Wahlkampf

Song, Bier und Solarkino: die originellsten Ideen der Fricktaler Nationalrats-Kandidaten

Schwierig, aus der Masse der Nationalratskandidaten auszustechen. Die Fricktaler zeigen sich da besonders kreativ.

Schwierig, aus der Masse der Nationalratskandidaten auszustechen. Die Fricktaler zeigen sich da besonders kreativ.

Fast 500 Frauen und Männer kandidieren für die 16 Aargauer Nationalratssitze – darunter gut zwei Dutzend aus dem Fricktal. Da gilt es, sich von der Masse abzuheben.

Die politische Sommerpause ist vorbei und dem Aargau steht ein heisser, vielleicht sogar stürmischer Wahlherbst bevor. Denn nicht weniger als 496 Frauen und Männer wollen auf einem der 16 Aargauer Nationalratssitze Platz nehmen – so viele wie nie zuvor (die AZ berichtete).

Auch für gut zwei Dutzend Kandidierende aus dem Fricktal gilt es am 20. Oktober, also in gut neun Wochen, ernst. Die genaue Zahl zeigt sich heute Freitag, wenn die Staatskanzlei die Namen auf sämtlichen Listen publiziert. Klar ist: Allein auf den Hauptlisten von SVP, FDP, CVP, SP, Grüne, GLP, BDP, Team 65+ und Liste Luzi Stamm stehen nicht weniger als 15 Fricktalerinnen und Fricktaler. Auch das ist rekordverdächtig.

Die besten Wahlchancen aus Fricktaler Sicht hat dabei sicher Maximilian Reimann. Der SVP-Politiker sitzt seit 1987 in Bern. Bei den Wahlen tritt er mit einer eigenen Seniorenliste an, dem Team65+.

Die AZ verfolgt den Wahlkampf der Fricktaler und berichtet in loser Form darüber. Wie gehen sie vor? Auf welche Hauptwahlkampfmittel setzen sie? Wie hoch schätzen sie ihre Chancen ein? Und: Wie originell ist ihr Wahlkampf?

Eine Durchsicht der bislang geplanten Aktionen zeigt: Etliche Kandidierende lassen sich einiges – und durchaus auch Originelles – einfallen. So setzen die beiden SP-Kandidaten Rolf Schmid und Carole Binder-Meury auf eine Solarkino-Tour. An acht Orten zeigen sie «bei Sonnenuntergang» neben einem Kurzfilm, der sie selber porträtiert, zwei «sozial- und umweltkritische, aber dennoch positive Filme», erklärt Binder und fügt an: «So wie unsere Politik.» Die ersten Vorstellungen seien erfolgreich gewesen, bilanziert Schmid. «Technik und Wetter machen mit, die Resonanz auf die beiden Filme ist sehr gut.» Ebenfalls beteiligen sich die beiden SP-Politiker an der Telefonkampagne der Kantonalpartei.

Von selbstkomponierten Songs und Bierdeckeln

Einen selbstkomponierten Kinder- respektive Popsong gibt Michael Derrer, GLP, Ende August heraus. Diesen nimmt er als Sänger zusammen mit einem Kinderchor auf. «Es ist kein Wahlkampfsong, sondern eine kleine persönliche Reflexion über das Kandidieren», erklärt er. Zudem will er seine bereits angekündigte Volksinitiative «Mehrsprachigkeit – unser Trumpf» definitiv lancieren.

Gaby Gerber, Mitglieder der Geschäftsleitung von Feldschlösschen in Rheinfelden, kandidiert im Herbst 2019 für den Nationarat (FDP).

«Die Schulung habe ich gemacht, Termine sind noch nicht fixiert.» Gaby Gerber, FDP

Gaby Gerber, Mitglieder der Geschäftsleitung von Feldschlösschen in Rheinfelden, kandidiert im Herbst 2019 für den Nationarat (FDP).

Gabriela Gerber, FDP, lädt zu einem «Bier mit Gaby». Zehn Anlässe sind insgesamt geplant. Als Flyer setzt Gerber, die beruflich die Kommunikationsabteilung bei Feldschlösschen leitet, wenig verwunderlich, auf Bierdeckel. Zudem tourt Gerber im FDP-Frauenbüssli durch den Kanton.

