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Schärfere Ausbildung gefordert: «9 von 10 Hundehalter haben ihren Hund nicht im Griff»

Helene Müller-Balz und Cora sind ein eingespieltes Team. Nur: Die knapp dreijährige Dalmatiner-Hündin hat vor anderen Hunden Angst und schaltet bei Begegnungen oft auf Angriff.

Teamgeist

Helene Müller-Balz und Cora sind ein eingespieltes Team. Nur: Die knapp dreijährige Dalmatiner-Hündin hat vor anderen Hunden Angst und schaltet bei Begegnungen oft auf Angriff.

517 Vorfälle mit Hunden registrierte das kantonale Veterinäramt im letzten Jahr. Wo liegt das Problem? Wie muss man als Hundehalter reagieren, wenn etwas passiert? Fährtensuche in der Hundeschule.

Cora ist eine tolle Hündin. Die knapp dreijährige Dalmatinerhündin ist verspielt, gerne unterwegs – und liebt ihr «Frauchen», Helene Müller-Balz, über alles.

«Wir haben es gut zusammen», sagt sie. Cora ist ihr erster Hund. «Nach der Pensionierung fiel ich in ein Loch», erzählt Helene Müller.

Ihre Kinder motivierten sie, sich einen Hund zuzulegen. «Zuerst sträubte ich mich», erinnert sie sich. Dann sagte sie ja. Mit gut zehn Wochen kam Cora zu ihr. «Seither sind wir ein eingespieltes Team geworden.»

Cora ist keine einfache Hündin. Wenn sie anderen Hunden begegnet, schaltet sie oft auf Angriff. «Sie ist eine typische Angsthündin», erklärt Hundetrainer René Picard auf seinem Trainingsplatz, schaut zu, wie sich Cora in der Gruppe bewegt.

Cora wirkt angespannt, knurrt, ist stets auf dem Sprung – trotz Leine. Ein schwarzer, etwas grösserer Mischling lässt sich davon nicht beeindrucken. Und siehe da: Cora weicht. Picard lacht. «Und sie ist zudem recht feige», sagt er. «Sobald sich ein Hund stellt, hört sie auf.»

Für ihr angriffiges Verhalten gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass Cora als Welpe von einem grossen, schwarzen Hund gebissen wurde. «Auch heute noch reagiert sie auf schwarze Hunde besonders stark», sagt Müller. Ein zweiter Grund ist, «dass Dalmatiner gegenüber anderen Hunden recht schnell aggressiv werden», so Picard.

517 Vorfälle mit Hunden

Im letzten Jahr gab es im Aargau insgesamt 517 Vorfälle mit Hunden. Einige davon enden jeweils gravierend – so wie jener im März, als ein streunender Hund auf einem Pausenplatz in Unterentfelden drei Kinder und zwei Erwachsene biss. Bei rund der Hälfte der Vorfälle werden Personen leicht bis mittelschwer verletzt. Oft kommt es zu Bissverletzungen, wenn jemand versucht, bei einer Rauferei zwischen zwei Hunden zu intervenieren.

«Insofern», sagt Picard, «ist auch Cora eine Gefahr.» Allerdings eine, die man mit einem einfachen Mittel im Griff haben kann: «Sie nicht von der Leine lassen.» Da niemand immer vollkonzentriert sein kann, empfiehlt Picard zudem, einem Hund, von dem man weiss, dass er auf andere losgeht, einen Maulkorb anzulegen, wenn man sich in der Menge bewegt. «Sonst reicht eine Millisekunde, in der man nicht aufpasst, und es kachelt.»

Picard schaut den fünf Kursteilnehmerinnen zu, wie sie ihre Hunde an der Leine durch den Slalomparcours führen. «Du musst dem Hund klarere Signale geben», ruft er Helene Müller zu. Die Hunde ab der Leine zu lassen, «ist ein grosses Ärgernis», nervt sich Picard. «Denn die meisten haben ihren Hund zu wenig im Griff, als dass er frei laufen dürfte.»

Picard schätzt, dass nur 2 von 1000 Hunden die Voraussetzung zum Freilaufen erfüllen. Diese lautet: «Der Hund muss in jedem Moment auf einen Pfiff oder ein Kommando zu mir kommen.» Dem Spruch, den er oft hört: «Aber er ist doch ein ganz Lieber und hat noch nie etwas gemacht» begegnet Picard stets mit der Frage: «Und was ist, wenn der andere, zu dem er hingeht, nicht lupenrein ist?»

