Schloss
Adel im Aargau: Die Edlen von Hallwyl konnten es länger als alle anderen

Es gibt kaum eine andere Adelsfamilie in der Schweiz, die ihren Stammsitz so lange in der Familie halten konnte wie die Edlen von Hallwyl. Ein neues Buch zeigt auf, wie dies gelingen konnte: durch stetige Anpassung an die sich verändernde politische und gesellschaftliche Realität.

Jörg Meier
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Graf Michael von Hallwyl (links) zusammen mit seinem Sohn Christopher im Schloss Hallwyl, das die Familie 1994 dem Kanton Aargau geschenkt hat.

Graf Michael von Hallwyl (links) zusammen mit seinem Sohn Christopher im Schloss Hallwyl, das die Familie 1994 dem Kanton Aargau geschenkt hat.

Vera Bohren, aus «Adel in der Schweiz», 2018

Im Jahre 1994 schenkte Graf Michael von Hallwyl das Wasserschloss Hallwyl dem Kanton Aargau. Damit kam das Schloss nach fast 800 Jahren zum ersten Mal in fremde Hände, und eine lange Familientradition ging unwiderruflich zu Ende.

Im Gespräch mit Andreas Z’Graggen, der für sein Buch «Adel in der Schweiz» auch die Geschichte der Familie von Hallwyl recherchiert hat, erklärte Michael von Hallwyl, es sei ihm damals sehr schwer gefallen, das Schloss wegzugeben. Doch sowohl die Verpflichtung, das Schloss öffentlich zu halten, als auch die immer wieder nötigen Renovationsarbeiten hätten Kosten verursacht, die die Familie nicht mehr tragen konnte.

«Nach längerer Zeit des Überlegens schlug ich vor, das Schloss dem Kanton zu schenken», erinnerte sich der 74-jäh-rige Michael von Hallwyl. Sein Sohn Christopher habe diesen Entscheid anfänglich nicht verstehen können.

Adel in der Schweiz Andreas Z’Graggen: Adel in der Schweiz. Wie Herrschaftsfamilien unser Land über Jahrhunderte prägten. Verlag NZZ Libro 2018. (Mit Beiträgen von Barbara Franzen und Ruedi Arnold und Fotografien von Vera Bohren.)

Adel in der Schweiz Andreas Z’Graggen: Adel in der Schweiz. Wie Herrschaftsfamilien unser Land über Jahrhunderte prägten. Verlag NZZ Libro 2018. (Mit Beiträgen von Barbara Franzen und Ruedi Arnold und Fotografien von Vera Bohren.)

«Adel in der Schweiz»

Auch Christopher sei Schweizer, habe hier den Militärdienst absolviert, lebe aber in Deutschland und sei oft unterwegs. «Man muss aber vor Ort präsent sein, wenn man ein solches Schloss korrekt betreuen will», sagte Michael von Hallwyl.

Schloss «mustergültig restauriert»

Heute ist Michael von Hallwyl sehr froh über seinen damaligen Entscheid: «Der Kanton Aargau hat Hallwyl mustergültig restauriert, dem Schloss somit ein dauerhaftes Fortbestehen in vollem Glanz ermöglicht sowie die Darstellung der Familiengeschichte im Schloss als zentralen Punkt sichergestellt.»

Er komme immer wieder gerne nach Seengen und ins Schloss, auch weil seine Eltern im Schlosspark begraben sind.

Michaels Vater, Walter Carl Leopold von Hallwyl, wanderte 1925 ins damalige Südwestafrika aus und wurde Farmer. Er war frustriert, weil er das Schloss Hallwyl doch nicht übernehmen konnte, auch wenn das 1912 in einem ersten Testament seiner Tante, der Gräfin Wilhelmina, noch so vorgesehen war. Stammhalter Michael kam 1944 in Namibia zur Welt. Mit 12 Jahren kehrt er zurück nach Europa, besuchte das konservative Elitegymnasium in Salem, absolvierte die Rekrutenschule in Airolo, wurde Offizier und später Banker. Heute lebt er auf einem Bauerngut in Portugal und am Starnbergersee in Deutschland.

Höchst anpassungsfähig

Bei seinen Recherchen zum Buch über den Adel in der Schweiz stellt Autor Z’Graggen fest, dass es kaum eine andere Schweizer Adelsfamilie gibt, die so lange ihre Burg besass wie die von Hallwyl. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es die Familie gut verstand, sich an die jeweiligen Umstände anzupassen.