Die CVP-Kandidaten Alfons Kaufmann, Marion Pfister und Werner Müller sind im ganzen Kanton mit dem Risotto-Bus der Partei unterwegs; oft am Herd steht dabei Kaufmann, der Ober-Risotto-Koch der CVP.

Béa Biber, GLP, plant eine Präsenzaktion an den grösseren Bahnhöfen im Fricktal. Partei-, Präsenz- und Standaktionen haben fast alle Kandidierenden in ihrem Wahlkampf-Portfolio. Denn für alle Kandidierenden ist klar: Das Internet und die sozialen Medien sind zwar wichtig und gewinnen von Wahl zu Wahl an Bedeutung, doch den persönlichen Kontakt zum Wähler ersetzen sie nicht.

«Persönliche Gespräche mit den Menschen im Aargau auf der Strasse und an Anlässen» sieht denn auch Christoph Riner, SVP, als sein Hauptwahlkampfmittel. Parteikollegin Désirée Stutz führt als spezielle Aktion einen gemeinsamen Wahlkampf mit den SVP-Frauen «mit Aktionen in allen Bezirken» an. Zudem nimmt sie an Gewerbeausstellungen teil.

Wie sinnvoll sind Tür-zu-Tür-Aktionen?

Ganz unterschiedlich beurteilen die Kandidierenden den Sinn von Tür-zu-Tür-Aktionen, wie sie verschiedene Parteien in diesem Jahr lanciert haben. Gertrud Häseli, Grüne, etwa verzichtet darauf, denn «ich bin keine Missionarin», sagt sie. Auch ihr Parteikollege Andreas Fischer verzichtet; er plant, wie Béa Bieber, Verteilaktionen an den Bahnhöfen.

«Ich verzichte auf Tür-zu-Tür-Aktionen. Ich bin keine Missionarin.» Gertrud Häseli, Grüne

«Ich verzichte auf Tür-zu-Tür-Aktionen. Ich bin keine Missionarin.» Gertrud Häseli, Grüne

Auch Michael Derrer läuft nicht klingelnd durch die Strassen. «Das dünkt mich eher für Grossratswahlen sinnvoll, weniger für Nationalratswahlen», sagt er. Der Aargau sei dafür zu gross. Bieber stimmt zu; dies bringe aus ihrer Sicht nichts.

Werner Müller sind solche Aktionen «zu aufdringlich», Parteikollege Alfons Kaufmann beschränkt sich auf das «engere Umfeld» und Marion Pfister weiss noch nicht, ob sie mitklingelt. Zumindest vonseiten der Partei wäre vorgesorgt: «Die CVP stellt eine App zur Verfügung, um Tür-zu-Tür-Aktionen sinnvoll zu koordinieren», erklärt Pfister.

Kein Klingelkonzert veranstaltet auch Christoph Riner. «An der Türe gehe ich bei niemandem klingeln», sagt er. Man treffe Menschen auch sonst auf der Strasse und komme mit ihnen ins Gespräch. «Zurzeit nicht geplant», sagt Désirée Stutz.

Ein «wahrscheinlich» gibt es von Gaby Gerber. «Die Schulung habe ich gemacht, Termine sind aber noch nicht fixiert.» Beteiligen will sich dafür Bruno Tüscher, FDP. Er will mehrheitlich im Fricktal unterwegs sein. Sein Hauptwahlkampfmittel: «Zeit und persönliches Engagement.»

Bereits erste Erfahrungen mit Tür-zu-Tür-Aktionen gesammelt hat dagegen Carole Binder; sie hat im Juni an einer Aktion in Rheinfelden teilgenommen. Bei der SP Schweiz gab es zudem Quartierumfragen. «In Kürze folgt eine Auswertung darüber, welche Themen die Menschen am meisten bewegen und welche regionalen und kommunalen Anliegen sie zudem bei den Gesprächen an der Tür geäussert haben», sagt Schmid.

Und was plant Politurgetüm Maximilian Reimann? Aufgrund eines Auslandaufenthaltes konnte er die Fragen der AZ noch nicht beantworten. Man darf gespannt sein.

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