Rosmarie Brunner
Mit dem Feuerwehrhorn ins neue Jahr: Die Weibelin aus Hottwil pflegt einen alten Silvester-Brauch

Die 73-jährige Rosmarie Brunner ist Weibelin in Hottwil. Mit dem Feuerwehrhorn begrüsst sie in der Silvesternacht das neue Jahr.

Peter Schütz
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Rosmarie Brunner zieht mit dem Feuerwehrhorn durchs Dorf.

Rosmarie Brunner zieht mit dem Feuerwehrhorn durchs Dorf.

Peter Schütz

Ein schwarzer langer Mantel, ein schwarzer Hut und ein roter Schal: So kleidet sich Rosmarie Brunner, wenn sie in der Silvesternacht mit einem traditionellen Spruch das alte Jahr verabschiedet und das neue willkommen heisst.

Das wichtigste Utensil, das sie dabei begleitet, ist ein handliches Feuerwehrhorn, in das sie an jeder Station im Dorf jeweils drei Mal bläst, sodass ihr Erscheinen nicht zu überhören sein sollte. Damit auch der Spruch gut zu verstehen ist, ist eine kräftige Stimme Voraussetzung. Rosmarie Brunner hat sie, «wenn ich nicht grad heiser bin».

Ihr Rundgang durch Hottwil, wo sie mit ihrem Mann lebt, beginnt um Mitternacht und dauert etwa eine halbe Stunde. Das ist sportlich, weiss Rosmarie Brunner, «da kann man nicht trödeln». Die erste Station ist von Wil herkommend, dann geht sie zu weiteren sechs Stellen im Dorf. Alleine ist sie nicht unterwegs, eine Laternenträgerin begleitet sie auf ihrer Mission.

Seit 15 Jahren im Amt

Und selbst wenn das Wetter einmal nicht in ihrem Sinn ist, versieht sie ihren Dienst ohne Wenn und Aber. «Ich mache das bei jedem Wetter, auch bei Nebel, Schnee oder Regen», sagt sie. Nach 15 Jahren als Dorfweibelin im Amt kennt sie den Spruch, den sie dem neuen Jahr entgegenruft, auswendig. Er lautet: «D’ Uhr hett zwölfi gschlage. S’ alt Johr isch verbi, es hett es neus agfange. I wünsch allne es guets neus Johr.»

Die in Hottwil gelebte Tradition führt in die Zeit zurück, als es weder Telefon noch Internet gab. Damals kündigte ein Weibel die guten wie schlechten Dorfnachrichten mit dem Feuerwehrhorn an und rief sie dann laut aus.

Mit Erscheinen der neuen Kommunikationsmittel geriet dieser Dienst ins Abseits, ging jedoch nicht vollständig verloren. In Hottwil – übrigens auch im Nachbardorf Mandach – wurde daraus ein Brauch, dessen Ausführende in Verbindung mit dem Verteilen der Abstimmungs- und Wahlunterlagen offiziell gewählt werden. Es kann also nicht jede oder jeder einfach so Weibel werden. Letzter Weibel in Hottwil vor Rosmarie Brunner war Marcus Keller.

Irgendwann ist Schluss

Dieses Mal, wenn das Jahr zu Ende geht und 2021 beginnt, ist vieles anders als sonst. Menschenansammlungen sind wegen Corona tabu, weshalb Rosmarie Brunner und ihre Begleiterin mit der Laterne wohl alleine das neue Jahr begrüssen werden. Ab und zu wird ein Fenster aufgehen, vielleicht kommen auch Leute vor die Türe, wenn sie das Feuerwehrhorn hören. Vielleicht prostet sogar jemand den beiden zu, es ist schliesslich trotz allem ein besonderer Anlass.

Jetzt ist Rosmarie Brunner 73 Jahre alt. Zwei Jahre will sie noch dranhängen, dann ist Schluss. «Mit 75 ist es an der Zeit, aufzuhören», findet sie. Die Gemeinde hält schon mal Ausschau nach einem würdigen Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Die oder der nebst Zuverlässigkeit und Wetterunempfindlichkeit noch eine weitere Eigenschaft mitbringen sollte: eine kräftige Stimme.