Vergleich
Sozialhilfequote: Welche Gemeinde im Fricktal die meisten Sozialhilfebezüger hat

Weshalb ein kleines 600-Seelen-Dorf die höchste Quote im Fricktal hat und wie sich die Coronakrise auf die gesamte Situation auswirken wird. Ein Vergleich.

Thomas Wehrli
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In diesem Jahr wirkte sich die Coronakrise noch wenig auf die Sozialämter aus. Das dürfte sich im nächsten und vor allem übernächsten Jahr ändern.

In diesem Jahr wirkte sich die Coronakrise noch wenig auf die Sozialämter aus. Das dürfte sich im nächsten und vor allem übernächsten Jahr ändern.

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Die Statistik überrascht: Die höchste Sozialhilfequote im Fricktal weist das kleine Oberhof auf. In der Sozialhilfestatistik 2019, die der Kanton vor wenigen Tagen publiziert hat, kommt das 600-Seelen-Dorf auf eine Quote von 3,6 Prozent – und liegt damit zusammen mit Rheinfelden an der Spitze.

Es ist nicht das erste Mal, dass Oberhof obenaus schwingt; seit 2017 taucht die Gemeinde stets vorne in der Statistik auf (siehe Tabelle). Weshalb ist das so? «Wir haben ein Mehrfamilienhaus, in dem anerkannte Flüchtlinge untergebracht sind», erklärt Gemeindeammann Roger Fricker. Viele von ihnen beziehen Sozialhilfe. Die Kosten vergütet der Bund zwar zurück, weil sich die Flüchtlinge noch in der fünfjährigen Übergangsphase befinden. «Die Sozialhilfequote treiben sie aber nach oben», so Fricker.

Die Grenznähe zu Deutschland sorgt für die hohe Quote

Hinter Oberhof und Rheinfelden rangieren mit Frick, Laufenburg und Stein die erwarteten Kandidaten: urbane Gemeinden und mit einem breiten Angebot an günstigen Wohnräumen und einer guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Sie kommen auf eine Sozialhilfequote von 2,7 bis 3,2 Prozent und liegen damit klar über dem kantonalen Schnitt von 2,1 Prozent und auch über der Quote der beiden Fricktaler Bezirke; im unteren Fricktal liegt diese bei 2,2, im oberen bei 1,7 Prozent.

Roger Erdin, Stadtschreiber von Rheinfelden, nennt als Grund für die hohe Quote die Gemeindegrösse. Über die ganze Schweiz gesehen gelte: je grösser die Gemeinde, desto höher die Sozialhilfequote. Neben dem Wohnungsangebot und der urbanen Struktur sieht er in der Nähe zu Basel und der «gewissen Anonymität» grösserer Gemeinden weitere Ursachen.

Marco Waser, Stadtschreiber von Laufenburg, sieht als weiteren Grund für die hohe Quote in Laufenburg und Stein – Laufenburg betreut auch die Sozialfälle von Stein, Gansingen, Sisseln und Oeschgen – die Grenznähe zu Deutschland und das allgemein tiefe Preisniveau. «Da bei vielen Personen aus dem Flüchtlingsbereich der Kostenersatz des Bundes in den Jahren 2019 und 2020 endete, hat auch dies einen Einfluss auf die Fallzahlen von Laufenburg und Stein.»

Die ­Coronaauswirkungen sind in diesem Jahr noch klein

Welchen Einfluss die Coronakrise auf die Sozialhilfequote haben wird, ist derzeit schwierig abzuschätzen. Klar ist: In diesem Jahr sind die Auswirkungen noch gering. «Im Frühling wurde es im regionalen Sozialdienst überraschend ruhig», erzählt Waser. Bis in den Herbst hinein habe es nicht mehr Neuanmeldungen als üblich gegeben. «Es zeigt sich, dass die Massnahmen von Bund und Kantonen ihre Wirkung entfalten.» In den letzten Wochen habe man eine leichte Zunahme verzeichnet. «Insgesamt erwarten wir aber für das Jahr 2020 trotz Corona eine gleichbleibende oder leicht tiefere Quote als 2019.»

