Erneuerbare Energie
Aargauer Geothermie-Verein kämpft bisher mit dem Staat statt mit heisser Erde

Im Aargau sind die Bedingungen für Geothermie gut. Doch die Befürworter der erneuerbaren Energie hoffen bisher vergeblich auf die baldige Gründung einer Firma. Vor Probleme gestellt wird der Geothermie-Verein aber noch von einer ganz anderen Seite.

Hans Lüthi
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Visualisierung des Bohrplatzes im Sittertobel bei St.Gallen, daneben befindet sich die Kläranlage. HO

Visualisierung des Bohrplatzes im Sittertobel bei St.Gallen, daneben befindet sich die Kläranlage. HO

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Auf die heisse Zukunftsenergie mit genügend Strom und Wärme aus dem tiefen Untergrund hoffen viele. Allen voran die Mitglieder des Vereins Geothermische Kraftwerke Aargau (VGKA). Immerhin ist der Verein stark auf 125 Mitglieder gewachsen, die sich ihren Glauben an eine bessere Energiewelt auch etwas kosten lassen. Weil es energiepolitisch fünf vor zwölf ist, kostet der Jahresbeitrag stolze 512 Franken. Der Aarauer Geologe und Vereinspräsident Mark Eberhard glaubt unerschütterlich an die Geothermie. Er hofft darauf, man könne «sie endlich aus dem Boden stampfen» – wie er an der dritten Generalversammlung auf Schloss Habsburg erklärte.

Angesichts der Fakten machte sich eine gewisse Ernüchterung breit, die geplante Gründung einer Projektierungsgesellschaft verzögert sich. Weil die Strompreise im Keller sind und die Windungen der Energiewende unklar, will die Branche nicht investieren. Deshalb fehle es an Partnerfirmen, die das nötige Geld sicherstellen, erklärte Hans-Kaspar Scherrer, CEO der Industriellen Betriebe der Stadt Aarau (IBA) und Vorstandsmitglied im Verein. Bei nur 130 bis 140 Grad heissem Wasser «ist die Stromproduktion ein Ding der Unmöglichkeit», sagte Scherrer. Gerne hätte er die Gründung einer Firma bekannt gegeben, «aber das geht nicht so schnell, ich hoffe, es ist in zwei bis drei Jahren möglich».

St. Gallen: Bohrung geht bereits bis 3000 Meter

Gespannt blickt die ganze Geothermieszene auf die laufende Tiefenbohrung in St. Gallen. Die Bohrung läuft seit Anfang März und erreichte am Freitagmittag bereits eine Tiefe von 2990 Metern. Über die neueste Bohrtechnik referierte auf Schloss Habsburg Tiefbauingenieur Dirk Alfermann, der als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet gilt. Bis Ende Mai oder Anfang Juni soll die Tiefe von 4000 Metern erreicht sein. Falls die pro Tag 60'000 Franken kostende Bohrung nicht fündig wird, kann sie bis maximal 4600 Meter abgetieft werden. Die Bohrung kostet rund 150 Millionen Franken, erwartet werden Wasser führende Schichten von 150 bis 170 Grad für Strom und Wärme. (Lü.)

Ein wirtschaftlicher Betrieb sei darum nur zusammen mit einem Fernwärmenetz überhaupt denkbar. Konkret müsste die Fernwärme mit einer Bohrung im Gebiet von Refuna (unteres Aaretal) oder im Siggenthal gesucht werden. Auf Rückfrage betont Präsident Eberhard, im Raum Brugg könne in Tiefen von 4 bis 4,5 Kilometern mit 150 bis 170 Grad gerechnet werden. Klar ist: Im Aargau sind die Voraussetzungen besser als in der übrigen Schweiz, aber für Tiefen über 5000 Metern gibt es keine Bohrerfahrungen. Die Kosten pro Kilowattstunde (kWh) Strom beziffert Eberhard auf 7 bis 15 Rappen für die Gestehung und 20 bis 25 Rappen für die Konsumenten.

Bisher macht der Verein primär Imagewerbung für die Geothermie, Defizite von 18'000 bis 35'000 Franken pro Jahr und muss dennoch viele Steuern bezahlen. Bei 127'000 Franken budgetierten Einnahmen von Mitgliedern und Sponsoren (AKB, AEW, Migros, Stadtwerke) sind fast 22'000 Franken für das Steueramt vorgesehen. Das sorgte für ziemlich Ärger, aber beim Steuerrekursgericht sei man abgeblitzt. Abgelehnt wurde ein Antrag, die Steuern nach dem Defizitjahr aus dem Budget 2013 zu streichen und ein Signal zu setzen.

Auch FDP-Grossrat und Vorstandsmitglied Daniel Heller findet es unmöglich, dass der im Interesse des Staates handelnde Verein noch Steuern bezahlen müsse. Jetzt müssten die Juristen abklären, ob die Steuerpflicht mit einer Änderung der Statuten hinfällig würde. Eine grosse Mehrheit unterstützte den entsprechenden Antrag. Das Geld wird neben den Steuern vor allem für die Kommunikation benötigt, die pro Jahr gegen 120'000 Franken kostet.

Als ob die Probleme nicht schon gross genug wären, kommen im Untergrund zahllose Interessenkonflikte dazu. Gestützt auf eine Studie nannte Mark Eberhard die Stichworte Thermalwasser, Grundwasser, Wärmesonden, Nagra-Tiefenlager, Kalkabbau, Erdgas und Erdöl sowie CO2-Verpressung, Kiesgruben, Tunnels und weitere Tiefbauten. Mit viel Lobby-Arbeit will der Verein Politiker, Entscheidungsträger und die Bevölkerung einbinden, «um den Boden für ein Projekt vorzubereiten».

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