Erst waren die Hallwyler treue Gefolgsleute im Dienste der Lenzburger, dann der Kyburger und der Habsburger. Das mussten sie teuer bezahlen, als die Berner 1415 den Aargau eroberten und Hallwyl in Brand setzten.

Doch die Familie arrangierte sich rasch mit den neuen Herren aus Bern. In den Burgunderkriegen kämpfte Hans von Hallwyl als Anführer der Berner. Bald heirateten auch von Hallwyl in die Berner Aristokratie ein. Zudem waren die von Hallwyl, wie das üblich war, vor allem Offiziere in fremden Kriegsdiensten, in Frankreich, Holland, Preussen, Österreich und Russland.

Als nach 1798 die Aristokraten alle Rechte verloren, reagierten die von Hallwyl auch auf diese neue Situation sehr geschickt. Sie trugen die neue Ordnung mit. Hans von Hallwyl schaffte es gar in den Regierungsrat und präsidierte die Aargauer Regierung in den Jahren 1869/70. Finanziell hatte er aber keine glückliche Hand. Er setzte sich ins Ausland ab, versuchte sich in Serbien im Eisenbahnbau, doch das ging ebenfalls schief. Das Stammschloss musste er seinem Bruder Walter verkaufen.

Der «Hallwylisch wundtrannck»

Mehrere Mitglieder der adligen Familie von Hallwyl erlangten zu Lebzeiten einige Berühmtheit. So auch Burkhard III. von Hallwyl. Er mixte eine Medizin aus «rotem mangolt, heydisch wundkrut, wintergruen, rot buggen, sanickel und sonouw», das Gebräu nannte er «Hallwylisch wundtrannck».

Der vielseitige Burkhard III. liess die mittelalterliche Burg zum grössten Wasserschloss des Landes ausbauen, als Naturwissenschafter betrieb Burkhard im Schloss ein Versuchslabor mit Destillierapparat. Um 1580 stellte er ein 300 Seiten dickes, rund 3000 Rezepte umfassendes Arzneibuch zusammen. Es enthielt unter anderem auch die Rezeptur für den berühmten «Hallwylisch wundtrannck».

Musikhistorisch Bedeutendes hat Hugo III. von Hallwyl geleistet. Hauptberuflich war er Kämmerer von Kaiser Leopold I. Seine Leidenschaft indes galt dem Lautenspiel. Um 1650 verfasste Hugo das «Lautenbuch», das auf 150 handbeschriebenen Seiten Musik für fast alle Zupf-Instrumente enthält.

Aber auch zwei besondere Frauen prägten die Geschichte der Dynastie der von Hallwyl: Gräfin Franziska Romana, die offen war für neue Ideen und mit Johann Caspar Lavater oder Heinrich Pestalozzi regen Kontakt pflegte. Sie bestimmte das Geschehen auf Schloss Hallwyl während fast 50 Jahren und machte aus dem Schloss um 1800 eine intellektuelle Begegnungsstätte. Sie begrüsste das Ende der aristokratischen Vorrechte und legte ihren Adelstitel freiwillig nieder.

Die reiche Schwedin

Aus ganz anderem Grund wichtig war Wilhelmina, gebürtige Kempe, die Gattin des Schlossbesitzers Walter von Hallwyl: Sie hatte viel Geld. Denn Wilhelmina war die Tochter eines reichen Holzhändlers aus Schweden. Sie begann sich nach 1900 für das Schloss zu interessieren, übersiedelte nach Seengen, erkannte den grossen Renovationsbedarf rasch und kümmerte sich um die gründliche und sorgfältige Renovation der Anlage, die von 1910 bis 1916 dauerte.

Sie war es dann auch, die das Schloss 1925 in eine Stiftung überführte und nicht ihrem Neffen vererbte, wie das vorgesehen war. Dieser Entscheid bewog ihn schliesslich dazu, nicht Landwirt in Seengen zu werden, sondern, wie bereits erwähnt, nach Namibia auszuwandern.

Die Zukunft der Familie von Hallwyl sieht Graf Michael pragmatisch: «Man hat seinen Teil geleistet. Und wenn die Zeit um ist, ist sie um.»

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Chris Iseli/AZ