Wittnau
Sitzverlust wegen doppeltem Pukelsheim: «Ich fühle mich als Opfer des Systems»

Werner Müller über seine Abwahl als Grossrat, das Wahlsystem, den anhaltenden Krebsgang der CVP – und wie man weitere Verluste verhindern kann.

Thomas Wehrli
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Die SP unter Co-Präsidentin Elisabeth Burgener (links, hier beim az-Leserwandern) hat sich den Grossratssitz von CVP-Mann Werner Müller (3. v. l.) geschnappt.

Die SP unter Co-Präsidentin Elisabeth Burgener (links, hier beim az-Leserwandern) hat sich den Grossratssitz von CVP-Mann Werner Müller (3. v. l.) geschnappt.

Herr Müller, wie gross ist die Enttäuschung am Tag nach der Abwahl?

Werner Müller: Sie ist immer noch sehr gross. Ich habe schlecht geschlafen und die Abwahl beschäftigt mich stark. Geholfen haben mir die Gespräche, die ich mit verschiedenen Leuten geführt habe. Ich bekam auch viele SMS. Das hat mir gutgetan. Viele begreifen nicht, dass ich zwar das fünftbeste Ergebnis aller Kandidaten im Bezirk gemacht, den Sitz aber verloren habe.

Woran lag es? An Ihrer Politik?

Das glaube ich nicht. Die 2105 Stimmen, die ich bekam, sind ein deutliches Zeichen dafür, dass die Wähler mit meiner Arbeit zufrieden sind und hinter mir stehen.

Sie haben 467 Stimmen Rückstand auf Ihren Parteikollegen Martin Steinacher. Haben Sie zu wenig hörbar politisiert?

Martin Steinacher ist länger im Grossen Rat und regional auch bekannter. Zudem bin ich nicht der Typ, der einfach darauflos poltert. Ich schaue zuerst hin, analysiere, bilde mir meine Meinung und rede erst dann. Mag sein, dass dies mitgespielt hat. Martin Steinacher politisiert übrigens ähnlich wie ich.

War es im Nachhinein also ein Fehler, nicht so sehr auf den Putz zu hauen?

Nein, das liegt mir nicht. Ich bin so, wie ich bin. Ich kann mich nicht ändern – und will das auch nicht.

Die CVP ist im Oberen Fricktal zwar zweitstärkste Kraft geblieben, hat aber einen Sitz weniger als die Nummer 3, die SP. Ist das gerecht?

Ich finde das schon arg ungerecht und auch recht eigenwillig. Wie soll man das den Wählern erklären? Die Sitze müssten aus meiner Sicht nach der effektiven Wählerstärke verteilt werden.

Bezirk Laufenburg, Grossratswahlen: Gewählt und Abgewählt (2016) SVP: Christoph Riner, Zeihen (bisher)
8 Bilder
SVP: Tanja Suter, Gipf-Oberfrick (bisher)
FDP: Daniel Suter, Frick
SP: Elisabeth Burgener Brogli, Gipf-Oberfrick (bisher)
SP: Colette Basler, Zeihen
CVP: Martin Steinacher-Eckert, Gansingen (bisher)
Grüne: Gertrud Häseli, Wittnau
Abgewählt: CVP: Werner Müller, Wittnau

Bezirk Laufenburg, Grossratswahlen: Gewählt und Abgewählt (2016) SVP: Christoph Riner, Zeihen (bisher)

Zur Verfügung gestellt

Das werden sie ja auch – einfach über einen Umweg. Mit dem doppelten Pukelsheim werden die Sitze zuerst kantonsweit auf die Parteien und erst danach auf die Bezirke verteilt. Fühlen Sie sich als Opfer des Systems?

So fühle ich mich zumindest.

Muss man über das Wahlsystem nochmals diskutieren?

Das kann man nicht so leicht ändern, denn der Systemumstellung liegt ein Bundesgerichtsentscheid zugrunde.

