Arbeitsmarkt
Wegen der Pandemie: Kanton Aargau hat mehr Arbeitslose als in der Finanzkrise 2008

Die Pandemie treibt die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Das stellt auch die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV vor Probleme: Um alle Klienten betreuen zu können, mussten 47 neue Stellen geschaffen werden. Doch diese Stellen auch zu besetzen, ist gar nicht so einfach.

Raphael Karpf
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47 neue Stellen haben die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV im Aargau geschaffen, um die vielen Arbeitslosen betreuen zu können.

47 neue Stellen haben die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren RAV im Aargau geschaffen, um die vielen Arbeitslosen betreuen zu können.

Chris Iseli

15'274 Aargauerinnen und Aargauer waren im Januar arbeitslos. Das sind über 800 Personen mehr als noch im Monat davor. Die Arbeitslosenquote liegt bei vier Prozent.

Nicht einmal während der Finanzkrise 2008 gab es im Aargau so viele Arbeitslose wie jetzt. Ob es jemals mehr Arbeitslose gab, lässt sich nicht ganz so einfach beantworten. Die Abfrage des Amts für Wirtschaft und Arbeit reicht nur bis ins Jahr 2006 zurück. Zumindest seither waren nie so viele Menschen arbeitslos.

Im vergangenen Jahr sind die Arbeitslosenzahlen im Frühling, während der ersten Welle, stark angestiegen. Dann waren sie das Jahr über auf hohem Niveau konstant. Bis sie im Dezember und nun im Januar erneut gestiegen sind:

Arbeitslose im Aargau

in Tausend
Jan 20FebMärAprMaiJunJulAugSeptOktNovDezJan 21Monat051015

Aktuell verlieren am meisten Menschen im Detailhandel und in der Gastrobranche sowie deren Zuliefererbetrieben ihre Stellen. Zudem meldeten sich viele Menschen aus der Baubranche im Januar als arbeitslos an. Dieser Anstieg ist aber auch auf die schlechten Wetterbedingungen zurückzuführen.

47 neue Stellen, trotzdem laufen die RAV am Limit

Die hohen Arbeitslosenzahlen bringen die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) an den Anschlag. Sie helfen den Menschen, möglichst bald wieder eine Stelle zu finden. 47 Stellen haben die RAV im vergangenen Jahr neu geschaffen. Doch selbst mit der Aufstockung können noch nicht alle Klienten so betreut werden, wie es die Personalberaterinnen selbst gerne tun würden: «Wir müssen priorisieren», sagt Isabelle Wyss, die beim Amt für Wirtschaft und Arbeit die Sektion Arbeitsmarktliche Integration leitet.

Isabelle Wyss, Leiterin RAV Baden.

Isabelle Wyss, Leiterin RAV Baden.

Dieter Minder

Normalerweise werden alle sechs Wochen Beratungsgespräche durchgeführt, mindestens aber alle zwei Monate. Das ist aktuell nicht immer möglich. «Bei Personen, die eine Stelle in Aussicht haben oder allgemein weniger Betreuung brauchen, wird der Beratungsrhythmus gezielt verlängert», sagt Wyss. «Dafür können wir diejenigen, die mehr Unterstützung brauchen, enger begleiten.» Trotzdem: Die Situation sei insbesondere für die Mitarbeitenden herausfordernd: «Ihr Kerngeschäft bleibt das Beraten. Das können sie nicht in dem Umfang tun, wie sie es gerne würden.»

Nicht alle neuen Stellen konnten besetzt werden

Das Problem: Einfach neue Stellen auf den RAV zu schaffen, hilft kurzfristig nicht. Denn zuerst müssen die Stellen besetzt werden. Das ist noch nicht bei allen Vakanzen gelungen. «Der Job als Personalberater ist extrem anspruchsvoll. Umso bewundernswerter ist es, was für eine Arbeit die Teams aktuell leisten», sagt Wyss. Ausserdem suchen viele Kantone derzeit Personalberaterinnen, der Markt ist ausgedünnt.

Und ist eine Stelle erst einmal besetzt, muss die neue Person noch eingearbeitet werden. Normalerweise dauere es ungefähr ein Dreivierteljahr, bis eine Person voll einsatzfähig sei, sagt Wyss.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Viel Zeit einsparen können Personalberater gar nicht, auch wenn Prozesse optimiert werden. Was hilft: Die Beratungen finden nun telefonisch statt. Damit spare man ein wenig Zeit. Doch das Kerngeschäft bleibt die Beratung der Arbeitslosen. Und das braucht einfach Zeit.

Trotz der hohen Dossierbelastung kommen die RAV noch gerade so durch. Einen Blick in die Zukunft wagt Wyss aber nicht. Zu unberechenbar seien die Pandemie und die damit einhergehenden einschränkenden Massnahmen. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit beurteile die Lage monatlich neu. Und entscheide, ob es nochmals mehr Stellen brauche, um die vielen Arbeitslosen betreuen zu können. Aktuell ist das nicht nötig. Nächsten Monat könnte es schon anders sein.

Auch Kurzarbeit nimmt wieder zu

Rund 4200 Aargauer Betriebe bezogen im Januar Kurzarbeitsentschädigungen. Das sind 800 mehr als noch im Vormonat. Damit brauchen insgesamt aber immer noch deutlich weniger Betriebe Kurzarbeitsgeld als noch im Frühling oder Sommer 2020: Damals waren phasenweise über 12'000 Betriebe von Kurzarbeit betroffen.