«Wirmachenauf»
Aargauer Beizen-Revoluzzer wollen trotz Verbot öffnen: Das könnte nicht nur Goodwill kosten, warnt Gastropräsident Lustenberger

Restaurants, Fitnesscenter, Läden: Verschiedenste Betriebe haben genug von den angeordneten Schliessungen und wollen, trotz Verbot und Pandemie, nächsten Montag öffnen. So haben es zumindest manche im Messenger-Dienst Telegram angekündigt.

Raphael Karpf
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In Hunzenschwil wurde eine Puppe, die symbolisch für die unter den Coronamassnahmen leidende Gastro-Branche steht, erhängt.

In Hunzenschwil wurde eine Puppe, die symbolisch für die unter den Coronamassnahmen leidende Gastro-Branche steht, erhängt.

Tele M1

Bereits fast 7000 Menschen tummeln sich im Kanal der Bewegung «wirmachenauf» auf der Nachrichten-App Telegram. Darin sind Kommentare zu lesen wie: «Wenn wir uns nicht gegen dieses Unrecht wehren, verlieren wir alles.» Oder: «Steht auf und macht eure Restaurants auf. Jetzt sind wir, das Volk, an der Reihe. Eidgenossen, wo seid ihr?» Scrollt man durch die Chatverläufe, fühlt man sich, als wäre man in einer Gruppe Widerstandskämpfer gelandet, kurz vor einer feindlichen Invasion.

Die Anhänger dieser Bewegung planen demnach, ihre Betriebe, die aufgrund der Coronakrise geschlossen sind, nächsten Montag zu öffnen. Vertreten sind die verschiedensten Branchen, von Restaurants, über Fitnesscenter bis hin zu Läden. Die Corona-Massnahmen würden in keinem Verhältnis zum Virus und dessen tatsächlicher Gefährlichkeit stehen, heisst es auf der Website der Bewegung. Und in fetter, roter Schrift: «Wir machen nicht mehr mit». Dabei nehmen die Betreiber der Website verschwörungstheoretische Ansätze auf. Sie bezweifeln etwa die Überlastung der Spitäler.

Nach Angaben von «wirmachenauf» hätten bereits über 1300 Menschen schweizweit angekündigt, nächsten Montag zu öffnen. Einige davon angeblich auch im Aargau, etwa in Aarau, Lenzburg oder Wettingen.

Zudem kam es am Freitagmorgen in Hunzenschwil zu einem Polizeieinsatz. Unbekannte hatten eine Puppe an einem Kran erhängt. Diese soll offenbar stellvertretend für die Gastro-Branche stehen, die unter den Corona-Massnahmen leidet. Die Polizei ermittelt wegen Hausfriedensbruch. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Aktion und der Bewegung «wirmachenauf» gibt, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Es drohen Strafen von bis zu 10'000 Franken

Wer seinen Betrieb verbotenerweise öffnet, dem droht eine Strafe von bis zu 10'000 Franken. Dagegen solle man sich unbedingt vor Gericht wehren, ist auf Telegram zu lesen. Argumentiert wird mit verschiedensten Bestimmungen: Mal mit der Europäischen Menschenrechtskonvention, mal mit der Schweizerischen Bundesverfassung, mal ist es schlicht «das gottgegebene Recht».

Weiter steht auf Telegram, wie man sich verhalten solle, wenn die Polizei vorbeikomme. Man solle die Beamten nur mit einem Durchsuchungsbefehl hinein lassen und sonst abweisen. Wer das tut, macht sich allerdings strafbar. Gemäss Covid-Verordnung muss den Kontrollorganen Zutritt zu den Räumlichkeiten gewährt werden. Wer das nicht tut, kann angezeigt werden.

Die Kantonspolizei ist informiert

Peter Buri, Sprecher der Aargauer Regierung, schreibt auf Anfrage: «Die kantonalen Schutzmassnahmen bleiben bis zum Inkrafttreten eines neuen Regierungsentscheides in Kraft und werden dementsprechend kontrolliert und durchgesetzt werden.»

Die Kantonspolizei Aargau hat Kenntnis von den geplanten Aktionen, wie Mediensprecherin Corina Winkler auf Anfrage sagt. Aktuell sei aber nicht geplant, deswegen die Kontrolltätigkeiten nächste Woche zu verstärken. Man werde die Situation beobachten und die Kontrollen je nachdem anpassen.

Trifft eine Patrouille der Polizei ein offenes Restaurant an, werde man mit Augenmass vorgehen, sagt Winkler. Man wisse um die schwierige Situation der Bevölkerung, insbesondere der Gewerbetreibenden. Winkler betont aber: «Wir werden gesetzlich vorgeschriebene Schliessungen durchsetzen.» Und wer gegen die Vorschriften verstösst, wird angezeigt. Wichtig sei, so Winkler, dass alle Gewerbetreibenden gleich behandelt werden. «Klare Verstösse gegen die COVID-Vorschriften dürfen sich nicht lohnen und werden geahndet.»

Gastro-Präsident findet das Vorgehen nicht zielführend

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau.

Bruno Lustenberger, Präsident von Gastro Aargau.

Michael Würtenberg

«Tut das nicht.» Die Aufforderung von Gastro-Aargau Präsident Bruno Lustenberger an die Wirte im Kanton ist knapp und klar. Jetzt die Restaurants zu öffnen, sei nicht nur illegal, sondern auch nicht zielführend. «Das könnte genau das Gegenteil bewirken. Nämlich, dass die Regierungen sagen: Jetzt verlängern wir die Schliessungen erst recht. Und am Ende sind die Wirte die Buhmänner der Nation.»

Lösungen brauche es andere, so Lustenberger. «Die Coronazahlen müssen runter, daran gibt es nichts zu rütteln. Erst dann können wir wieder normal arbeiten.» Bis es soweit sei, brauche die Gastrobranche finanzielle Unterstützung. Da sei man, wenn auch nicht schweizweit, so zumindest im Aargau, auf einem guten Weg. Der Aargauer Grosse Rat hat diesen Dienstag beschlossen, den Zugang zu den Hilfsgeldern zu vereinfachen.