Der doppelte Pukelsheim sorgt dafür, dass die kleinen Parteien reelle Chancen haben. Ist das denn falsch?

Nein, dagegen ist auch nichts einzuwenden. Es ist wichtig, dass die kleinen Parteien im Grossen Rat vertreten sind. Nur: Meinen Sitz bekam nicht eine kleine Partei, sondern die SP. Hier macht das System keinen Sinn.

Die CVP konnte auch bei diesen Wahlen ihren Krebsgang nicht beenden. Ist es ein Untergang in Raten?

Natürlich ist es unschön, Wähleranteile zu verlieren. Und es ist auch frustrierend, immer auf der Verliererseite zu stehen. Aber damit mussten wir diesmal rechnen. Die ersten Wahlprognosen gingen kantonsweit ja sogar von einem Rückgang von vier Prozent aus; das Minus von gut einem Prozent, das nun effektiv resultiert ist, halte ich für verkraftbar.

Das nennt man: Die Niederlage schönreden. Nochmals: Geht die CVP in Raten unter?

Nein, ich bin überzeugt, dass es die CVP braucht, und ich bin ebenso überzeugt, dass die Talsohle nun erreicht ist. Die CVP hat auf Bundes- wie auf Kantonsebene neue Präsidenten. Sie haben bereits viel frischen Wind in die Partei gebracht.

Im Oberen Fricktal war die CVP lange die Hausmacht, die den Ton angab. Tempi passati. Schmerzt das?

Natürlich schmerzt das. Und es stimmt auch nachdenklich – vor allem das damit einhergehende Erstarken der Pole. Die Nationalratswahlen im letzten Jahr haben wie jetzt die Grossratswahlen gezeigt, dass man mit Befindlichkeitspolitik viele Stimmen machen kann. Die SVP gewann mit der Flüchtlingsthematik die Nationalratswahlen, die SP mit der Abbaupolemik die Grossratswahlen. Der Mitte fällt es dagegen schwer, sich klar zu positionieren.

Beunruhigt Sie die Stärkung der Pole?

Schon, denn sie macht das Finden von Kompromissen schwierig. Genau die Fähigkeit aber, einen Konsens zu finden, mit dem alle leben können, hat die Schweiz stark gemacht. Dafür braucht es eine starke Mitte . . .

. . . die es immer weniger gibt. Die Mitte ist die grosse Verliererin der Grossratswahlen; neben der CVP schwächelt auch die BDP. Fehlen der Mitte nicht schlicht die Rezepte?

Rezepte haben wir schon, aber man nimmt uns zu wenig wahr. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen uns besser verkaufen.

Machen Sie es doch wie andere Parteien: Werden Sie laut und poltern Sie!

Wir müssen nicht lauter und schon gar nicht polemischer werden, aber sicher pointierter auftreten. Ich glaube, dass wir mit Marianne Binder dafür die optimale Kantonalpräsidentin haben. Sie bringt die CVP in die Medien. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zurück auf die Erfolgsschiene.

Sie sind Gemeindeammann von Wittnau. Hat die Abwahl einen Einfluss auf das Amt?

Das hat keinen Einfluss.

Dann treten Sie in einem Jahr nochmals als Gemeindeammann an?

Das kann ich heute noch nicht sagen. Ich bin seit 19 Jahren im Gemeinderat und will – unabhängig von den Grossratswahlen – eine Standortbestimmung machen. Ich werde mich bis Ende Jahr entscheiden, ob ich nochmals antrete.

Ist das Thema Grossrat oder Nationalrat nun für Sie endgültig erledigt oder treten Sie bei den nächsten Wahlen wieder an?

Im Moment kann ich dazu nichts sagen. Ich muss die Abwahl zuerst einmal setzen lassen, sie verdauen. Ich brauche Zeit und werde auch Gespräche führen. Es eilt ja jetzt auch nicht sonderlich.

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