Kriegsende 1945
Beschuss zur Erstkommunion So erlebte Waltraud Stockmeyer aus Windisch das Kriegsende

Waltraud Stockmeyer stammt aus Ostpreussen. Dort floh sie als damals neunjähriges Mädchen im September 1944 mit ihrer Mutter, ihrer Grossmutter und zwei Gschwistern nach Mittenwald in Bayern. Und seit über 50 Jahren lebt sie in der Schweiz.

Mathias Küng
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US-Panzer erreichten Garmisch am 29. April 1945. Noch am selben Tag wurde Mittenwald beschossen, am 1. Mai war es vorbei.

US-Panzer erreichten Garmisch am 29. April 1945. Noch am selben Tag wurde Mittenwald beschossen, am 1. Mai war es vorbei.

Waltraud Stockmeyer stammt aus Ostpreussen. Dort floh sie als damals neunjähriges Mädchen im September 1944 mit ihrer Mutter, ihrer Grossmutter und zwei Gschwistern nach Mittenwald in Bayern. Und seit über 50 Jahren lebt sie in der Schweiz. Sie wohnt mit ihrem Mann, mit dem sie 51 Jahre verheiratet ist, in Windisch.

Ihre Familie wohnte vor der Flucht in Allenstein, einer mittelgrossen Stadt in der Nähe von Königsberg in Ostpreussen. Ihre Grossmutter wohnte in Königsberg. Nach einem schweren Bombardement zog sie 1944 nach Allenstein, der Vater war an der Front. Waltraud sah 1944 erste Flüchtlingstrecks aus dem Memelgebiet und aus Tilsit vorbeiziehen. Und sie sah polnische Gefangene, die von ihren Bewachern erbärmlich herumkommandiert und geschlagen wurden, was ihr sehr zu schaffen machte. Ihre Mutter, erinnert sich Waltraud Stockmeyer, sagte damals: «Wir Deutschen haben in Polen gewütet. Das wird sich einmal bitter rächen.» Die Mutter war Religionslehrerin. Sie habe weder an den Endsieg noch an das Regime geglaubt. Sie entschied im September 1944, mit ihrer Familie nach Bayern zu fliehen. Damals konnte man das noch. Erst vier Wochen später habe der berüchtigte Gauleiter Erich Koch die Flucht verboten, erinnert sich Waltraud Stockmeyer mit Schaudern. Die Kinder bekamen für die lange Reise jedes eine grosse Tafel um den Hals gehängt, auf dem für alle Fälle stand, wer sie waren und woher sie kamen. Die Familie kam per Bahn in den bayerischen Kurort Mittenwald nahe Garmisch-Partenkirchen. Dort hatten sie bisher jeweils die Sommerferien verbracht. Jetzt galten sie aber als unwillkommene, mittellose Flüchtlinge. Sie wohnten zu fünft in einem Zimmer. Die mitgebrachten Transportkisten dienten als Möbel. Mutter musste fast Tag und Nacht schuften, um die Familie durchzubringen. Aber man war froh, vorerst in Sicherheit zu sein.

Serie - 2. Weltkrieg: Zeitzeugen erzählen

Vor 70 Jahren war der 2. Weltkrieg zu Ende. In der Serie «Als der Krieg zu Ende ging» erinnern sich Zeitzeugen aus dem Aargau an die Jahre 1939–1945 und dabei vor allem an die letzten Kriegstage Anfang Mai 1945. Und sie erzählen ihre persönlichen Kriegserlebnisse und wie die damaligen Erfahrungen ihr späteres Leben geprägt haben. (jm)

Plötzlich steht Vater vor der Tür

Eines Tages, berichtet Waltraud Stockmeyer, stand plötzlich der Vater vor der Tür. Er war von der Front in Ungarn desertiert und hatte sich bis nach Mittenwald durchgeschlagen. Er wollte nicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Hochdramatisch hat sie den 29. April 1945 in Erinnerung, einen Sonntag. Waltraud feierte Erstkommunion: «Vielleicht war dies der traurigste Tag in meinem Leben.» Es gab weder gutes Essen noch Kuchen, auch keine Geschenke. Statt wie üblich dreimal in die Kirche zu gehen, musste die Familie in einen nahen Felsenbunker fliehen. Denn just am Erstkommunionstag schossen amerikanische Truppen von drei Seiten ins Dorf. Waltrauds Familie und viele andere verbrachten bange Stunden im Bunker und in Verstecken: «Endlich, am 1. Mai 1945, nachdem die Bevölkerung weisse Leintücher zum Zeichen der Ergebung aufgehängt hatte, rollten die Amerikaner ins Dorf ein, voran Panzer. Es schneite.»

Überlebende KZ-Häftlinge kommen

Ganz schrecklich und für ihr späteres Leben bestimmend war der Anblick von überlebenden jüdischen KZ-Häftlingen, von denen viele nach Mittenwald kamen: «Ausgemergelt, bleich, einfach Elendsgestalten.» Die Amerikaner quartierten sie im Hotel ein. Dort gab es endlich wieder etwas Richtiges zu essen. Doch ihre Mägen ertrugen das nicht mehr. Viele seien darob anfänglich am Strassenrand zusammengebrochen. Der Anblick der früheren KZ-Häftlinge war noch viel schlimmer als derjenige der geschundenen Polen in Allenstein. Waltraud fragte sich damals, wie man so etwas hatte zulassen und solch schreckliche Befehle hatte ausführen können.

Der Verlust ihrer Heimat in Ostpreussen und die vielen Gräueltaten des Krieges haben sie Jahre später bewogen, Deutschland zu verlassen. Sie wollte Kindergärtnerin werden. Doch ihr Vater, der nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft und anschliessender Entnazifizierung wieder als Jurist arbeiten durfte, konnte dies nicht bezahlen. So kam sie in den Fünfzigerjahren erstmals als au pair in die Schweiz, später konnte sie hier ihre Ausbildung machen und arbeiten. Im Zug von Baden nach Basel lernte sie ihren späteren Mann kennen, einen ETH-Bibliothekar. Seit 1964, also seit 51 Jahren sind sie verheiratet. Um dem Arbeitsplatz des Mannes in Zürich und den Grosseltern in Basel gleichermassen nahe zu sein, entschied sich das junge Paar damals für Windisch als Wohnort. Dort sind sie als glückliche Eltern und Grosseltern heute noch daheim.

Waltraud Stockmeyers Heimatstadt Allenstein wurde im Januar 1945 von der Roten Armee eingenommen und schwer beschädigt. Sie heisst heute Olsztyn und gehört zu Polen. Königsberg, das auf Hitlers und Gauleiter Kochs fanatischen Befehl buchstäblich bis zur letzten Patrone verteidigt und völlig zerstört worden war, ist heute eine russische Exklave.

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