Ähnlich tönt es in Rheinfelden. Die Situation sei stabil, sagt Erdin. Man rechne für 2020 «mit einer leicht höheren Quote bei tieferen Kosten». Auch in Frick wirkt sich die Coronakrise noch nicht in steigenden Fallzahlen aus. «Allerdings ist bereits spürbar, dass die Vermittlung von Stellensuchenden schwieriger geworden ist», sagt der Fricker Gemeindeschreiber Michael Widmer.

In Möhlin, das für 2020 eine leicht höhere Quote erwartet, sind laut Gemeindeschreiber Marius Fricker in diesem Jahr vermehrt Beratungsanfragen an den Sozialdienst gelangt. «Da derzeit noch Kurzarbeitsentschädigungen und die Arbeitslosenkasse weitere Auswirkungen abfängt, ist der Anstieg im Moment übersichtlich.»

Die Belastungsprobe kommt zeitverzögert

Gipf-Oberfrick rechnet für dieses Jahr ebenfalls mit einer leicht höheren Quote als 2019. «Die Auswirkungen der Coronakrise werden nun in der Sozialhilfe spürbar», sagt Gemeindeschreiber Urs Treier. Dies sei insbesondere bei jenen der Fall, bei der die Arbeitslosentaggelder nicht direkt fliessen und Sozialhilfe zur Überbrückung ausbezahlt werden muss. «Es gibt effektiv einige Fälle, die direkt und unmittelbar auf die Coronakrise zurückzuführen sind.» Er mahnt: «Auch die psychischen Belastungen sind nicht zu unterschätzen, was weitere Fälle auslösen wird.»

Die Belastungsprobe für die Sozialhilfe erwarten die befragten Gemeinden zeitverzögert ab 2022/23. «Die Krise wird zu einem weiteren Stellenabbau führen», glaubt Treier. Auch Einzelfirmen, die kein finanzielles Polster haben, seien gefährdet und nach einer Geschäftsschliessung direkt auf Sozialhilfe angewiesen, weil sie kein Arbeitslosengeld beziehen könnten.

Widmer kann sich beide Szenarien vorstellen: Dass der Wirtschaftsmotor 2021 bereits wieder anspringt und Stellen geschaffen werden oder dass weitere Stellen abgebaut werden. Sollte letzteres Szenario eintreten, «so dürften verzögert ab den Jahren 2022/23 die Fallzahlen in der Sozialhilfe ansteigen». Widmer ist aber «für den Verlauf im dynamischen Fricktal vorsichtig-optimistisch».

In Rheinfelden rechnet man mit einem Anstieg der Sozialhilfekosten

Auswirkungen der Coronakrise erwartet dagegen Waser – und das schon bald. «Etwa im Februar 2021 werden diejenigen Personen von der Arbeitslosenkasse ausgesteuert, die nach dem Lehrabschluss diesen Sommer im beeinträchtigten Stellenmarkt keine Anschlusslösung gefunden haben», erklärt er. Auf den Sommer hin rechnet man in Laufenburg zudem mit weiteren Personengruppen, deren Aussteuerung dann bevorsteht, da der Anspruchsrahmen ausgeschöpft ist.

Aber auch Waser sagt: «Generell besteht aber die berechtigte Hoffnung, dass die Region weniger stark betroffen sein wird als urbanere Zentren.» So sei die Zahl der auch in normalen Zeiten prekären Arbeitsverhältnisse in der Region wesentlich tiefer. «Und diese sind der Erfahrung nach vorrangig betroffen, wenn es um Entlassungen geht.»

Noch nicht im nächsten Jahr, aber ab 2022 stellt man sich in Möhlin auf «eine deutliche Zunahme» der Sozialhilfefälle, wie Fricker sagt. Dies hänge aber von der wirtschaftlichen und arbeitsmarktlichen Lage ab. In Rheinfelden rechnet man bereits ab 2021 mit einem Anstieg der Sozialhilfekosten als Folge der Coronakrise. «Der Gemeinderat hat im Budget 2021 entsprechende Mehrkosten veranschlagt», so Erdin.

So sieht die Lage im gesamten Kanton aus: