Frick
«Wir sind die Laien, die Fachkompetenz kommt von der Verwaltung»

Am Gemeindeseminar waren die Zusammenarbeit im Gemeinderat und mit der Verwaltung ein Thema.

Nadine Böni/Marc Fischer
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Daniel Suter (Gemeindeammann Frick), Hans-Ruedi Hottiger (Stadtammann Zofingen) und Werner Müller (Gemeindeammann Wittnau)

Daniel Suter (Gemeindeammann Frick), Hans-Ruedi Hottiger (Stadtammann Zofingen) und Werner Müller (Gemeindeammann Wittnau)

Aargauer Zeitung

«Die Gefahr ist gross, dass ein Teilamt zu einem schlecht bezahlten Vollamt wird.» Mit diesem Satz beendete der Fricker Gemeindeammann Daniel Suter sein Referat am Gemeindeseminar. Thema am ersten Tag der dreitägigen Veranstaltung war das Milizsystem im Aargau. Suter sprach über die Zusammenarbeit im Gemeinderat und mit der Verwaltung. Und die nickenden Gesichter im Rampart in Frick schienen zu sagen: Dieses Gefühl kennen wir auch.

Eine Einheit nach aussen

Umso wichtiger sei es, dass die Zusammenarbeit im Gremium klar geregelt sei «und sich alle an diese Regeln halten», sagte Hans-Ruedi Hottiger, Grossrat und Stadtammann von Zofingen. Das fange schon bei der Sitzordnung bei Besprechungen im Gremium an. Sitzt der Gemeindeschreiber direkt neben dem Ammann? Fühlt sich ein Mitglied als fünftes Rad am Wagen? Gibt es Grüppchen-Bildungen?

«Das alleine schon kann in einem Gremium zu Spannungen führen», sagte Hottiger. «Dabei ist es das Wichtigste überhaupt, dass der Gemeinderat unter sich zwar hart über Geschäfte diskutieren kann – aber diese dann als Einheit gegen aussen vertritt.» Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang sei die Ressortverteilung.

Hottiger mahnte die anwesenden Behördenmitglieder, sich in allererster Linie um das eigene Ressort zu kümmern und sich nicht in die Angelegenheiten anderer Ressorts einzumischen.

Ebenso wichtig sei es, gut vorbereitet an Sitzungen und Besprechungen mit der Verwaltung und den Abteilungsleitern zu erscheinen. «Wir sind die Laien, die ‹Milizler›, aber wir müssen den Fachpersonen trotzdem auf Augenhöhe begegnen», so Hottiger.

Hohe Anforderungen

Das bestätigte Daniel Suter, nach eigener Aussage ein «grosser Verfechter des Milizsystems, weil dieses ein Garant für volksnahe Politik» sei. «Die Verwaltung ist darauf angewiesen, dass der Gemeinderat für Rücksprachen erreichbar ist.»

Ein Punkt, den auch sein Amtskollege aus Wittnau, Werner Müller, betonte. «Gerade in einer kleinen Gemeinde ist die Selbstständigkeit der Verwaltung gross», so Müller. Entsprechend müssten die Kompetenzen ganz klar geregelt, die Gemeinderäte bei Bedarf aber auch erreichbar sein.

Und: «Es muss ein Vertrauensverhältnis zu den Verwaltungsangestellten geben.» Das wiederum stelle hohe Anforderungen bei der Rekrutierung neuer Angestellter. «Angesichts der Anforderungen an den Gemeinderat, aber auch an die Verwaltung müssen wir über grössere Einheiten nachdenken», sagte Müller.

So wird das Milizsystem gestärkt

Wie können wieder mehr Menschen für Milizämter begeistert werden? Dieser Frage widmeten sich Referenten am Gemeindeseminar.

Rund die Hälfte der Gemeinden in der Schweiz hat Probleme, ihre Milizämter zu besetzen. Dies geht aus einer Umfrage des Schweizerischen Instituts für öffentliches Management in Bern hervor. Und dies, obwohl die Zahl der Ämter tendenziell sinkt und die Mehrzahl der Gemeinden ihre Aufgaben gut erfüllen können und die Finanzen im Griff haben, wie der Geschäftsführer des Instituts Reto Steiner am Gemeindeseminar in Frick ausführte.

Verändertes Lebensumfeld

Steiner präsentierte in seinem Referat daraufhin Gründe für die Probleme im Milizsystem: «Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft», so Steiner. Dies zeige sich schon daran, dass über 40 Prozent der Gemeindepolitiker parteilos sind.

Zudem steige die hauptberufliche Belastung und mit der Digitalisierung würden von Milizpolitikern einerseits eine permanente Erreichbarkeit und rasche Antworten auf Mail-Anfragen erwartet, und andererseits steigen auch die Anfeindungen in den sozialen Medien. Die Aufgaben für die Milizpolitiker würden zudem stets komplexer, so Steiner weiter.

Und: Unternehmen wissen gemäss Steiner zwar um die Wichtigkeit der Miliztätigkeit für die Gesellschaft und sehen darin auch Vorteile für das Unternehmen wie etwa Führungserfahrung oder Networking. Gleichzeitig bemängeln die Unternehmen aber auch die Abwesenheiten der Milizpolitiker. Um den Herausforderungen bei der Besetzung der Milizämter zu begegnen, präsentierte Steiner unter anderem folgende Ansätze.

- Fixe Stellenprozente für die Gemeinderatsmitglieder mit entsprechender Entlöhnung könnten gemäss Steiner die Attraktivität steigern und gleichzeitig ermöglichen, dass die Gemeinderäte beim Haupterwerb das Pensum reduzieren. Eine Verkleinerung der Gemeinderäte oder die Aufweichung der Wohnsitzpflicht führte er weiter an.

- Mit neuen Führungsmodellen in der Verwaltung könnte die Attraktivität des Gemeinderatsamts gesteigert werden. Er sprach sich für eine stärkere Trennung zwischen dem strategischen und dem operativen Bereich aus.

- Mit neuen Führungsmodellen werde ein Gemeinderat oder -ammann zu einem «Moderator und Problemlöser». «Dies ist ein attraktives Profil», so Steiner, «und sollte Basis für die Rekrutierung neuer Behördenmitglieder sein». Überreden sei nicht nachhaltig, betonte Martin Hitz, Geschäftsleiter der Gemeindeammännervereinigung (GAV) des Kantons Aargau. Wo Ortsparteien, die die Rekrutierung an die Hand nehmen könnten, fehlen, sei eine neutrale Findungskommission ideal. «Es braucht aber oft einen Anschub durch den Gemeinderat», so Hitz.

- Für eine höhere Wertschätzung – gerade auch in der Wirtschaft – präsentierte Jürg Eggenberger, Geschäftsleiter der Schweizer Kader-Organisation (SKO) die neue Möglichkeit der Zertifizierung. Gemeinsam mit der GAV bietet die SKO Exekutivmitgliedern die Möglichkeit, ihre Führungskompetenzen zertifizieren zu lassen. «Das Zertifikat führt zu einer besseren Anerkennung der Führungskompetenzen», ist Eggenberger überzeugt.

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