Coronakrise

Aargauer Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel: «Ich musste meinen Vater überzeugen, dass ich einkaufe»

Ruth Humbel fühlt sich privilegiert, weil sie einen Garten vor dem Haus hat. Für Menschen ohne Balkon oder Garten müsse diese Zeit besonders schwer sein.

Ruth Humbel fühlt sich privilegiert, weil sie einen Garten vor dem Haus hat. Für Menschen ohne Balkon oder Garten müsse diese Zeit besonders schwer sein.

Ruth Humbel ist in der Coronakrise mit ihrer grossen Erfahrung besonders gefragt. Sie erzählt, wie sie sich jetzt im Alltag verhält, einkauft, und was dringend angegangen werden muss, wenn diese schwere Krise überstanden ist.

Die Aargauer CVP-Nationalrätin und Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, Ruth Humbel, eilt derzeit fernmündlich von einem Medientermin zum nächsten. Sitzungen und Besprechungen hält sie via Skype ab. Seit zwei Wochen ist sie im Home-Office. Sie ist mit ihrem Mann in Birmenstorf daheim. Als frühere erfolgreiche Spitzenathletin geht sie derzeit fast nur noch zum Joggen im Wald aus dem Haus und zum Einkaufen im Dorfladen, in der örtlichen Bäckerei und Metzgerei.

Sie kauft für ihre betagten Eltern gleich mit ein. Humbel: «Meinen Vater musste ich wirklich überzeugen, dass ich das jetzt mache, um ihn und meine Mutter vor einer möglichen Ansteckung zu schützen.» Täglich ist sie – mit gebührendem Abstand zum Schutz der Eltern – eine halbe Stunde bei ihnen: «Sie hatten immer viel Besuch, auch von den Enkeln. Das hat über Nacht alles geändert. Es ist für sie wie für alle Menschen, denen jetzt wichtige Sozialkontakte wegbrechen, sehr schwierig. Das Telefon ist halt kein voller Ersatz.»

Abstand halten und Hände waschen

Wie schützt sie sich selbst, geht sie mit Schutzmaske in den Laden? «Nein», schüttelt Humbel den Kopf, «wie alle andern wasche ich die Hände mehr und gründlicher als je zuvor. Die Masken sind knapp. Wirklich vonnöten sind sie für Pflegepersonal, für immungeschwächte und kranke Personen.» Gut fände sie, wenn Verkäuferinnen und Verkäufer, die viel Kundenkontakt haben, trotz schützender Plexiglasscheibe auch Schutzmasken bekämen. Und sie predigt unermüdlich: Abstand halten, Abstand halten.

Bereut sie nun, dass sie 2019 nicht als Regierungsrätin kandidiert hat? Als Gesundheitsdirektorin trüge sie jetzt grosse Verantwortung. Humbel sagt dazu: «Wenn ich kandidiert hätte, heisst das noch nicht, dass ich gewählt worden wäre. Dennoch habe ich nicht kandidiert, weil ich das Mandat nach Abwägen der verschiedenen Aspekte nicht angestrebt habe. Diese Krise ist tatsächlich eine zusätzliche grosse verantwortungsvolle Aufgabe für den neuen Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati. Er macht das aber sehr gut.»

Jean-Pierre Gallati, Vorsteher Departement Gesundheit und Soziales, leistet laut Ruth Humbel gute Arbeit.

Jean-Pierre Gallati, Vorsteher Departement Gesundheit und Soziales, leistet laut Ruth Humbel gute Arbeit.

Kommission macht Mitbericht zu den dringlichen Krediten

Wird die Gesundheitskommission jetzt vom Bundesrat konsultiert? Wieder kommt ein Nein: «Der Bundesrat hat Fachspezialisten als Berater, zudem müssen die Entscheide in so kurzer Frist gefällt werden, dass solche Konsultationen in so einer Krisensituation halt wegfallen.» Das ist aber auch ein Grund, warum sie sehr für die soeben beschlossene ausserordentliche Coronasession ab 4. Mai ist: «Das Parlament hat die Aufsicht über die Exekutive, und muss sie wahrnehmen. Unsere Kommission wird vor der Session tagen und einen Mitbericht zu den dringlichen Krediten erstellen.» Die Kommission ist auch zuständig für die Vorberatung der Notrechtsverordnungen im Bereich der Arbeitslosenversicherung und Erwerbsersatzordnung. Zudem kann sie den Bundesrat gewissermassen als Soundingboard unterstützen.

Die ausserordentliche Session im Mai scheint ganz auf Corona ausgerichtet zu sein. Humbel hofft aber, dass die Kommissionen danach wieder in den normalen Rhythmus zurückfinden. Es gelte auch weitere dringende Themen wie die Altersvorsorge weiterzubringen.

«Bedenklich, dass Ärzte Berichte noch mit Fax herumschicken»

Die Pandemie zeige die Schwachstellen unseres Gesundheitswesens insbesondere auch bei der Digitalisierung, sagt Humbel. Es sei bedenklich, dass Ärzte Berichte noch mit Fax herumschicken. Ihr gibt auch zu denken, wie schwierig es für Ärzte ist, wenn jemand in nicht mehr ansprechbarem Zustand eingeliefert wird: «Wie finden sie schnell genug heraus, ob er oder sie Vorerkrankungen oder Allergien hat, und welche Medikamente die Person nimmt?» Da würde das elektronische Patientendossier enorm helfen, ist sie überzeugt. Natürlich müsse man Datenschutzbedenken ernst nehmen: «Aber ich höre kaum je Bedenken von Patientinnen und Patienten, sondern vorab von Funktionären.» Nach der Krise müsse man dieses Dossier unbedingt vorantreiben.

