Streitgespräch

Metzger trifft auf Veganerin – alles andere ist Beilage

Metzgeten sich gut: Markus Müller, Metzger aus Stein, und Nancy Holten, Veganerin aus Gipf-Oberfrick, diskutierten über Fleisch oder Nicht-Fleisch. Thomas Wehrli

Metzgeten sich gut: Markus Müller, Metzger aus Stein, und Nancy Holten, Veganerin aus Gipf-Oberfrick, diskutierten über Fleisch oder Nicht-Fleisch. Thomas Wehrli

Fleisch oder Nicht-Fleisch? Ein Metzger trifft auf eine Veganerin. In einem Streitgespräch diskutieren die beiden über den Fleischkonsum, den Umgang mit Tieren und das Töten.

Neulich im Fricktal. Nancy Holten, Veganerin, betritt eine Metzgerei und fragt in die Runde: «Sind Sie sich bewusst, dass wegen Ihnen ein Tier sterben muss, und könnten Sie es selber töten?» Die einen schauen entsetzt, andere schütteln den Kopf, einer sagt: Ja, das könnte ich.

Herr Müller, wie hätten Sie reagiert?

Markus Müller: Ich weiss es nicht, ich war noch nie in einer solchen Situation. Freude hätte ich sicher nicht gehabt. Ich gehe nach dem Grundsatz: leben und leben lassen. Wer Fleisch essen will, soll dies; wer nicht, der soll es bleiben lassen. Ich habe nichts gegen Vegetarier oder Veganer. Wir bieten beim Partyservice, einem unserer Standbeine, auch vegetarische und vegane Gerichte an.

Fühlen Sie sich als Mörder?

Müller: Nein, überhaupt nicht. Ich decke das Bedürfnis vieler Menschen nach Fleisch ab. Und ich decke dies auf möglichst tiergerechte Art ab. Ich bin mir deshalb keines Fehlers bewusst. Es stimmt: Die Zahl der Vegetarier in der Schweiz wächst. Aber die ganz grosse Mehrheit will nach wie vor Fleisch essen. Reagieren müsste ich, wenn die Mehrheit kein Fleisch mehr will.

Nancy Holten: Ganz klar: Die Nachfrage regelt das Angebot. Für mich sind die Metzger nicht die Bösen, sie befriedigen nur das Bedürfnis der Masse. Ich kämpfe nicht gegen die Metzger, sondern für die Tiere. Mir geht es darum, die Empathie der Leute zu wecken und ihnen Alternativen zum Fleisch aufzuzeigen. Ich verlange auch nicht, dass nun alle vegan leben müssen. Das ist der Entscheid jedes Einzelnen. Mein Ziel ist es das Bewusstsein zu schärfen – damit die Ausnützung der Tiere aufhört.

Nützen wir die Tiere aus?

Müller: Das kommt ganz darauf an, wie die Tiere gehalten werden. Die Massentierhaltung ist mir ein Graus. Unser Betrieb ist seit 25 Jahren biozertifiziert – weil uns der Respekt vor dem Tier wichtig ist. Es soll ein gutes Leben haben, bis es geschlachtet wird. Und es soll möglichst tiergerecht getötet werden. In der Massentierhaltung fehlt dieser Respekt vor dem Tier oft. Damit habe ich grosse Mühe. Auch mit unserer Wegwerfmentalität: Wir schlachten Tiere, nehmen nur die besten Stücke und der Rest landet im Müll. Das ist fatal. Früher war das anders, da wurde das ganze Tier genutzt. Dorthin müssen wir zurück.

Holten: Respekt, Ihre Einstellung finde ich gut. Das ist ein erster Schritt. Das Grundproblem aber ist ein anderes: Wir Menschen wählen Tiere aus, um sie zu nutzen. Dieses Recht haben wir nicht. Und dann überlassen wir die Drecksarbeit, das Töten, erst noch anderen. Ich kenne Leute, die den Jagdschein machen, um ihr Fleisch selber jagen und ausnehmen zu können. Die Vorstellung graust mich zwar, aber ich finde es ehrlicher, als wenn Leute die Morde an den Tieren in Auftrag geben. Wenn jemand das Gefühl hat, er brauche unbedingt Fleisch, dann soll er die Courage haben und das Tier selber schlachten. So wie man es jahrhundertelang gemacht hat.

