Armut im Aargau
14'000 Aargauer leben von Sozialhilfe – aber viel mehr sind von Armut betroffen

Im Aargau leben mittlerweile 14'000 Menschen von der Sozialhilfe. Doch von Armut betroffen sind weit mehr Menschen. Was unternehmen eigentlich Hilfswerke für einheimische Bedürftige?

Peter Brühwiler
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Caritas-Solidaritätsaktion: Wie jedes Jahr in der Adventszeit werden morgen Samstag landesweit auf öffentlichen Plätzen Kerzen angezündet. 10 000 werden im Aargau erwartet.

Caritas-Solidaritätsaktion: Wie jedes Jahr in der Adventszeit werden morgen Samstag landesweit auf öffentlichen Plätzen Kerzen angezündet. 10 000 werden im Aargau erwartet.

KEYSTONE

Arm zu sein ist in der Schweiz ein relativer Zustand. Armut bedeute nicht, unter der Brücke schlafen zu müssen, erklärte Xaver Wittmer von Pro Senectute Aargau jüngst in einem az-Interview – dafür sei das Netz an Versicherungen und Zuständigkeiten zu eng. Die Leute würden jedoch darunter leiden, nicht an der Gesellschaft teilhaben zu können. «Das ist Armut in der Schweiz.»

Auch auf die Schlafsituation kann sich der Kontostand hierzulande allerdings auswirken: Über 1000 Betten hat die Winterhilfe in diesem Jahr verteilt, 21 davon im Aargau, wie Marcel Muther von der Winterhilfe Aargau auf Anfrage sagt. Natürlich gebe es auf dieser Welt Schlimmeres, «aber trotzdem sollte bei uns niemand auf dem Boden schlafen müssen».

10 000 Kerzen für Solidarität

Armut ist, wie dieses Beispiel zeigt, bei uns häufig unsichtbar. Die Caritas-Solidaritätskampagne «Eine Million Sterne» will dies ändern. Wie jedes Jahr in der Adventszeit werden morgen Samstag landesweit auf öffentlichen Plätzen Kerzen angezündet, gemäss dem Hilfswerk «als Zeichen für eine solidarische Schweiz, deren Stärke sich am Wohl der Schwachen misst». Über den Aargau verteilt werden an 21 Orten 10 000 bis 15 000 Lichter leuchten, schätzt Kurt Brand von Caritas Aargau. Der Erfolg der Aktion, deren Erlös an Caritas-Hilfsprojekte für betroffene Familien geht, zeige, «dass die Leute durchaus sensibilisiert sind für das Thema Armut in der Schweiz».

Wie viele Personen im Aargau in relativer Armut leben, lässt sich nur schätzen. Hinweise gibt die am Mittwoch vom Kanton präsentierte Sozialhilfestatistik: Über 14 000 Aargauerinnen und Aargauer bezogen letztes Jahr Sozialhilfe – 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Auffällig ist vor allem die Zunahme bei den über 46-Jährigen. Die Veröffentlichung des ersten und bisher einzigen kantonalen Sozialberichts liegt derweil schon über vier Jahre zurück. Im Anschluss an die drei Jahre später erschienene Sozialplanung war dann eigentlich angedacht, ein sozialpolitisches Monitoring zu erstellen. Gerade für die langfristige Planung wäre ein solches hilfreich, sagt Daniela Diener vom Departement Gesundheit und Soziales. Andere Projekte hätten bisher aber eine höhere Priorität genossen.

2,2 Prozent der Aargauer Bevölkerung bezieht Sozialhilfe. Der Anteil der Leute, die wenig zum Leben haben, ist aber weit grösser. Laut Sozialbericht aus dem Jahr 2012 müssen rund acht Prozent der Aargauer Haushalte mit sehr knappen finanziellen Mitteln auskommen. Die definierte Grenze dafür liegt im Aargau bei 2131 Franken pro Monat und Einzelhaushalt.

Schwerpunkt bei der Beratung

Neben den Sozialdiensten unterstützen und beraten private Organisationen und die Landeskirchen Menschen in sozialen Notlagen. Der Schwerpunkt der privaten und kirchlichen Hilfe liegt dabei in der Beratung und Begleitung. Die individuelle finanzielle Unterstützung spiele eine geringere Rolle, heisst es im Sozialbericht. «Es wird geschätzt, dass sie ungefähr ein bis drei Prozent der öffentlichen Sozialhilfe ausmacht.»

Die Winterhilfe Aargau ist damit eine eher untypische Hilfsorganisation. Neben den bereits erwähnten Betten spendete sie 2016 etwa Einkaufsgutscheine oder übernahm Heiz- und Wohnkosten. Seit einigen Jahren gewährt sie auch Beiträge für Aus- und Weiterbildungen. «Wenn jemand in einer Gemeinde wohnt, die lieber Sozialhilfe bezahlt statt den Leuten mit Weiterbildungen wie etwa einem Rotkreuz-Pflegekurs den Weg in die Selbstständigkeit zu ermöglichen, dann springen wir gerne ein», sagt Marcel Muther. 20 von insgesamt 185 Winterhilfe-Aargau-Fällen betrafen dieses Jahr Aus- und Weiterbildungen – Tendenz steigend.

Caritas-Läden unter Druck

Auch die Caritas Aargau gewährt in Einzelfällen Überbrückungshilfen in Notsituationen, den Schwerpunkt legt sie jedoch auf die Sozialberatung. Diese wird zum einen über Spenden finanziert – von denen übrigens ein Viertel im «Spendenmonat» Dezember fliessen. Aber auch der Gewinn aus den beiden Secondhand-Läden in Aarau und Wohlen wird für die Beratung eingesetzt. Weniger gut als die Secondhand-Läden lief der Caritas Markt in Baden, in dem mit einem Ausweis verbilligte Lebensmittel bezogen werden konnten.

Im vergangenen Juni wurde er geschlossen. «Die Kosten waren so hoch, dass wir den Betrieb nicht mehr für verantwortbar hielten», sagt Kurt Brand. Ein möglicher Grund für die geringe Nachfrage: Waldshut (Deutschland) mit seinen billigen Einkaufsmöglichkeiten liegt nicht allzu weit entfernt. Und dort – Armut ist eben ein relativer Begriff – ist ein armer Aargauer zumindest ein klein wenig reicher.