Frick
«Mister Frick» geht in Pension: «Die Gesellschaft ist auf dem Weg zur Ich-AG»

Heinz Schmid war für viele der «Mister Frick». Nach 31 Jahren als Gemeindeschreiber geht er in Pension. Ein Spaziergang durch Dorf und Zeit.

Thomas Wehrli
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«Der Job hat mir unheimlich Spass gemacht, doch nun ist es gut, dass ich es etwas ruhiger nehmen kann»: Heinz Schmid geht Ende Jahr in Pension.

«Der Job hat mir unheimlich Spass gemacht, doch nun ist es gut, dass ich es etwas ruhiger nehmen kann»: Heinz Schmid geht Ende Jahr in Pension.

Thomas Wehrli

Treffpunkt neues Gemeindehaus. Heinz Schmid, 64, wartet vor der Eingangstüre auf die az, unterhält sich gerade mit einer Einwohnerin über den Neubau. Sein Blick: schelmisch-verschmitzt; sein Outfit: klassisch-edel. Dunkler Mantel, dunkler Anzug, weisses Hemd. Der Schal als Farbtupfer.

«Dann wollen wir mal», sagt Schmid, schreitet los, den Oberkörper etwas nach vorne geneigt. Etwas müde wirkt er. Das sei er auch, sagt er später auf dem einstündigen Spaziergang durch das Dorf, auf dieser Fuss-Reise durch Raum und Zeit, die uns dorthin führt, wo das Gestern noch das Heute war und man vom Heute allenfalls träumte.

Die Reise beginnt just dort, wo seine berufliche Reise in wenigen Wochen endet: Schmid wird Ende Jahr pensioniert – nach 31 Jahren als Gemeindeschreiber von Frick. «Es ist Zeit», sagt er. Der Job habe ihm unheimlich Spass gemacht, doch nun sei es gut, dass er es etwas ruhiger nehmen könne.

«Hallo Herr Schmid», ruft ihm eine ältere Frau mit Einkaufswagen zu. «Sali Heinz», brummt wenig später ein Herr mit Stumpen im Mundwinkel. Ein Spaziergang mit Heinz Schmid heisst auch: unentwegt grüssen. Denn jeder kennt ihn, den «Herrn Gemeindeschreiber», wie man früher sagte, grüsst (meist) freundlich, wechselt ein paar Worte. Oder trägt ihm ein Anliegen vor. «Du, Heinz», tönt es dann, «wie funktioniert das mit dem Grenzabstand noch mal?»

Schmid schmunzelt. «Wenn ich im Dorf unterwegs bin, komme ich meist mit zwei, drei Notizen zurück, damit ich Fragen und Wünsche von Einwohnern nicht vergesse.» Besser gesagt: Er kam zurück. Denn Gemeindeschreiber ist seit Anfang Monat Michael Widmer. Nun heisst es für Schmid: Aufräumen, das Ende zu einem neuen Anfang machen.

Manchmal liegen Anfang und Ende nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Bei Heinz Schmid sind es zwei oder drei Steinwürfe, je nach Werfer.

Gerade einmal 150 Meter vom Gemeindehaus entfernt ist der Ort, an dem für Schmid alles begann: sein Elternhaus. Wobei: Das Elternhaus steht nicht mehr, es brannte vor einigen Jahren aus. Die freie Fläche gibt nun den Blick auf sein Haus frei, das er unmittelbar hinter dem Elternhaus gebaut hat, damals, 1985, als er «aus dem Exil in Solothurn», wie er es nennt, als Schreiber nach Frick zurückkehrte.

Was bedeutet Ihnen Frick?

Frick ist meine Heimat, hier sind meine Wurzeln.

Dann war Ihnen sofort klar, als die Gemeindeschreiber-Stelle ausgeschrieben wurde: Die will ich?

Im Gegenteil, ich zögerte lange. Meiner Frau und mir war es in Solothurn sehr wohl. Wir hatten eine schöne Wohnung und ich hatte einen guten Job beim Kanton. Ich bewarb mich erst sehr spät.

Das tönt nun nicht nach einer «Frick, i love you»-Geschichte.

Ist es aber. Frick ist ein genialer Wohnort. Ich habe nur schöne Erinnerungen an das Dorf.

Auf der Wiese neben seinem Haus grasen friedlich einige Schafe. Schmid zeigt auf ein Grundstück vis-à-vis. «Hier stand früher eine Schreinerei», erzählt er. «Für uns Kinder war das ein Paradies.» Holzhütten bauen, Verstecken spielen. «Genial war auch der kurze Schulweg», sagt Schmid. Wir machen uns auf, ebendahin, zur Schulanlage.

Wie war das Leben in den 1950ern?

