

«Wir waren recht freundlich zu ihm.»

Der 58-Jährige jedoch fühlte sich stark eingeschüchtert und hatte grosse Angst, wie er vor Gericht aussagte.

Das Opfer gab den Tätern seine Kreditkarte

Nach der Moralpredigt durchsuchten Philipp und Carlos die Wohnung nach Wertgegenständen. Zudem forderten sie vom Opfer die für das Sexdate vereinbarten 3000 Franken.

Da der Mann das Geld nicht aushändigen konnte, bot er ihnen seine Bankkarte und den PIN-Code an. Philipp ging damit zum Bankomaten und hob die 3000 Franken ab. Die drei Freunde packten die gefundenen Wertsachen und das Geld, das sie aufteilten, ein und verliessen den Tatort.

Philipp sagte vor Gericht: «Wir dachten nicht, dass er zur Polizei geht.» Doch die Freunde täuschten sich. Ihr Opfer meldete den Vorfall.

Gegen das Opfer läuft ein Strafverfahren

Allerdings kamen im Zuge der Ermittlungen auch die pädophilen Handlungen des Mannes ans Tageslicht.

Mittlerweile läuft gegen ihn ein Strafverfahren. Vermutlich auch deshalb zeigten die drei Täter nur wenig Reue vor Gericht. Sie waren zwar alle geständig und beteuerten, heute anders zu handeln.

Trotzdem sagte Gerichtspräsident Florian Lüthy bei der Urteilsbegründung:

«Es macht auch heute noch den Anschein, dass Sie ihr Motiv als ehrenwert ansehen.»

Das Bezirksgericht sprach die drei Freunde des Raubes sowie der räuberischen Erpressung schuldig. Philipp und Carlos wurden zu 22 Monaten, Matteo zu 21 Monaten bedingter Freiheitsstrafe verurteilt. Die Probezeit wurde auf zwei Jahre angesetzt.