Ohne Grund beisse ein Hund nie, sagt Picard. «Er beisst zu, wenn er keinen Ausweg mehr sieht, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt.» Ein zweiter Grund können Schmerzen sein, ein dritter Übereifer im Spiel, ein vierter schlechte Erfahrungen. «Ein Hund vergisst nie», sagt Picard. Wenn man einen Hund schwer enttäusche, speichere er das ab. «Kommt es dann einmal hart auf hart, stellt er sich sogar gegen den eigenen Besitzer.»

Das Problem ist immer der Mensch

Soweit muss es nicht kommen. Der Besitzer muss dafür allerdings dreierlei beherzigen: Erstens, dass das Problem immer beim Menschen liegt und nie am anderen Ende der Leine. Sprich: Der Hundebesitzer muss sich richtig verhalten. Zweitens, dass nicht der Mensch die Bindung zum Hund aufbaut, sondern der Hund zum Mensch. «Wenn der Hund das nicht will, steht der Mensch auf verlorenem Posten», so Picard.

Drittens, dass der Hund kein «Fifiwauwau» ist, sondern ein denkendes Wesen. «Man muss den Hund von klein an lehren, selber Lösungsstrategien zu entwickeln.» Das hilft ihm auch in brenzligen Situationen einen anderen Ausweg zu finden, als zuzubeissen.

«Den Befehl nicht sieben Mal wiederholen», ruft Picard einer Kursteilnehmerin zu und fügt halbernst bei: «Sonst hält er sich irgendwann die Ohren zu und hört gar nicht mehr zu.» Die Dauerrepetition von Befehlen ist für Picard mit ein Grund, dass viele Hunde nicht richtig gehorchen. «Sie gewöhnen sich daran, dass nichts passiert, wenn sie nicht reagieren.» Seine Devise: «Einen Befehl sagt man einmal und muss dann dafür sorgen, dass man ihn einfordern kann.»

Zu den häufigen Fehlern im Umgang mit Hunden gehört für Picard auch, dass man für das gleiche Kommando verschiedene Worte verwendet und dass man allzu menschlich denkt. «Der Hund versteht kein Deutsch», sagt Picard. «Er versteht Stimmungen und weiss, wie er auf einzelne Worte reagieren muss.» Dabei hat Picard festgestellt: «Welcher Teil des Befehls die Reaktion auslöst, ist ganz unterschiedlich. Einer seiner Dackel beispielsweise sitzt schon ab, wenn er das «tz» von «Sitz» sagt.

Auch ein Hund muss Müssen

Mit der Tendenz, seinen Hund völlig zu vermenschlichen, hat Picard Mühe. «Ein Hund muss Hund bleiben können.» Auf die Palme bringen Picard auch Aussagen wie: «Wenn er es doch nicht machen will...» Hunde seien den gleichen Zwängen unterworfen wie wir. «Sie müssen von klein auf lernen, dass gewisse Zwänge bestehen», sagt der Hundetrainer. «Sie müssen eine gewisse Frusttoleranz entwickeln, sonst haben sie in der Gesellschaft keine Chance.» Das Müssen sei Teil des Lebens – «für den Menschen wie den Hund».

Dies versucht Picard den Kursteilnehmern zu vermitteln. In den vier Praxisstunden, die für den Sachkundeausweis (SKN) obligatorisch sind, ist dies nicht möglich. «Das ist eine reine Alibiübung.» Picard fordert deshalb eine «klare Verschärfung der Kurspraxis». Er spricht von 10 bis 14 Stunden. Wobei: Seiner Ansicht nach sollten ohnehin nicht Stunden, sondern Ziele vorgegeben sein. «Denn jedes Paar kommt unterschiedlich schnell voran.» Bei den einen reichen wenige Stunden, andere brauchen Wochen, bis sie einen sicheren Umgang mit ihrem Hund haben.

Ohne Worte

Diesen haben heute «nicht viel mehr als zehn Prozent». Alle anderen, so Picard, sind überfordert, wenn der Hund einmal nicht so reagiert, wie man es gewohnt ist. Und genau dann werde es gefährlich. «Weshalb sie es nicht lernen?», wiederholt er die Frage, geht zur Gruppe, die sich beim Hindernisparcours versammelt hat, zuckt mit den Schultern und sagt: «Weil es sie nicht interessiert.»

Helene Müller gehört zu den zehn Prozent, die es interessiert. Genau deshalb besucht sie einmal pro Woche die Hundeschule. «Die Stunden helfen Cora, ihre Angst zu verlieren, und sie geben mir die Sicherheit, richtig zu reagieren», sagt sie. Cora blickt just in diesem Moment zu «Frauchen» hoch, als wollte sie sagen: «Wir verstehen uns – auch ohne Worte.»

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