Familiendrama Gipf-Oberfrick

Unzählige Kerzen im kalten Wind: Gemeinde trauert um ermordete Mutter

Etwa 100 Menschen nahmen am Freitag bei der Mehrzweckhalle in Gipf-Oberfrick Abschied von der Afghanin, die Anfang November mutmasslich von ihrem Mann erstochen wurde.

Unzählige Kerzenflammen lodern im kalten Wind vor dem Foto, das auf dem Schulhausplatz steht. Es zeigt die 30-jährige Afghanin, die am 4. November in Gipf-Oberfrick ermordet wurde und drei Kinder zwischen 7 und 13 Jahren hinterlässt. An die 100 Menschen – Schulkinder, Lehrer und Eltern – reichen sich vor der Mehrzweckhalle im Halbkreis die Hände, um innezuhalten, zu trauern und im Gedanken bei der getöteten Mutter und ihren Kindern zu sein.

Raum für gemeinsames Trauern

Aus manchen Kinderaugen perlen im Moment der Andacht Tränen. In dieser bewegenden und bedrückenden Atmosphäre ergreift der katholische Gemeindeleiter, Martin Linzmeier, das Wort: «Es ist schwer, alleine zu trauern. Darum hilft es, wenn wir zusammenstehen. Wenn wir einen Raum schaffen, in dem wir unserer Trauer und Ohnmacht gemeinsamen Ausdruck verleihen können.»

Trauerfeier für die ermordete Mutter

Bewegende Trauerfeier für die ermordete Mutter

Für die drei Kinder der ums Leben gekommenen Afghanin, die derzeit in einem Kinderheim untergebracht sind, hielt er die Trauernden um geistigen Beistand an: «Lasst uns für sie beten und sie im Gedanken begleiten, so dass sie bald wieder Vertrauen, Hoffnung und Freude in ihrem Leben finden mögen.»

«Gastfreundschaft wurde in ihrem Haus grossgeschrieben. Immer wenn ich zu Besuch war, bot sie mir Kaffee an.»
Regine Leutwyler, Gemeindeammann

Der reformierte Pfarrer Johannes Siebenmann warf in der Trauerfeier die nicht zu beantworteten Fragen nach dem Warum auf: «Warum musste die junge Mutter sterben? Warum müssen drei Kinder ohne ihre Mutter aufwachsen? Warum musste die Familie vor Gewalt und Elend aus ihrer Heimat fliehen?» Abermals reichten sich die Betroffenen die Hände, um gemeinschaftlich Bob Dylans «The Answer is Blowin’ in the Wind» – die Antwort weiss ganz allein der Wind – anzustimmen.

Was war das eigentlich für eine Person? Welche Erinnerungen habe ich an diesen Menschen? – das sind Fragen, die nach dem Tod eines Menschen oftmals aufgeworfen werden. Hierzu ergriff Gemeindeammann Regine Leutwyler das Wort, um aus dem Leben der Verstorbenen zu erzählen: «Die Familie kam vor fünf Jahren aus Afghanistan in die Schweiz. Die junge Mutter hat im letzen Jahr tolle Fortschritte gemacht.» So habe sie seit geraumer Zeit Integrationskurse in Aarau besucht und hätte sich mittlerweile in der deutschen Sprache mit den Einheimischen unterhalten können.

Auch sei sie in den letzen Monaten offener geworden und habe sich modischer gekleidet. «Sie hat ihr Herz geöffnet», ergänzt Leutwyler. Zur Gastfreundschaft der Afghanin erzählt sie eine Anekdote: «Gastfreundschaft wurde in ihrem Haus grossgeschrieben. Immer wenn ich zu Besuch war, bot sie mir Kaffee an. Ich habe jedoch jedes Mal abgelehnt, was zur Folge hatte, dass sie immer pikiert war. Als ihr Sohn dann erzählte, dass ich überhaupt keinen Kaffee trinke, hat sie mir fortan Saft angeboten.»

Familiendrama in Gipf-Oberfrick: Ein afghanischer Asylbewerber ersticht seine Ehefrau. (Tele M1, 4.11.2015)

Familiendrama in Gipf-Oberfrick: Ein afghanischer Asylbewerber ersticht seine Ehefrau. (Tele M1, 4.11.2015)

Linzmeier beschreibt die Afghanin als «liebenswürdige» und «handwerklich geschickte» Frau, die für ihre Kinder Hörspielkassetten reparierte, afghanischen Spinat in Garten anpflanzte und ihre Kinder über alles geliebt hat.
Pfarrer Linzmeier spendete nach der Trauerfeier noch persönlich Trost, bis die letzte Kerzenflamme im Wind erlosch.

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