Jura Ost

Atomendlager Bözberg: 70 weisse Fahrzeuge bringen den Boden zum Vibrieren

Die Seismik-Messungen in den 20 Gemeinden rund um den Bözberg kommen gut voran. Vier Vibrationsfahrzeuge erzeugen die notwendigen Schwingungen, die detaillierten Aufschluss über die Beschaffenheit des geologischen Untergrunds geben.

Seit einigen Wochen befinden sie sich in der Region rund um den Bözberg. Sie sind zahlreich: rund 120 Männer und drei Frauen. Sie stammen vorwiegend aus Deutschland, Holland und aus Osteuropa. Sie sind straff organisiert und arbeiten jeweils von Montag bis Samstag.

Es sind alles Spezialisten auf ihrem Gebiet; auch ein Industriekletterer befindet sich unter ihnen. Sie leisten Einsätze auf der ganzen Welt, und nicht immer geht es so friedlich zu wie rund um den Bözberg. Ihr Hauptquartier befindet sich im Industriegebiet von Döttingen.

Was sind 3D-seismische Messungen? Wie funktionieren sie und weshalb sind sie nötig? Das Nagra-Erklärvideo.

Was sind 3D-seismische Messungen? Wie funktionieren sie und weshalb sind sie nötig? Das Nagra-Erklärvideo.

Unterwegs sind sie mit rund 70 weissen Fahrzeugen, die meisten davon sind Pick-ups. Unüberseh- und unüberhörbar sind die vier gewaltigen Vibrationsfahrzeuge, mit denen die Angestellten des deutschen Unternehmens DMT im Auftrag der Nagra die seismischen Messungen im Gebiet Jura Ost durchführen.

Gemessen wird in einem Gebiet von rund 96 Quadratkilometern; begonnen hat man im Anfang Oktober, bis Ende Januar 2016 möchte man fertig sein, wenn alles gut läuft. 10 Millionen Franken kosten die Messungen. Sie sollen Auskunft darüber geben, ob das Gebiet Jura Ost für ein Endlager von radioaktiven Abfällen geeignet ist oder eher nicht.

Auskunft über den Untergrund

Bisher läuft alles nach Plan. Dies bestätigt Geologe Herfried Madritsch, der als Projektmanager für die Nagra arbeitet. Es ist ein fast schon bizarr schöner Novembermorgen, als er uns durch den leeren Herbstwald zu den beiden Vibrationsfahrzeugen führt, die da auf einer kleinen Waldstrasse aufwärtskraxeln und alle paar Meter anhalten und den Boden zum Vibrieren bringen.

Atomendlager: Die Nagra führte 2015 schon seismische Messungen rund um den Bözberg durch – Markus Fritschi von der Nagra-Geschäftsleitung erklärt, was genau passiert.

Atomendlager: Nagra startet seismische Messungen rund um den Bötzberg – Markus Fritschi von der Nagra-Geschäftsleitung erklärt, was genau passiert. (1.10.2015)

Geduldig erklärt Madritsch, was die je 20 Tonnen schweren Fahrzeuge hier tun: Sie erzeugen Schwingungen, die sich im Untergrund ausbreiten und an verschiedenen Gesteinsschichten reflektiert werden. Die reflektierten Schwingungen kehren an die Erdoberfläche zurück und werden mit Messinstrumenten, den Geofonen, registriert.

Die Laufzeiten werden aufgezeichnet und später ausgewertet; sie geben letztlich Auskunft über die Beschaffenheit des geologischen Untergrunds. Der Zeitplan ist ehrgeizig. Rund 27'000-mal müssen sie im engmaschigen Messnetz das Vibrationsprozedere wiederholen.

Wichtige Permitter

Auf einer rundum besonnten Höhe bei Oberbözberg steht der Messwagen. Was für ein erlesener Arbeitsplatz! Doch die Realität holt einen schnell ein.

Im Innern des Wagens sitzen zwei technische Fachleute. Sie überwachen gleichzeitig sechs Bildschirme, die unablässig Messdaten liefern; die beiden Kontrolleure müssen den Überblick behalten und sofort reagieren, wenn irgendwo eine Messung schieflaufen sollte. Denn fehlende oder ungenaue Messungen sind im Nachhinein nicht mehr zu korrigieren.

An einer Medienkonferenz Anfang Oktober präsentierte die Nagra die Vibrationsfahrzeuge, mit denen sie die seismischen Messungen durchführen wird.

An einer Medienkonferenz Anfang Oktober präsentierte die Nagra die Vibrationsfahrzeuge, mit denen sie die seismischen Messungen durchführen wird.

So sitzen die beiden tapferen Techniker stundenlang im miefigen Wagen im Banne der Bildschirme, Telefone und Funkgeräte; vom traumhaften Herbst, der sich draussen ereignet, kriegen sie wenig mit. Als sie am Morgen kamen, steckte der Wagen im Nebel, wenn sie den Wagen verlassen, wird es dunkel sein.

Sorge um Bienen

Zum Team gehört auch rund ein Dutzend Permitter. Von ihnen hängt ab, ob die Mission «Messung» gelingt. Denn sie sind es, die vorgängig zu jedem tangierten Grundeigentümer gehen und versuchen, das Einverständnis für die Messungen zu erhalten. Dabei gelte es, Rücksicht auf die Anliegen und Befürchtungen der Grundeigentümer zu nehmen. So sorgte sich ein Eigentümer um seine Bienen.

Er konnte beruhigt werden: Zu Bienenstöcken wird immer ein Sicherheitsabstand von mindestens 100 Metern gehalten. «Die Permitter leisten sehr gute Arbeit», lobte Madritsch. Bisher hätten von über 1000 kontaktierten Grundeigentümern lediglich acht ihre Zustimmung verweigert.

Doch Madritsch bleibt Realist. «Auch wenn die Leute den seismischen Messungen gegenüber positiv eingestellt sind, heisst das noch lange nicht, dass sie mit einem Standort Jura Ost zur Lagerung von radioaktiven Abfällen einverstanden sein werden.»

Bleibt die Frage, was denn eigentlich ein Industriekletterer im internationalen Team der seismischen Vermesser zu tun hat? Auch da weiss Herfried Madritsch die Antwort: «Bei der Verlegung der Messkabel mit den Geofonen kann es durchaus vorkommen, dass wir im felsigen Gelände arbeiten müssen. Da kommen wir nur mit einem professionellen Industriekletterer weiter.»

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