Dem Kanton steht, bildungspolitisch, ein heisser Frühling bevor. In wenigen Wochen wird die Regierung ihre Reformvorlage zur Berufsschullandschaft präsentieren, und bereits jetzt bringen sich die Regionen in (Abwehr-)Position. So auch das Fricktal.

Im November hat Christoph Riner (SVP), mit Support der Fricktaler Grossräte sowie weiterer Parlamentarier, ein Postulat im Grossen Rat eingereicht. Darin begrüsst er zwar die Schaffung von Kompetenzzentren, fordert aber gleichzeitig, die Regionen angemessen zu berücksichtigen. Dass Riner dabei vor allem an das eigene Berufsbildungszentrum, jenes in Rheinfelden, denkt, versteht sich von selbst.

Der Aktivismus ist nachvollziehbar. Denn in Gefahr sind nicht jene Berufsschulen, die an der Achse Aarau–Baden liegen, sondern jene in den Randregionen – also die Schulen in Zofingen, Wohlen und eben Rheinfelden.

Die Frage ist also, wie stark das Berufsbildungszentrum Fricktal (BZF) gefährdet ist. Die AZ hat 5 der 17 Grossräte nach ihrer Einschätzung gefragt. Ihr Tenor: Eine Gefahr besteht; allerdings lässt sie sich derzeit erst schwer einordnen. «Bei einer Reform muss man immer mit einschneidenden Veränderungen rechnen», sagt Riner. Roland Agustoni (GLP) hat zwar derzeit nicht Angst um das BZF, traut dem Frieden aber nicht.

«Wir müssen schon ran», sagt Elisabeth Burgener (SP), und Franco Mazzi (FDP), der gleichzeitig den Schulvorstand des BZF präsidiert und Stadtammann der BZF-Standortgemeinde ist, sagt: «Aufgrund der Signale aus der Kantonsverwaltung scheint der Berufsschulstandort Fricktal gefährdet.» Die vom Kanton zugewiesenen kleinen Berufsbilder führten oft zu kleinen Klassen. «Grössere Berufsbilder wecken Gelüste in den grösseren Berufsschulen mit zurzeit freien Raumkapazitäten.»

Kleinere Standorte schliessen, um grössere auszulasten – genau das will Riner verhindern. «Wenn es jemanden trifft, dann die Randregionen.» Deshalb müsse man rechtzeitig Gegensteuer geben. «Warten und hoffen ist definitiv der falsche Weg.» Auch Burgener mahnt: «Es wird nochmals eine rechte Veränderung in der Berufsschullandschaft geben.» Dies erwartet auch Daniel Suter (FDP) – gerade auch «angesichts der nach wie vor angespannten Finanzlage des Kantons».

Droht Gefahr durch Mittelschule?

Für zusätzliches Stirnrunzeln sorgt aber auch noch ein zweites, eigentlich positives Faktum: Der Kanton bekommt voraussichtlich zwei neue Mittelschulen – eine davon, das ist bereits klar, im Fricktal. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und argwöhnt, dass die Regierung die Mittelschule quasi mit der Berufsschule gegenrechnet.

«Die Gefahr besteht zumindest, dass die beiden Schulen gegeneinander ausgespielt werden», sagt Agustoni und setzt zu einem Gedankenspiel an. «Gegen den Willen der Regierung kann eine Berufsschule nur gerettet werden, wenn die Grossräte solidarisch zusammenstehen.» Solidarität bringe man dann hin, wenn mehrere Regionen leiden. «Sind wir aber die einzige Region, die ihre Schule hergeben muss, und bekommen gleichzeitig eine Mittelschule, droht die Allianz auseinanderzufallen», befürchtet Agustoni.

Auch Burgener schliesst nicht aus, dass die Mittelschule ein Ablenkungsmanöver sein könnte. Für sie – wie alle Befragten – kommt aber ein Gegenrechnen nicht infrage. «Ich bin nicht gegen eine Mittelschule im Fricktal. Diese darf aber nicht auf Kosten der Berufsschule kommen, denn wir sind in der Region auf eine gute Berufsbildung angewiesen.» Auch für Riner kommt ein Gegengeschäft «unter keinen Umständen» infrage. «Gegen einen solchen Kuhhandel würde ich mich vehement wehren. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.»

Mazzi nimmt in dieser Frage auch Regierungsrat Alex Hürzeler in die Pflicht. «Der zuständige Regierungsrat hat betont, dass diese Überlegungen unabhängig von der künftigen Strategie für Berufsfachschulen zu betrachten seien.»

Einig sind sich alle Befragten, das erstaunt wenig, dass es das BZF braucht. Das Fricktal sei sowohl von der Einwohnerzahl als auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine wichtige Region, sagt Suter. «So ist das Fricktal zusammen mit den beiden Basler Halbkantonen der bedeutendste Pharma-Standort in der Schweiz.» Würde das Fricktal sein Berufsbildungszentrum verlieren, so würden sich die Schulwege für etliche Berufsschüler aus unserer Region stark verlängern, sagt Suter. Die langen Wege wären besonders Lernenden, die rund um Rheinfelden wohnen und eine Schule in der Nähe – im Baselbiet – haben, nur schwer zu erklären.

Eine eigene Berufsschule sei auch für die in der Region ansässigen Firmen und das Gewerbe wichtig, sagt Mazzi. «Es dient der Attraktivität der Ausbildungsplätze.» Riner wirft noch einen regionspolitischen Aspekt in die Schale. Es werde immer betont, dass der Aargau der Kanton der Regionen sei und dass das Fricktal ein wichtiger Teil dieses Kantons sei. «Soll das nicht ein Lippenbekenntnis sein, muss man dem Fricktal auch die Möglichkeit geben, gerne beim Aargau zu sein.» Ein solches Zeichen könne der Erhalt des BZF sein.

Hartes Ringen erwartet

Es wird ein Ringen um die Berufsfachschulen geben, das erwarten auch die befragten Grossräte. «Alle müssen sich einsetzen und Überzeugungsarbeit leisten», fordert Burgener und mahnt: «Wir werden mehr gefordert sein als bei der letzten Vorlage.» Gegen diese Vorlage liefen die Regionen, auch das Fricktal, Sturm und der Grosse Rat versenkte sie schliesslich 2016 sang- und klanglos.

Letztlich entscheidet auch diesmal der Grosse Rat über die Zukunft der Berufsfachschulen. «Dabei ist es wichtig, dass die Fricktaler Vertreter mit einer Stimme und guten Argumenten auftreten», sagt Suter. So habe man das Plenum auch schon von anderen Vorlagen, die für das Fricktal wichtig waren, überzeugen können – etwa vom Verbleib im Tarifverbund Nordwestschweiz.

Politik ist immer auch Taktik, und so stellt sich die Frage, wann denn der richtige Zeitpunkt ist, um aus der Deckung zu kommen und sich für das BZF öffentlich starkzumachen. Im Moment sei es noch zu früh, ist Agustoni überzeugt. «Denn wenn man zu früh ist, scheucht man nur unnötig auf und verschiesst sein Pulver.» Es gelte, die regierungsrätliche Vorlage abzuwarten – und dann zeitnah und koordiniert zu reagieren. Aber aufgepasst: Auch ein zu spätes oder ein zu zögerliches Reagieren kann fatale Folgen haben. Oder, wie man landläufig sagt: Den Letzten beissen die Hunde. Und gebissen werden will niemand – schon recht kein Fricktaler.