Ruth Humbel und Gesundheitsminister Alain Berset im Nationalratssaal.

Ruth Humbel und Gesundheitsminister Alain Berset im Nationalratssaal.

Auch andere Schlüsse drängen sich angesichts der Engpässe bei Schutzmasken, Coronatests und ersten Medikamenten auf. Schon im Dezember habe ein Bericht des früheren BAG-Chefs Thomas Zeltner zum Pandemieplan zuhanden des Bundesrats gezeigt, dass alle Akteure ihre Verantwortung für die Pflichtlager vernachlässigt haben: «Die Vorgaben wurden von niemandem eingehalten, wohl auch, weil sich niemand mehr eine derartige Jahrhundert-Pandemie vorstellen konnte oder wollte.»

Nach der Krise unbedingt den Pandemieplan überarbeiten

Wenn die Krise überstanden ist, müsse man unbedingt den Pandemieplan überarbeiten, die Verantwortlichkeiten klar machen und durchsetzen, fordert Humbel. Auch die Tauglichkeit der Infrastruktur sei dann ohne Scheuklappen zu prüfen, und wie man zu mehr Gesundheitspersonal komme. Zudem, welche Medikamente (auch Antibiotika) man künftig wieder in Europa oder in Zusammenarbeit mit der heimischen Pharma-Industrie am besten in der Schweiz herstellen müsse, um in der Krise unabhängiger und handlungs­fähiger zu sein: «Da dürfen wir nicht mehr bloss auf den tiefsten Preis schauen, wir müssen die Versorgungssicherheit garantieren.»

Vor Jahren kämpfte Humbel vergeblich für Seruminstitut

Sie findet es «äusserst bedenklich, dass die Schweiz heute für Gesundheitsgüter kämpfen muss, die bloss EU-Länder transitieren sollten. Hier zeigt sich: Die EU scheint ein Schönwettermodell zu sein. In der Krise macht jedes Land, was ihm am meisten nützt». Humbel hat vor Jahren mit einem Vorstoss verlangt, die Biotechfirma Berna, das ehemalige Serum- und Impfstoffinstitut der Schweiz, das ins Ausland verkauft werden sollte, hier zu behalten: «Das hätte 12 Millionen Franken gekostet. Das war offenbar zu viel. Jetzt ist die Firma längst weg.» Staunen musste sie in der Frühlingssession, dass als erster Thomas Aeschi (SVP) nach einem Sessionsabbruch rief: «Ausgerechnet er, der 2012 gegen das Epidemiegesetz, das für den Fall einer Pandemie Kompetenzen von den Kantonen an den Bund verlagert, gestimmt hat! Wie froh sind wir jetzt um dieses Gesetz, dank dem der Bund handlungsfähig ist. Und er handelt sehr gut.»

Wenn sich die Lage beruhigt, alle testen, bevor die wieder arbeiten?

Jetzt hofft sie, wie alle andern auch, dass die Zahl der Neuansteckungen endlich sinkt, was zeigen würde, dass die geltenden Massnahmen Wirkung zeigen. «Alle Massnahmen sind ja darauf ausgerichtet, die Fallzahlen abzuflachen, damit das Gesundheitswesen nicht kollabiert.» Humbel drängt aber nicht auf Corona-Massentests. Ein Erfolg sei schon, dass die Zahl seriöser Tests von 2000 auf 8000 pro Tag habe erhöht werden können. Wenn sich die Lage hoffentlich bald etwas entspanne, könne es aber Sinn machen, Leute, die wieder zur Arbeit gehen, vorher zu testen.

Zurück zum Alltag. Ruth Humbel fühlt sich privilegiert, weil sie einen Garten vor dem Haus hat. Für viele Menschen, gerade für solche in Hochhäusern, unter Umständen sogar ohne Balkon, müsse diese Zeit besonders schwer sein. Sie müssten täglich eine Stunde zum Spazieren rausgehen können, damit ihnen nicht das Dach auf den Kopf fällt – natürlich unter strikter Einhaltung aller Coronaregeln.

Humbel freut sich über immer mehr aufkommende Nachbarschaftshilfe, über Freiwilligenarbeit, um denjenigen zu helfen, die selbst nicht mehr aus dem Haus gehen sollten. Prüfenswert findet sie den auch vom Virologen Beda Stadler unterstützten Vorschlag, die Lebensmittelläden morgens von 8 bis 10 Uhr, wenn noch alles frisch gereinigt ist, ausschliesslich für ältere, verletzliche Personen zu öffnen, und dass alle anderen erst nachher einkaufen dürfen.

Die Gesundheitspolitikerin sagt abschliessend: «Uns steht noch eine schwere Zeit bevor. Wir wissen nicht, wie lange der Ausnahmezustand anhält. Viele positive Erlebnisse, Rückmeldungen und Beobachtungen sowie die bewundernswerte Arbeit von Ärzten, Ärztinnen und Pflegenden geben mir die Hoffnung, dass wir diese schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und der Spanischen Grippe von 1918/1919 meistern können und werden, wenn wir alle die Coronamassnahmen strikt anwenden, zusammenhalten und uns gegenseitig helfen.»

Meistgesehen

Artboard 1