Asylsuchende
Asylsuchende bei Privaten: Flüchtlingshilfe kritisiert «vergiftete Atmosphäre»

Zwei Familien nahmen bis jetzt Asylsuchende bei sich auf, 70 weitere Angebote liegen vor. Obwohl die erste Bilanz positiv ausfällt, kritisiert die Flüchtlingshilfe die Zustände, die eine Privatunterbringung in einigen Gemeinden verunmöglichten.

Manuel Bühlmann
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Marie-Theres Kaufmann (links) und ihr Mann haben bei sich zu Hause in Sins eine syrische Familie aufgenommen. Hier in ihrem Wintergarten beim Medientermin vom April.

Marie-Theres Kaufmann (links) und ihr Mann haben bei sich zu Hause in Sins eine syrische Familie aufgenommen. Hier in ihrem Wintergarten beim Medientermin vom April.

Mario Heller

Die Kaufmanns aus Sins waren die Ersten. Die Ersten – in der Deutschschweiz –, die im Rahmen eines Projekts der Flüchtlingshilfe bei sich zu Hause Asylsuchende aufnahmen. Eine Premiere, die für Medienwirbel sorgte. Kamerateams, Radioreporter, schreibende Journalisten: Im Wintergarten der Kaufmanns wurde es eng.

Das war im April. Heute, rund acht Monate später, sagt Alois Kaufmann: «Das Zusammenleben klappt sehr gut.» Und auch beim Kanton ist man zufrieden: «Die Bilanz ist aufgrund der Erfahrungen der Flüchtlinge und der Familien positiv.» Inzwischen ist eine andere syrische Familie bei einer Gastfamilie in Muri eingezogen.

Weitere Platzierungen werden derzeit in Wettingen und in anderen Gemeinden des Kantons vorbereitet. Insgesamt haben sich allein im Aargau gegen 70 Privatpersonen gemeldet, die gerne Asylsuchende bei sich aufnehmen würden.

«Gute Angebote verunmöglicht»

Die Freiwilligen bräuchten angesichts der grossen Menge an Angeboten ein wenig Geduld, sagt Stefan Frey. Der Projektverantwortliche bei der Flüchtlingshilfe übt aber auch Kritik an den politischen Verhältnissen: «Im Kanton Aargau ist es die von einer Regierungspartei vergiftete Atmosphäre, welche die Unterbringung von Asylsuchenden in verschiedenen Gemeinden erschwert oder gar verunmöglicht, obwohl es gute Angebote von Privaten gibt.»

Er stelle bei einigen Gemeinden eine «komplette Verweigerungshaltung» fest. Die Folge: Nicht alle Angebote, die bei der Flüchtlingshilfe eintreffen, können genutzt werden. «Sind die Chancen gering, dass die Stimmung in einer Gemeinde eine Privatunterbringung zulässt, macht es keinen Sinn, dort zu forcieren.» Namen will Frey keine nennen – «um die Gastfamilien zu schützen».

Das Pilotprojekt der Flüchtlingshilfe läuft neben dem Aargau in drei weiteren Kantonen – Bern, Genf und Waadt. Lobende Worte findet Stefan Frey für die Westschweizer Kantone: Dort laufe es im Unterschied zur Deutschschweiz sehr gut, «weil die politischen Behörden mit Überzeugung hinter der Idee stehen und die ausführenden Verwaltungseinheiten für die Rekrutierung der geeigneten Flüchtlingspersonen hoch motiviert sind».

Ohne Gemeinde geht es nicht

Balz Bruder, Sprecher des kantonalen Sozialdepartements, wehrt sich gegen die Kritik: «Das Asyldossier ist nicht nur im Kanton Aargau umstritten; direkte Rückschlüsse auf die Möglichkeiten, Flüchtlinge privat unterzubringen, sind nicht zulässig.»

Auf die Frage, wie oft Angebote von Privaten nicht genutzt werden konnten, weil dies in der Wohngemeinde politisch nicht gewollt gewesen ist, antwortet Bruder: «Uns ist kein solches Beispiel bekannt.» Doch wäre eine Unterbringung gegen den Willen einer Gemeinde überhaupt denkbar? Dafür brauche es das Einverständnis beziehungsweise die Kooperation der Gemeinde, lautet die Antwort.

Die ablehnende Haltung einiger Gemeinden bezeichnet Stefan Frey als «paradox». «Eine möglichst rasche Integration der Asylsuchenden müsste in ihrem Interesse sein. Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass sie von Sozialhilfe abhängig werden.» Das Ziel des Pilotprojekts ist klar: Die Asylsuchenden sollen sich in ihrer neuen Heimat möglichst rasch zurechtfinden und ein selbstständiges Leben führen können.

Der syrische Goldschmied

Im Fall von Milad Kourie und Merna Ablahad, die beim Ehepaar Kaufmann einquartiert sind, funktioniert die Integration bislang gut. Der Familienvater, der in Syrien 16 Jahre als Goldschmied gearbeitet hat, hilft nun nachmittags bei einem Berufskollegen in Sins aus, um zu lernen, wie hierzulande Schmuck gefertigt wird.

Die Stelle konnte ihm Alois Kaufmann vermitteln. Am Vormittag besucht er einen Deutschkurs in Aarau. Die Mutter, eine Lehrerin, spreche bereits relativ gut Deutsch. Inzwischen könne man sich problemlos verständigen, sagt Kaufmann. Wie lange die syrische Familie bei ihnen wohnen wird, ist offen. Opposition gegen das Projekt blieb in Sins aus.

Die Nachbarschaft habe positiv auf das Projekt reagiert. Kritische Stimmen hat Kaufmann bis jetzt keine vernommen. «Die Leute unterhalten sich mit der Familie, wenn sie sie auf der Strasse antreffen.» Sein Fazit: «So, wie es bei uns läuft, kann ich es allen empfehlen.»

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