Aargau/Solothurn/Baselland

Bäume und Äste stürzten auf Autobahn – weil Gemeinden zu geizig waren?

Abstand halten – diese Regel soll auf der Strasse für Sicherheit sorgen. Für die Autolenker gelten zwei Sekunden zum vorderen Fahrzeug, Bäume sollen nicht näher als 30 Meter bei Autobahnen stehen. «Burglind» zeigt, dass der Sicherheitsabstand nicht immer reicht und nicht überall eingehalten wird.

Sturm Burglind ist abgezogen, das Schlimmste überstanden. Im Verkehr kommt es jedoch immer noch zu Behinderungen. 

Grund für die vielen Strassensperrungen waren Bäume, die auf die Fahrbahnen stürzten. Dabei gibt es Richtlinien, die festlegen, wie weit Bäume von der Strasse entfernt sein müssen. Entlang von Kantonsstrassen beträgt der Sicherheitsabstand je nach Standort bis zu vier Meter.

Ist das nicht zu wenig? «Ein grösserer Abstand ist ein Eingriff in die Natur», entgegnet Manuel Baldi, Kreisingenieur beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt. «Es würden Schneisen entstehen, die die Umwelt zerstören.» Das Risiko von fallenden Bäumen sei situationsabhängig. «Wird bei der täglichen Arbeit ein kranker Baum festgestellt, wird der Grundeigentümer darauf aufmerksam gemacht. Dieser muss sich dann um die Entfernung des Baumes kümmern.» In der Regel komme es aber nicht sehr häufig vor, dass Bäume auf Kantonsstrassen stürzen, sagt Baldi.

Dieser Lastwagen fiel «Burglind» zum Opfer. Er blockierte die Durchfahrt auf der Autobahn A1 Fahrtrichtung Bern zwischen Oensingen und Niederbipp.Keystone

Dieser Lastwagen fiel «Burglind» zum Opfer. Er blockierte die Durchfahrt auf der Autobahn A1 Fahrtrichtung Bern zwischen Oensingen und Niederbipp.Keystone

30 Meter bei Autobahnen

Am Mittwochnachmittag sorgte «Burglind» auch auf Autobahnen für Chaos. So war im Aargau die A1 zwischen Mägenwil und Aarau-Ost gesperrt, weil drei Bäume auf die Fahrbahn gefallen waren. Deshalb bildete sich auf der Autobahn ein kilometerlanger Stau. Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra), spricht aber von einem glimpflichen Ausgang. «Wir haben getan, was wir konnten, um den Schaden möglichst gering zu halten», sagt er.

«Ein Sturm wie ‹Burglind› kommt nicht alle Tage vor, man konnte sich also darauf vorbereiten.» Konkret meint Rohrbach, dass das Astra Warnungen für die Verkehrsteilnehmer veröffentlichte und Einsatzkräfte wie Polizei und Feuerwehr in Bereitschaft standen.

Wie bei Kantonsstrassen gibt es auch bei Autobahnen Sicherheitsrichtlinien für den Abstand der Bäume vom Strassenrand. «Normalerweise wird eine sogenannte Niederhaltezone von 30 Metern Breite eingehalten», erklärt Dieter Flückiger, Werkhof-Leiter bei der Nationalstrassen Nordwestschweiz AG. Diese ist unter anderem für den Unterhalt auf den Autobahnen A1 und A3 im Aargau verantwortlich. Am Mittwoch war Flückiger mit 50 Personen in den Kantonen Aargau, Solothurn und Basel unterwegs, um Bäume und Äste von Autobahnen zu räumen.

Gemeinden zu geizig?

Flückigers Team kümmert sich unter anderem um die Grün- und Baumpflege entlang der Nationalstrassen in der Nordwestschweiz. Am Mittwoch wurde der Werkhofleiter zu rund 50 Einsätzen gerufen, wobei die Strassen im Kanton Solothurn schlimmer betroffen waren als im Aargau. Obwohl der Baumbestand entlang den rund 300 Kilometern Autobahn regelmässig kontrolliert wird, könne man für nichts garantieren.

Flückiger sagt: «Ein Sturm dieser Stärke lässt auch Ziegel auf die Autobahn fliegen, Lastwagen umkippen oder reisst Baumwipfel ab.»
Ein weiteres Problem sei, dass das Strassenunterhalts-Team nicht auf allen Strecken den Baumbestand kontrollieren darf. «Entlang von Autobahn-Abschnitten, wo der Wald nicht dem Bund, sondern den Gemeinden gehört, dürfen wir nicht eingreifen.» Dann kontaktiere man den zuständigen Forstbetrieb und halte die Gemeinden an, die Wäldern regelmässig zugunsten der Sicherheit auszuholzen. «Doch das kostet Geld», sagt Flückiger. «Und das wollen viele nicht zahlen.»

Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen sagt, für die zuständigen Behörden geniesse der Schutz vor Naturgefahren hohe Priorität. Trotzdem betont er, dass man nicht für alles gewappnet sei. «Wenn sich Autofahrer trotz Sturmwarnung auf die Strassen trauen, dann liegt das auch in ihrer Verantwortung.»

Sicherheitsabstand auch bei SBB

Auch der Schienenverkehr wurde von «Burglind» nicht verschont. «Durch den Sturm hatten wir Probleme mit Fahrleitungsstörungen, da diese durch herumfliegende Blachen oder Äste beeinträchtigt oder Kurzschlüsse verursacht wurden», gibt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi Auskunft. «Wir standen pausenlos im Einsatz, um die Schäden zu beheben.» Dass aber Bäume auf den Gleisen liegen, komme selten vor. Auch die SBB hält eine Abstandsregel ein: Bäume müssen je nach Höhe 30 Meter von den Gleisen entfernt stehen.

Die Konsequenzen, wenn ein Baum umfallen sollte, sind schwerwiegender als auf der Strasse: «Züge habe einen zehn Mal längeren Bremsweg als Autos. Wenn der Lokführer einen Baum vor sich auf den Gleisen liegen sieht, ist es eigentlich bereits zu spät», so Pallecchi.
Im Gegensatz zur SBB gab es bei der Wynen- und Suhrentalbahn, die zum Verkehrsbetrieb Aar Bus+Bahn gehört, kaum Probleme mit «Burglind». Mediensprecher Erwin Rosenast sagt, es habe nur kurze Verspätungen gegeben. Ein fester Sicherheitsabstand zwischen den Gleisen und Bäumen wird hier nicht eingehalten: «Der Bahndienst kontrolliert regelmässig den Zustand der Bäume», sagt Rosenast.

Baum stand auf Abholz-Liste

Auch bei der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM), die auf einem beträchtlichen Teil des Streckennetzes durch bewaldete Abschnitte fährt, gibt es keinen 30-Meter-Abstand. «Wir kennen die Norm der SBB und probieren, uns bei Neubauten daran zu halten», sagt Ralph Signer, Leiter Infrastruktur der BDWM. Bestehendes würde man jedoch nicht ändern und auch der Wald solle möglichst unberührt bleiben.

Sicherheitsvorkehrungen würden dennoch getroffen, betont Signer. «Jedes Jahr gehen wir mit den zuständigen Förstern die Strecken ab und überprüfen die Bäume», sagt der Infrastruktur-Chef. Trotzdem ist am Mittwoch ein Baum auf die BDWM-Fahrleitung in Dietikon gestürzt. Die Begründung von Signer: «Der Sturm kam zu früh und der Baum stand sowieso schon auf der Liste zum Abholzen.»

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