Aargauer Kunsthaus

Acht Wochen ohne Museum: «Das war wie ein Entzug»

Seit gestern sind die Museen wieder offen. Einen Ansturm aufs Aargauer Kunsthaus in Aarau gab es nicht. Wer aber kam, war glücklich.

Schlangen wie vor Einkaufs- und Gartencentern habe ich nicht erwartet – eher bangte ich, ob es überhaupt Menschen ins Kunsthaus wagen. In diesen ersten Stunden der doch überraschend schnellen Wiedereröffnung. Aber eigentlich war mir das egal. Ich freute mich, endlich wieder im Kunsthaus durch die Räume zu flanieren und vor den Originalen zu stehen, statt auf einem Bildschirm über allzu glatte Bilderoberflächen zu scrollen.

Im Foyer des Kunsthauses strahlten Interimsdirektorin Sandra Walder und Kommunikationsfrau Christina Omlin um die Wette – und warteten zusammen mit den Frauen von Empfang und Aufsicht gespannt auf Publikum. «Wir freuen uns! Abstandhalten ist bei uns kein Problem», so Walder. «260 Leute dürfen aufs Mal drin sein, eine Person pro 10 Quadratmeter.» Also wie normal. Ausser an Vernissagen und Veranstaltungen ist es im weitläufigen Haus nie eng. Und die sind bis Juni abgesagt. «Führungen gibt es nur für Schulklassen oder private Gruppen bis vier Personen», sagt Omlin. Digitale Workshops und Führungen biete man weiterhin an, «weil sie Anklang finden».

Kunst tut gut, fürs Gemüt und den Geist

Nein, wir nehmen keinen Kaffee (was möglich und schön wäre), sondern starten in der «Sammlung Coninx» mit Schweizer Kunst der letzten 150 Jahre. In den Kabinetten verweilt sich ein Besucher vor Zeichnungen von Art-Brut-Künstlern. «Kunst tut gut, fürs Gemüt und den Geist», sagt Matthias Brühschweiler. «Endlich wieder ein Stück Normalität», sagt Gebhard Dieng aus dem sankt-gallischen Mels. «Ich habe fast geheult vor Vorfreude.» Er schaut sich das Video «Haunting Home» an, in dem Manor-Preisträgerin Denise Bertschi den frühen Handelsbeziehungen von Aarauern in Brasilien nachforscht. «Nach Aarau bin ich gefahren, weil ich ‹Blumen für die Kunst› nicht sehen konnte und das Kunsthaus schätze», erzählt Dieng.

Tragische Bilder wirken anziehend

In den Oberlichtsälen leuchten die Gemälde. Doch irgendwie ziehen mich tragische Geschichten an: «The End» prangt auf Urs Lüthis Meerbild, die gewaltige Alpenlandschaft von Alexandre Calame zeigt ein verzweifeltes Paar vor dem «Bergsturz von Mels», der ihre Hütte zertrümmert hat, und bei Walter Wiemken steht man «Am Abgrund». Da thront Meret Oppenheims Wolke zwar versteinert, aber luftig auf der Brücke. Der Schriftzug «Bitte Abstand halten» vor Christoph Haerles überspannter Metallplastik lässt einen schmunzeln – wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Kunst zum Geburtstag

Das gekonnte Grün-Blau von Rosina Kuhns «Esalen» zieht Peter Oswald in seinen Bann. Er habe den Besuch im Kunsthaus heute als Geburtstagsüberraschung geschenkt bekommen, sagt er lachend. «Es ist toll, wieder Kunst zu sehen.»

Der Kunsthausbesuch sei ihr erster Ausgang nach acht Wochen, sagt Heidi Ottlik, die in der Nähe wohnt. «Es war wie ein Entzug.» Die Führung zum «Bild des Monats» will sie besuchen, aber die gebe es bis Juni nur digital, erklärt man ihr. «Schade», findet sie, «aber es gibt ja genug zu sehen.»

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