Rheinfelden
Das Atelier ist seine Heimat: Seit über 40 Jahren malt der Römer Ettore Antonini in Rheinfelden

Ettore Antonini hat in seinem Leben viele Ausstellungen mit Bildern und Objekten bereichert. Seit über 40 Jahren lebt und arbeitet er in Rheinfelden. Dort hat der gebürtige Römer seine Heimat. Vielmehr: In seinem Atelier, wo er nach neuen Ausdrucksformen forscht.

Peter Schütz
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Ettore Antonini inmitten seiner Wald-Bilder im Atelier in Rheinfelden.

Ettore Antonini inmitten seiner Wald-Bilder im Atelier in Rheinfelden.

Peter Schütz

Die fertigen Bilder von Ettore Antonini mögen verzücken, überraschen oder irritieren, aber den Weg zu ihrer Entstehung geben sie nicht preis. Was leicht und locker gemalt erscheint, ist das Ergebnis eines langen und wechselhaften Prozesses, von dem manchmal nicht einmal der Künstler weiss, wohin er führt. Der 68-jährige Maler und Zeichner, der den Begriff Künstler ablehnt, sagt:

«Ich kenne das Ende nicht, aber wenn eine Arbeit nach einer Serie aussieht, ist es ein Erfolg.»

Sein Faible für das serielle Arbeiten wird schon im Atelier deutlich. Auf dem langen Tisch in der Mitte des Raums liegt ein Stapel mit grossen Bogen Papier, darauf sind wenige hell- und dunkelschwarze Pinselstriche zu sehen. Aus einem Regal am Atelierrand holt er einen anderen Stapel hervor. Auch auf diesen Bildern ist wenig zu sehen: Wolken, Kleckse, Ringe aus Tusche, mit Wasser verdünnt und auseinandergezogen, wodurch der Eindruck entsteht, einen mikroskopisch vergrösserten Blick auf eine undefinierbare Substanz zu werfen.

Die Titel werfen noch mehr Fragen auf: Blunote, Luna Nera, Insolubile. Figuren wie in den früheren Bildern kommen nicht vor. Vielleicht erscheinen sie gar nicht mehr, vielleicht schleichen sie sich irgendwann über einen Hintereingang in die Bilder hinein. Ettore Antonini legt sich nicht fest.

Während Corona trat eine Farbe ins Zentrum: Schwarz

Geboren 1953 in Rom, hat er sein Handwerk am Instituto d´Arte in Perugia, der von den Etruskern gegründeten Hauptstadt Umbriens, gelernt. Die Kunst der Etrusker hat ihn berührt, kopiert hat er sie nicht. Er ist kein Kopist, er bedient sich nicht dessen, was andere vor ihm praktiziert haben, sondern erfindet immer wieder Neues. Und zeigt ständig andere Facetten seines bildnerischen Denkens.

Seine letzte Serie führt die Betrachter in helle Wälder mit verschiedenfarbigen, akribisch aufgetragenen Farbflecken anstelle von Blättern hinein. Diese Bilder hat er in seiner bis heute letzten Ausstellung «Artetemporis» 2019 gezeigt. Dann kam Corona. Dazu sagt er:

«So etwas habe ich noch nie erlebt, es ist surreal.»

Er habe zwar weitergemalt und die Regeln respektiert, sei aber immer skeptisch geblieben. In dieser Zeit ist ein von ihm bislang überwiegend zur Akzentuierung genutzter Farbton in den Fokus gerückt: Schwarz. Autoritär, radikal. Erst recht, wenn das Schwarz sich über ein ganzes Bild hermacht und nur ein paar wenige rote Flecken durchschimmern lässt, wie auf demjenigen, das an einer Wand lehnt. Eine Reaktion auf Corona? «Vielleicht unbewusst», so Antonini, «vielleicht habe ich aber einfach nur Lust auf Schwarz.»

Das Atelier ist wie ein Labor für ungeahnte Möglichkeiten

Seit über 40 Jahren lebt er mit seiner Familie in Rheinfelden. Er ist verheiratet, Vater von zwei Töchtern. Vor sieben Jahren hat er eine schwere Krankheit erlitten. Sie habe seine Produktion gestoppt, berichtet er, sogar das Halten eines Bleistifts fiel ihm schwer. Aber er sagt:

«Neue Gedanken sind gekommen, auch in der Kreativität.»

Nun geht er gegen die 70 zu, ist zweifacher Grossvater, führt weiterhin ein einfaches Leben ohne Auto und Handy, stellt sich aber schon die Frage nach dem Weitermachen. Macht es Sinn, noch mehr neue Bilder zu malen? Zumal, so Antonini, die Kunst heute inflationär sei. Aber: Er hat festgestellt, dass, wenn er im Atelier arbeitet, «immer etwas herauskommt». Sein Atelier bezeichnet er als seine Heimat. Es ist wie ein Labor, in dem er ungeahnte Möglichkeiten und seltsame Spielarten des Lebens ergründet. Wo er das Unbekannte und Unerforschte findet. Oder es findet ihn. So genau weiss es nicht einmal der Maler selbst.