War das ein Herrenleben! Tagein, tagaus dümpelte Kleinfrosch im seichten Wasser, hing da mal ab, zuckelte dort umher, genoss das Hier und Jetzt, lümmelte umher mit Cousine Kleinfrosch und frass und wuchs und wuchs und frass.

Wenn es kalt und diesig wurde, mussten Vaterfrosch und Mutterfrosch nicht lange überlegen, wohin des Weges: Bergauf Richtung Hofstatt und Hardmatt, so wussten sie, war’s nicht nur beschwerlich, sondern machte auch keinen Sinn.

Im kleinen pfiffigen Froschhirn Platz gefunden hatte nämlich auch die Erkenntnis, dass Wasser von oben nach unten fliesst.

Also zogen Vaterfrosch und Mutterfrosch, samt Kleinfrosch und Kleinfrosch-Cousine des Weges ostwärts, von der Wuermatt durch die Vorgärten zwischen Winkel und Baumgarten zur Unterdorfstrasse und von dort auf schrecklichem asphaltiertem Grund hoch zur Dorfstrasse; am Warteck vorbei, die Unterhalde lang zur Wasenhalde und kräftesparend am Fuss des Chaischterchopf hinter dem Kleinkaliberstand Richtung Bannweg, wo am oberen Ende ein wunderbares Winterquartier wartete: knapp ennet Kaister Gemeindegebiet auf Laufenburger Territorium – was bestens zum Schlafen passte.

Vaterfrosch und Mutterfrosch waren demzufolge nicht nur ziemlich weit gereist, sondern auch weltgewandt und fortschrittlich und wollten unter allem Quak vermeiden, dass sich der allmählich pubertierende und frühgeschlechtsreife Kleinfrosch auf Kleinfrosch-Cousine hockte, damit diese inzestuösen Froschlaich absetze, der dann nach und nach zu einem Inhouse-Jungfrosch heranwuchs.

Vaterfrosch und Mutterfrosch waren vielmehr sorgsam bemüht, dass sich Kleinfrosch einem fremden Quakweib auf den Rücken schleimte und Kleinfrosch-Cousine einen bis dato unbekannten Frosch aus dem Bannweg-Biotop zum Begatten empfing.

Und so kam es, dass frühlings zuerst Vaterfrosch, etwas später Mutterfrosch, Kleinfrosch und Kleinfrosch-Cousine sich wieder des Weges machten, Richtung Dorf, den gleichen langen Weg zurück, der für ein Froschleben eine natürliche Selbstverständlichkeit ist. Erneut galt in der asphaltierten Hochgefahrzone beim Warteck höchste Aufmerksamkeitsstufe ehe in den Vorgärten nur ab und an Kollege Igel oder ein kläffender Köter die Reise störte. Dann endlich konnte die leicht ermattete Sippe störungsfrei in den Tümpel eintauchen, wo die Enten, die Kröten, der Biber und die Libellen schon zur Begrüssung warteten.

Derweil wuchsen, ein paar Kilometer entfernt, die Begattungsspuren in Form von Qualkappen im Laufenburger Biotop heran. Aus den kleinen Schwänzchen wurden putzige Jungfröschli, die einen ungetrübten Sommer und Herbst verbrachten, mit Familie Frosch dann den kalten Winter gleichenorts abhingen, um im kommenden Frühling, plusterstark und mit klebriger Klappzunge, mitsamt all den Verwandten wieder zum Sommerquartier in der gut zwei Kilometer entfernten Wohngemeinde zu hüpfen.

Doch für Vaterfrosch und Mutterforsch, den mittlerweile ausgewachsenen Kleinfrosch und die Kleinfrosch-Cousine war es auf Kaister Terrain mit der Ruhe vorbei.

Tock, Tock. Tock, Tock.

Tock, Tock. Tock, Tock hämmerte es am wegseitigen Uferbord ihres Mühliweihers. Behoste Zweibeiner rammten mit schwerem Gewicht eiserne Pfähle blitzgerade entlang dem Tümpel. Einen Meter dreissig hoch, in Beton fundiert!

Ohne Vorwarnung: Tock, Tock. Tock, Tock.

Zeitlebens hatte sich Vaterfrosch und Mutterfrosch, hatten sich Opafrosch und Omafrosch und deren Vorfahren mit den Zweibeinern am Ufer arrangiert: Verantwortungsbewusste Eltern erzogen ihre Kinder so, dass sie wohl am Weiherrand kauern konnten, aber nicht ins Wasser plumpsen.

Das funktionierte Jahre, Jahrzehnte, ja fast Jahrhunderte. Und jetzt, jetzt hatten die Zweibeiner plötzlich kein Vertrauen mehr in ihre Erziehungskompetenz. Mehr noch, sie trauten ihren Goofen nicht mehr zu, normal von riskant zu unterscheiden!

Soll doch der Staat, der Kanton, die Gemeinde dafür sorgen, dass das, was wir Zweibeiner gezeugt haben, in absoluter Sicherheit jeden Seich machen kann – ungestraft und ohne im Weiher nass zu werden.

Drum also Tock, Tock. Tock, Tock: Ein Zaun muss her, mitsamt bodennahem Schlitz, damit die quakende Community weiterhin des Weges ziehen kann, aber ja kein Kind in den Weiher kippt!

Komisch, dachte sich die Froschsippe in ihren kleinen, aber nicht unterbelichteten Hirnis: Diese Zweibeiner bauen sich einen Hag um das Paradies. Damit sie für immer im Gefängnis leben können.

Und Familie Frosch erinnerte sich an den grossen Schriftsteller Friedrich
Dürrenmatt, der 1990 in seiner ironischen Rede «Die Schweiz – ein Gefängnis» unser Land mit einem selbst gewählten und selbst produzierten existenziellen Gefängnis verglich.

Exakt so, wie jetzt die Frösche im Mühliweiher vor den Gefahren unvorsichtiger Eindringlinge geschützt werden sollen, meinte Dürrenmatt damals: «Nun wissen wir nicht, was wir feiern sollen, das Gefängnis oder die Freiheit. Feiern wir das Gefängnis, fühlen sich die Gefangenen gefangen, und feiern wir die Freiheit, so wird das Gefängnis überflüssig.»

Kaisten feierte vergangenes Wochenende ebenfalls. Ein Dorf- und Jugendfest zu Ehren des neuen Dreifachkindergartens, der die Jungmannschaft zwingt, am Todesweiher vorbeizugehen.

Man mag hoffen, die Zaun-Verantwortlichen hätten sich am Fest etwelchen Verstand angesoffen.

Auf dass sie nicht weiter am Gefängnis bauen.