Kolumne
Über schmerzende Stiche und Sticheleien

Annemarie Pieper
Annemarie Pieper
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Wer in See sticht, wird nicht gestochen. (Archivbild)

Wer in See sticht, wird nicht gestochen. (Archivbild)

KEYSTONE/AP/FELIPE DANA

Niemand wird gern gestochen. Ausser vielleicht ein Fakir, der allerdings die Nägel seines Bretts wohl kaum als Schmerz, sondern eher als einen genüsslichen Kitzel empfindet. Als Normalmensch geht man jedoch spitzen Objekten aus dem Weg.

Im Aargau, besonders im Fricktal, haben sich in diesem Jahr ungewöhnlich viele Zecken auf Tier und Mensch gestürzt und nicht nur deren Blut gesaugt, sondern auch manche gefährlichen Krankheitserreger übertragen. Doch selbst Mücken- und Wespenstiche gehen mit unangenehmen Begleiterscheinungen einher, die sich in Juck- und Kratzanfällen äussern. Ganz zu schweigen von den lebensbedrohlichen Folgen eines Bienenstichs für Allergiker.

Man kann sich den Attacken blutsaugender Plagegeister äusserst schwer entziehen. Am wirkungsvollsten hat sich die Flucht aufs Meer erwiesen. Wer in See sticht, bleibt verschont, denn die Ozeane sind insektenfrei. Während wir tierische Stiche zu vermeiden suchen, lassen wir uns gelegentlich freiwillig von Menschen stechen, sei es aus ästhetischen oder medizinischen Gründen. Zwar ist die Durchbohrung der Ohrläppchen ebenso schmerzhaft wie die Tätowierung von Hautarealen oder eine Spritze ins Gesäss. Aber in solchen Fällen tröstet die ersehnte Verschönerung oder Gesundung über die Verletzung durch die Nadelstiche hinweg.

Am meisten weh tun Sticheleien der Mitmenschen, die das seelische Befinden erheblich beeinträchtigen und dauerhaft schädigen können. Sie sind gleichsam Nadelstiche ins Herz und zermürben das Selbstwertgefühl. Da hilft nur gezielte Selbstimmunisierung, an deren Schutzschicht Gehässigkeit und Bösartigkeit abprallen. Ist der Zugang zur Quelle des Blutes gesperrt, trocknen die Blutsauger aus.

Annemarie Pieper war von 1981 bis 2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie lebt seit 1988 in Rheinfelden. Letztes Buch «Einführung in die Ethik», 7. Auflage, Tübingen 2017.

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