Fricktal

TNW-Petition: Er ist der Vorkämpfer gegen das öV-Sparen

Am Ziel: Herbert Lützelschwab sammelte fast im Alleingang 6546 Unterschriften für den Erhalt des TNW-Beitrags. Der Grosse Rat stimmte gestern zu. Archiv/twe

Am Ziel: Herbert Lützelschwab sammelte fast im Alleingang 6546 Unterschriften für den Erhalt des TNW-Beitrags. Der Grosse Rat stimmte gestern zu. Archiv/twe

Herbert Lützelschwab, der Vorkämpfer: Mit der TNW-Petition hat er die Fricktaler mobilisiert, gegen das Sparen des Tarifverbundes Nordwestschweiz zu kämpfen. Ein Augenschein in der Kommandozentrale.

Wieder sind es über ein Dutzend Briefe, die Herbert Lützelschwab an diesem Morgen aus dem Briefkasten fischt. Alles Unterschriften für seine TNW-Petition.

Er begutachtet die Couverts, tastet sie prüfend ab, lächelt. «Gut 100 Unterschriften sind es heute», meint er dann. Tags zuvor waren es gegen 200.

«Einfach gewaltig», sagt der Zeininger, geht zügigen Schrittes in seine Kommandozentrale, ein kleines – nein, ein winziges Büro im Erdgeschoss seines kubusartigen Einfamilienhauses.

Er legt die Couverts auf das Pult, zeigt auf eine der vielen Aktenablagen. Da liegt sie, die gesammelte Wut der Fricktaler. Fein säuberlich sortiert und nummeriert. «427» hat der 70-Jährige auf das oberste Blatt gekritzelt.

Mit der neuen Post werden es an die 450 Unterschriftenbögen sein, auf denen weit über 4000 Fricktaler den Regierungsrat auffordern, den jährlichen Kantonsbeitrag an den Tarifverbund Nordwestschweiz (TNW) nicht wie vorgesehen zu streichen.

Ein grosser Erfolg. Nicht sein Erfolg, betont er, denn er habe ja nur den Anstoss gegeben, den Ball ins Rollen gebracht. Die eigentliche Leistung hätten all jene erbracht, die in den letzten Tagen und Wochen Unterschriften gesammelt haben.

4000 Unterschriften bei gerade einmal gut 76 000 Einwohnern, die im Fricktal leben: Es ist ein starkes Zeichen. Ein deutliches Signal auch an die beiden Fricktaler Regierungsräte Roland Brogli – ebenfalls ein Zeininger – und Alex Hürzeler, von denen Lützelschwab «schon etwas enttäuscht» ist, dass sie mitsparen wollen, dass sie nicht die Sensibilität haben: Da ist etwas, der TNW, der für die Region wichtig ist und den darf man den Fricktalern nicht wegnehmen.

Appell an die Solidarität

Das Argument der Regierung, «nur» ein ungerechtes Privileg der Fricktaler zu beseitigen, wischt Lützelschwab mit einer energischen Handbewegung zur Seite. «Der Aargau ist der Kanton der Regionen. Man kann doch nicht einfach alle Regionen über einen Leist schlagen», redet sich der gelernte Maschinenmechaniker in Fahrt. «Die Solidarität unter den Regionen ist entscheidend. Wer an ihr rüttelt, lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.»

Seine Augen funkeln. Zeigen Kampfgeist. Verraten Hartnäckigkeit. «Wenn ich von etwas überzeugt bin, lasse ich nicht so schnell los», meint er, der durch und durch politische Mensch, der in den 1980er-Jahren die FDP in Zeiningen mit aufgebaut hat, um die CVP-Dorfmacht aufzubrechen; sagt er, der quirlige Schnelldenker, der sich 1990 als Gemeinderat aufstellen liess. Weil alle sagten: Der Herbert muss ran. Der richtet das.

Er richtete es. Mit einem tollen Resultat. Zehn Jahre lang wirkte er im Gremium mit, chrampfte, bis er aus beruflichen Gründen demissionieren musste. Eine gute Zeit, blickt er zurück, eine Zeit auch, in der er zweierlei lernte: Wenn man sich engagiert, kann man auch etwas bewegen. Und: Nur wer sich wehrt, kommt weiter.

Beides ist ihm bis heute geblieben: das Engagiert-Sein zum einen, dieser innere Drang, sich einzumischen, diese stete Unruhe, die ihn täglich an- und umtreibt. Zum anderen die Hartnäckigkeit, die Ausdauer, die er auch auf dem Rennvelo an den Tag legt. Hier kann er auftanken, den Kopf durchlüften. An die 6000 Kilometer spult er pro Jahr ab, 50 bis 60 Kilometer pro Fahrt, am liebsten gemeinsam mit einigen Kollegen aus dem Veloclub Zeiningen.

Immer in Fahrt, stets in Bewegung, das gehört zu Lützelschwab, nein, das ist Lützelschwab. «Bei mir geht immer etwas», meint er, blickt ein erstes Mal auf die Uhr, denn heute ist Grosselterntag. Und der ist heilig. Zusammen mit Enkel Benjamin und Frau Heidy geht es am Nachmittag auf die Wasserfallen im Baselbiet.

Die Familie ist für den Urzeininger, der als junger Mann berufshalber nach Zürich zog, ins Exil, und der nach zehn Jahren, 1975 war es, noch so gerne in sein Dorf zurückkam, zentral. «Das Familienleben ist wie eine Oase», meint er. Ein Rückzugsort, ein Ort, der Kraft gibt, Halt auch, ein Ort der Ruhe.

Letzteres zumindest theoretisch, denn derzeit treibt Lützelschwab der TNW um. Zwei bis drei Stunden investiert er täglich in die Petition. Zeit, die er gerne aufbringt. Weil ihm, dem gelegentlichen öV-Nutzer, ein gutes öffentliches Verkehrsangebot «am Herzen liegt»; weil er «gerne hier zu Hause ist»; weil er das öV-Angebot, das «alle happy macht», um keinen Preis hergeben will; weil er keine Angst, keine Beisshemmungen vor denen in Aarau hat, den Politikern, die «ohne Druck der Bevölkerung machen, was sie wollen».

David gegen Goliath

Der Mut, ungemütlich zu sein, ist für Lützelschwab selbstverständlich. «Mit 70 hat man auch eine gewisse Narrenfreiheit», meint er schmunzelnd.

David gegen Goliath. Ob Lützelschwab diesen Kampf gewinnen wird, ja, gewinnen kann, ist fraglich. Aber ihn nicht gekämpft zu haben, wäre für Lützelschwab ein Versäumnis, das er sich nur schwer verzeihen könnte.

Die Bereitschaft, um das zu kämpfen, wovon er überzeugt ist, der Drang, sich für das zu wehren, was er für wichtig hält, hat Lützelschwab durch sein ganzes Leben begleitet. Und er ist damit stets gut gefahren. Beruflich wie privat. 46 Jahre sind er und seine Heidy verheiratet, sind zusammen durch alle Höhen und Tiefen gegangen, haben, wenn man so will, zusammen um die Liebe, dieses hohe Gut, gekämpft. Lützelschwab, der charmante Erzähler, der gewandte Konversateur, schmunzelt. «Jetzt müssen wir dann bald ein OK für unseren 50. Hochzeitstag gründen.»

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