Es war einfacher als heute. Entschleunigter auch. Man war mit dem zufrieden, was man hatte.

Sie sind ein Weg-Glückspilz!

Bitte?

Ihr Schulweg war nur 200 Meter lang, Ihr Arbeitsweg gar nur 150 Meter.

Das war Fluch und Segen zugleich. Denn die Verlockung war jeweils gross, nach dem Nachtessen noch einmal kurz ins Büro zu gehen.

Kurz?

Meist dauerte es etwas länger, denn ich arbeitete gerne am Abend. Da hatte ich mehr Ruhe, um anspruchsvollere Texte zu schreiben.

Hatte Ihre Familie viel von Ihnen?

(Lacht.) Meine Frau sagte manchmal, sie sei eine alleinerziehende Mutter. Es gab in der Tat Wochen, in denen ich an keinem Abend zu Hause war.

Sie gaben viel Ihrer Lebensenergie für die Gemeinde. Weshalb?

Weil ich selber Teil dieser Gemeinde bin. Für mich war es nicht nur ein Job, den ich da antrat, sondern eine Berufung. Ich wollte mithelfen, die Gemeinde vorwärtszubringen.

Ist es gelungen?

Ich denke schon. Die Gemeinde steht heute gut da, sie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Sie ist das Zentrum im oberen Fricktal und als Wohn- und Arbeitsort beliebt.

Dann kann ja Ihr Nachfolger eine ruhige Kugel schieben.

Wohl kaum, denn es kommen laufend neue Aufgaben hinzu. Auch für Gemeinden gilt das Sprichwort: Wer rastet, der rostet.

Die Rast ist vorbei, nicht unsere, sondern jene der Schüler: Die Pause ist zu Ende. Die meisten Kinder sind bereits zurück im Schulzimmer, eine Klasse besammelt sich auf dem Platz, um gemeinsam ins Sauriermuseum zu gehen, das im Untergeschoss des Schulhauses 1912 untergebracht ist.

Ein neues, grösseres Sauriermuseum wäre ganz schön.

Glauben Sie mir: Das wird es in einigen Jahren auch geben. Die Fricker sind stolz auf ihre Saurier, das haben sie mehrfach bei Kreditbegehren bewiesen. Meine Vision: ein Museum bei der Fundstelle, hinter dem Bahnhof.

Gingen Sie gerne zur Schule?

Ja, bis auf die Turnstunden in den ersten beiden Jahren. Die waren für mich die Hölle auf Erden. Ich hatte regelrecht Angst vor der Lehrerin, sie brachte mich auch zum Weinen.

Die Schule hat sich seit Ihrer Kindheit stark gewandelt ...

... zum Glück! Aber eines ist praktisch gleich geblieben.

Was denn?

Die Schulanlage, auf der wir stehen. Die Gebäude standen schon zu meiner Schulzeit. Damals reichte die Anlage allerdings für alle Schüler – heute haben wir im Ebnet ein zweites Schulzentrum und dezentral mehrere Kindergärten.

Frick ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen, manche sagen: zu stark. 1950 zählte Frick, damals noch ein Bauerndorf, an die 1600 Einwohner. 1970 waren es bereits 3100 und heute sind es gut 5300. «Das Wachstum hat die Gemeinde gut gemeistert», ist Schmid überzeugt.

Mit der Gemeinde wuchs die Verwaltung. Als er vor 50 Jahren als Stift anfing, arbeiteten im Gemeindehaus gerade einmal vier Angestellte und zwei Lehrlinge. Heute sind es 26 Mitarbeitende mit 20 Vollzeitstellen und vier Lernende.

«Der Schreiberberuf hat sich grundlegend gewandelt», sagt Schmid. Heute ist der Gemeindeschreiber auch Verwaltungsleiter und Personalchef, vieles läuft per Mail und seit kurzem werden in Frick auch die Sitzungsakten elektronisch verwaltet. Nur eines ist gleich geblieben: die Gemeindeversammlung.

Ist die «Gmeind» noch zeitgemäss?

Sicher doch. Sie ist Sinnbild unseres Systems.

Mag sein, doch ein Einwohnerrat wäre für eine Gemeinde von Fricks Grösse doch effizienter.

Das sehe ich nicht so. Ein Einwohnerrat bringt Politiker mit sich, die sich profilieren wollen und Vorstoss um Vorstoss einreichen. Schliesslich gilt es ja, wiedergewählt zu werden. Das beschert der Verwaltung unnötige Zusatzarbeit. Zeit, die für Wichtigeres fehlt.

Aber es ist doch ein Witz: An den Gemeindeversammlungen nehmen keine zehn Prozent der Stimmberechtigten mehr teil. Eine kleine Minderheit entscheidet für alle.

