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Wie ein Gemüsesud ohne Gemüse Bernhard Lindner das Fasten versüsst

Tag 5 in der Fastenwoche. Bernhard Lindner fühlt sich nach wie vor gut. Wichtig sei, beim Fasten viel zu trinken, rät der Theologe. Am Freitag bricht er mit seinen beiden Fastengruppen das Fasten – mit einem Apfel.

Thomas Wehrli
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Bernhard Lindner, war gut 14 Jahre Gemeindeleiter in Oeschgen.

Bernhard Lindner, war gut 14 Jahre Gemeindeleiter in Oeschgen.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Tag 5. Am letzten Samstag hat Bernhard Lindner zum letzten Mal etwas gegessen, seither fastet er. Die «Aargauer Zeitung» begleitet ihn durch die Woche. «Zentral ist, dass man während des Fastens genügend trinkt», sagt Theologe Linder, der jedes Jahr während der 40-tägigen Fastenzeit einmal eine Heilfastenwoche einlegt. Weil er sich anders spüren will, sich erden will, weil er solidarisch mit den Menschen sein will, die wenig oder nichts zu essen haben – und weil er das Fasten als Teil der religiösen Spiritualität sieht.

Er trinke auch sonst viel, sagt Lindner, in der Fastenwoche aber noch deutlich mehr. Grün- und anderer Tee, Wasser und Süssmost stehen auf seiner Trinkliste. Am Mittag gibt es zudem ein Glas ausgekochter Gemüsesud. «Natürlich ohne Gemüse», scherzt Lindner. Der Sud bringt ein Mitglied der Fastengruppe in Sulz jeden Tag für alle mit. Lindner freut sich:

«Das ist natürlich ein Super-Service.»

In diesem Jahr betreut Lindner neben der Fastengruppe in Sulz, wo er jedes Jahr eine Fastenwoche anbietet, auch eine Gruppe der Fachhochschule Nordwestschweiz. Während sich die Gruppe in Sulz live trifft und sich bei Achtsamkeitsübungen, spirituellen Impulsen, Gottesdiensten und Spaziergängen neu und vor allem tiefer entdeckt, finden die Treffen an der Fachhochschule am Mittag virtuell statt.

Meist zumindest. Am Donnerstag traf sich die Gruppe ebenfalls zu einem Spaziergang.

«Darauf habe ich mich sehr gefreut, denn jemandem live zu begegnen, hat nochmals eine andere Qualität als am Bildschirm.»

Die Dynamik der beiden Gruppen ist anders. Wie stark dies an der Form abhängt, also ob die Treffen virtuell oder real stattfinden, vermag Lindner nicht zu beurteilen. Denn: «Jede Gruppe ist immer einmalig.» Die Dynamik hänge stark von den Teilnehmern und ihrer Bereitschaft ab, sich einzubringen.

Tiefe Gespräche in Breakout-Sessions

Intensiv seien die Treffen in beiden Gruppen. Bei den Online-Meetings arbeitet Lindner mit Breakout-Sessions. Das heisst, die zwölfköpfige Gruppe wird auf mehrere virtuelle Räume aufgeteilt. Dort diskutieren je zwei bis drei Teilnehmer über das Tagesthema, ihre persönliche Befindlichkeit oder auch darüber, was sie gerade beschäftigt, wo sie gerade anstehen.

Der 60-jährige Erwachsenenbildner ist froh, dass es allen beim Fasten gut geht und dass alle dabei geblieben sind.

«Das ist nicht selbstverständlich, denn Fasten fordert vom Körper doch einiges ab.»

Einzelne Teilnehmer mussten schon mal in früheren Jahren die Fastenwoche abbrechen. Weil sie entkräftet waren, weil sie das Fasten traurig stimmte. «Jeder reagiert anders auf den Nahrungsentzug», weiss Lindner. Bei vielen beobachtet er aber ein Hochgefühl, das von den ausgeschütteten Endorphinen her rührt.

Muskelkater vom Rollstuhl-Hochhieven

Wie fühlt er sich selber? Lindner überlegt kurz, sagt dann: «Gut. Der Körper hat sich gut auf das Fasten eingestellt und ich habe kaum Nebenwirkungen.» Er lacht und sagt:

«Allerdings habe ich heute Muskelkater. Aber das kommt davon, dass ich am Mittwoch meine betagte Mutter beim Zahnarzt im Rollstuhl eine Treppe hochhieven musste.»

Am Freitag geht die Fastenwoche für Lindner und die Teilnehmer der beiden Fastengruppen zu Ende. Fastenbrechen. Bei der virtuellen Gruppe wird jeder den Apfel, mit dem das Fasten gebrochen wird, vor dem Bildschirm essen, bei der Sulzer Gruppe kann man ihn gemeinsam essen.

Das doppelte Fastenbrechen

Bleibt die Frage: Wo bricht Lindner selber das Fasten? Wieder lacht er. «Am Mittag ein bisschen und dann richtig am Abend.» Wobei: Das Fastenbrechen in der Fastengruppe in Sulz, die im Gegensatz zu jener an der Fachhochschule religiös unterwegs ist, erfolgt eigentlich vor dem Apfel-Schmaus.

Denn traditionell findet am letzten Tag eine Kommunionfeier statt und damit ist die Kommunion die erste feste Nahrung, welche die Teilnehmer zu sich nehmen. «Das ist ein schönes Symbol», findet Lindner.

Ist Lindner selber froh, dass die Fastenwoche am Freitag endet? Der Seelsorger überlegt kurz, sagt dann:

«Es gab Jahre, in denen ich froh war, wenn die Fastenwoche vorbei war, weil ich stark gefordert war.»

Diesmal fühle er sich geerdet, sagt er. «Ich könnte mir vom Körperempfinden her vorstellen, noch zwei, drei Tage länger zu fasten.» Das wird er nicht. Weshalb? Das erfahren Sie morgen.