Vereinte Familie

Nach 70 Jahren trafen sich drei Geschwister aus dem Fricktal zum ersten Mal

Rentner am Ufer des Zürichsees in Rapperswil. Ein Ausflug, wie ihn die Familie von Walter Egger, Edith Steiner und Brigitta Monti jetzt auch unternehmen könnte. (Symbolbild)

Rentner am Ufer des Zürichsees in Rapperswil. Ein Ausflug, wie ihn die Familie von Walter Egger, Edith Steiner und Brigitta Monti jetzt auch unternehmen könnte. (Symbolbild)

Ein Leben lang wussten sie nichts voneinander. Dann starb ihre Mutter. Jetzt werden Walter Egger, Edith Steiner und Brigitta Monti doch noch eine richtige Familie.

Walter Egger* war sechs Jahre alt, als er sich an die Taufe des Nachbarbuben schlich. Die Kleider, die Pferde, die feierliche Zeremonie – der Junge war so begeistert, dass er zu Hause das Mittagessen verpasst hätte, hätte ihn seine Mutter nicht abgeholt. Am Esstisch sagte Walter, dass er sich auch einmal eine Taufe für ein Geschwisterchen wünsche.

Es sollte anders kommen: Walter Egger wuchs als Einzelkind in einem kleinen Fricktaler Bauerndorf auf. Und doch sitzt er an diesem Abend im Oktober mit seinen beiden Schwestern im Wohnzimmer seines Elternhauses. Kennen gelernt hat er sie vor gut einem Jahr – über 70 Jahre nach der Taufe des Nachbarbuben. Walter Egger, Edith Steiner und Brigitta Monti erzählen eine Geschichte, wie sie die grössten Filmstudios der Welt nicht besser auf die Leinwand hätten bringen können.

Geheimnis ins Grab genommen

Es war der heisse Sommer 2013. Emilia Monti glaubte an einen Irrtum. Sie war auf dem Erbschaftsamt, um sich um die Angelegenheiten ihrer im hohen Alter verstorbenen Grossmutter zu kümmern. Da sagte ihr der Beamte, dass ihre Grossmutter drei Kinder gehabt habe. «Ich antwortete, dass das nicht sein könne. Meine Grossmutter hatte nur ein Kind: meine Mutter», sagt Monti. Aber der Beamte behielt recht. In den Dokumenten waren neben Emilias Mutter Brigitta auch die Namen von Walter Egger und Edith Steiner eingetragen. «Ich verstand die Welt nicht mehr», sagt Monti. Sie rief sofort ihre Mutter an, die seit 18 Jahren in Italien lebt. Brigitta Monti reagierte geschockt.

«Ich hatte diesen Brief vom Erbschaftsamt in der Hand und wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist», sagt Edith Steiner. Am 18. Juli 2013 lag der Umschlag im Briefkasten, in dem vermerkt war, dass ihre leibliche Mutter Erna Ulrich verstorben sei. Auch bei Walter Egger. «Ich konnte es nicht fassen», sagt er. «Ich wusste nicht, was ich tun sollte.»

Dankbarkeit statt Groll

Soll ich mich bei den Geschwistern melden? Wie reagieren sie? Wollen sie nach so langer Zeit überhaupt etwas von mir wissen? Gibt es eine Reaktion? Was, wenn nicht? Dutzende Fragen seien ihm durch den Kopf geschossen, erzählt Egger. Schliesslich setzte er sich hin und schrieb Emilia Monti einen Brief.

«Aus seinen Worten konnte ich heraushören, dass Walter keinen Groll gegen seine leibliche Mutter hegt. Da war ganz einfach die Dankbarkeit, dass sie ihm das Leben geschenkt hatte», sagt Monti. Sie las den Brief und rief ihren Onkel an. Eine Weile war es still am Telefon, weil beide nicht wussten, was sie sagen sollten. Das erste Treffen folgte wenige Tage später im Café Maier in Laufenburg. Sie brachte Familienfotos mit, er lud sie nach Hause ein. «Wir haben sie vom ersten Moment an ins Herz geschlossen», sagt Walter Eggers Frau Desiree.

Erstes Treffen am Geburtstag

Zu seinem 79. Geburtstag im August 2013 kamen Emilia und Brigitta Monti zu Besuch. Walter und Desiree Egger standen erwartungsvoll vor dem Haus, als das Auto mit Brigitta Monti vorfuhr. «Ich blickte zum Haus und dachte nur: Ja, das ist mein Bruder», erzählt Monti.

Die erste Begegnung der beiden Geschwister war ein «unbeschreiblicher Glücksmoment». Kurze Zeit später trafen die Kinder und Enkelkinder der Eggers ein. Auch diese Begegnung war voller Emotionen. Wenige Tage darauf folgte das erste Treffen mit Edith Steiner. Sie hatte den Geburtstag ihres Bruders verpasst, weil sie mit der Familie in den Ferien war. «Die Spannung war gewaltig», sagt sie. Die Erleichterung beim ersten Treffen mit den Geschwistern umso grösser.

«Seither ist einfach nur Freude», sagt Walter Egger. Mehrmals im Jahr steigt Brigitta Monti ins Flugzeug, um ihre Geschwister im Fricktal zu besuchen. Umgekehrt waren diese auch schon in Italien zu Besuch. Walter Egger geniesst es, wenn er seiner Frau Desiree sagen kann, dass er rasch zu seiner Schwester Edith fahre. Zu der Schwester, die sein Leben lang nur einige Kilometer entfernt gewohnt, von der er aber nie etwas gewusst hatte.

Einen Vorwurf an ihre leibliche Mutter machen die Geschwister nicht. «Niemand kann wissen, unter welchen Umständen sie damals ihre Kinder weggegeben hat», sagt Emilia Monti. In welche Mühlen ein junges Mädchen in den 30er-Jahren geriet, wenn es ledig ein Kind gebar. Und weshalb sie ihr grosses Geheimnis ein Leben lang weder ihrer Tochter noch ihrer Enkelin verriet. «Wir können spekulieren und nachdenken und uns tausend Fragen stellen – letztlich kommen wir auf keinen grünen Zweig. Also machen wir das Beste daraus: Einander geniessen», sagt Emilia Monti. Sie bedauere nur eines, ergänzt Mutter Brigitta: «Dass wir uns nicht früher kennen gelernt haben.»

Eine verspätete Taufe

An diesem Oktoberabend im Wohnzimmer wird gelacht, es fliessen Tränen, man hält sich die Hand, gibt sich Mut, diskutiert und erzählt. Eine Familie sitzt zusammen. «Der Wunsch nach Geschwistern hat sich doch noch erfüllt, wenn auch etwas spät und ohne eigentliche Taufe», sagt Walter Egger. «Begossen haben wir unser Treffen trotzdem, als wäre es eine Taufe», ergänzt Edith Steiner und die drei Geschwister lachen.

*Auf Wunsch der Familie wurden sämtliche Namen in der Geschichte verändert.

Meistgesehen

Artboard 1