Sicher, die Beteiligung an der Gmeind ist nicht berauschend. Doch wir haben mit dem Referendum ein Korrektiv. In den letzten 30 Jahren wurde es in Frick neunmal ergriffen; sechsmal wurde der Entscheid der Gemeindeversammlung gekippt. Sie sehen also: Das System funktioniert.

Immer weniger Menschen sind bereit, in der Gemeinde oder in Vereinen Verantwortung zu übernehmen. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Sehr sogar. Die Gesellschaft ist auf dem Weg zur Ich-AG. Man profitiert gerne, hilft aber nicht mit. Es berührt mich jedes Mal, wenn ich höre, dass ein Verein eingeht, weil er niemanden findet, der den Karren ziehen will. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, denn Vereine sind der Kitt für die Gesellschaft.

Wird sich das wieder ändern?

Solange es uns so gut geht wie heute, kaum. Solidarität und Gemeinsinn gewinnen erst wieder an Stellenwert, wenn es wirtschaftlich nicht mehr so rund läuft. Das ist traurig, aber Realität.

Realitäten oder besser: Entitäten begegnen wir auf dem Spaziergang noch so mancher. Das Gewerbe («Frick bietet an die 3500 Arbeitsplätze. Darum beneiden uns viele in der Region»), die Kirche («als Ministrant war ich ein fleissiger Kirchgänger»), die Kultur («sie gedeiht bestens»).

Auf der Schulstrasse, die nach Gipf-Oberfrick führt, kommt auch das Thema Fusion zur Sprache. «Derzeit ist dies kein Thema», sagt Schmid. Er selber würde eine Fusion zwar für sinnvoll erachten, weiss aber auch: «Beide Gemeinden können problemlos alleine überleben.» Eine Prognose, ob es die Gemeinde à la «Frick-Ober-Gipf» je geben wird, wagt er nicht abzugeben.

Wir erreichen die Hauptstrasse, die Pulsader von Frick. Fahrzeug um Fahrzeug brummt durch das Dorf. Wir reden, ganz automatisch, eine Volumeneinheit lauter. «Grüess di Heinz», ruft jemand von der anderen Strassenseite. Ein gravierendes Verkehrsproblem habe Frick nicht, ist Schmid überzeugt. «Wir sind ein regionales Zentrum, und das generiert nun mal Verkehr.»

Wir kommen am «Adler» vorbei.

Frick hat 5300 Einwohner – aber kaum Restaurants, in denen man gut essen kann. Ein Armutszeugnis!

Ja und das berührt mich persönlich. Es ist aber leider eine gesellschaftliche Realität, dass viele Leute, auch aus Frick, heute nach Deutschland gehen, wenn sie auswärts essen wollen. Weil es dort billiger ist.

Kann ein Speiserestaurant in Frick überhaupt noch funktionieren?

Davon bin ich überzeugt. In der Region gibt es auch Beispiele, der «Ochsen» in Wölflinswil etwa oder die «Post» in Bözen. Wenn man gut ist, kann man etwas erreichen. Der Aufbau braucht allerdings Zeit.

Die Gemeinde hat den «Rebstock» gekauft. Ist es Aufgabe der Gemeinde, ein Gasthaus zu betreiben?

Natürlich nicht – und wir werden das Gasthaus auch nicht selber betreiben. Es ging uns darum, die Parkplätze und das historische Gebäude zu erhalten. Wenn der «Rebstock» auch Restaurant bleibt, ist das ein positiver Nebeneffekt.

«Totalausverkauf» prangt an den Schaufenstern der Papeterie Fricker. Sie schliesst Ende Jahr. Das sei sehr schade, sagt Schmid. «Aber das Einkaufsverhalten und die Bedürfnisse ändern sich eben.» Er ist überzeugt: «Der Mix in Frick stimmt. Man bekommt alles, was man zum Leben braucht.»

Der Kreis schliesst sich. Wir sind zurück beim neuen Gemeindehaus. «Kein Prunkbau», widerspricht Schmid einigen Kritikern im Dorf. «Es ist ein sehr funktionaler Bau, ein Stück Zukunft.»

Diese Zukunft wird Heinz Schmid nicht mehr als Gemeindeschreiber miterleben. Aber er wird sich weiterhin für sein Dorf starkmachen, wird an der Geschichte des Dorfes mitschreiben. Er freue sich auf die Zeit nach der Berufszeit, sagt er beim Abschied. Er wolle sich nun zuerst etwas ausruhen, Kraft tanken für neue Schmid-Taten. Eine davon, eine sehr private, steht schon fest: «Wir wollen unseren Sohn in Australien besuchen.»

Gute Reise. Durch die Welt. Durch das Leben.

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