Müller: Dann drehen wir das Rad aber weit zurück. Ob das Sinn macht, bezweifle ich. Zum einen arbeitet ein ausgebildeter Metzger doch deutlich professioneller und damit tiergerechter. Zum anderen hätten wir dann auch Errungenschaften wie viele Medikamente nicht.

Video: Kuhglocken sind für Nancy Holten Tierquälerei

Kuhglocken sind für Nancy Holten Tierquälerei

Kuhglocken sind für Nancy Holten Tierquälerei

Gibt es für Sie besseres und schlechteres Töten?

Holten: Natürlich. Jeder Schritt in Richtung eines respektvolleren Umgangs mit den Tieren bringt viel. Wenn einem Metzger das Tier nicht egal ist, dann ist die Achtung grösser. Wenn wir nicht mehr siebenmal pro Woche, sondern nur noch drei- oder viermal Fleisch essen, dann müssen wir weniger Tiere töten – und das ist ein Fortschritt.

Wenn alle Konsumenten auf Nancy Holten hören und ihren Fleischkonsum drastisch reduzieren, haben Sie bald keinen Job mehr.

Müller: Das wird nicht passieren, so lange ich lebe. Aber klar: Ich muss mich dem Markt anpassen. Wenn ich beispielsweise der beste Keilriemenproduzent der Welt wäre, die Autos aber keine Keilriemen mehr brauchen – dann muss ich rechtzeitig reagieren und mich neu ausrichten. Oder ich gehe Konkurs. Mir ist es letztlich auch nicht so wichtig, ob unsere Maschinen nun Fleisch oder Gemüse verarbeiten. Unser Betrieb beschäftigt 14 Leute. Dass sie ihren Lohn bekommen, ist mir wichtig. Ihnen gegenüber habe ich eine soziale Verantwortung.

Holten: Darf ich Sie etwas fragen?

Müller: Nur zu.

Holten: Erinnern Sie sich, wie Sie Ihre erste Schlachtung erlebt haben?

Müller: Nein, denn mein Vater war Störmetzger und wir Kinder begleiteten ihn auf die Höfe. Warum fragen Sie?

Holten: Weil ich überzeugt bin, dass der Mensch gegenüber Dingen, die ihm nicht gut tun, eine innere Barriere hat. Die erste Zigarette schmeckt schlecht, der erste Schluck Alkohol ist ein Graus. Ich glaube, dass das beim Töten auch so ist.

Müller: Die Welt lehrt uns eines anderen. Es wird gemordet und Terrororganisationen wie die IS schneiden unbeteiligten Menschen die Kehle durch. Das ist absolute Barbarei. Das ist krank.

Holten: Ja, das ist es. Dennoch glaube ich: Das Töten liegt nicht in uns. Wenn wir auf der Strasse ein verletztes Tier liegen sehen, dann ist unser erster Impuls nicht: Da liegt ein Essen vor mir, sondern: Lasst uns dem Tier helfen.

Und wenn das nicht geht? Wenn das Tier zu stark verletzt ist?

Holten: Dann würde ich es töten, um es zu erlösen. Es würde mir zwar das Herz zerreissen, aber ich würde es tun.

Müller: Sie prangern an, dass wir Menschen Tiere essen. Im Tierreich ist das doch nicht anders.

Holten: Das stimmt, die Raubtiere essen andere Tiere. Aber viele Tiere der Welt ernähren sich vegetarisch. Die Frage ist doch: Wie möchte ich sein? Wie ein Pferd oder wie ein Aasfresser? Das, was man sich einverleibt, wird man auch. Es liegt nicht in unseren Genen, Fleisch zu essen; wir haben damit begonnen, als in der Eiszeit die Vegetation zusammenklappte. Es ging ums Überleben.

Müller: Sie sagen: Das Fleischessen liegt nicht in unseren Genen. Was macht ein Kind, wenn es selber entscheiden kann, ob es Fleisch essen will oder nicht?

Holten: Dann gibt es solche, die es links liegen lassen – und solche, die es essen.

Müller: Eben. Wir offerieren unseren kleinen Kunden immer eine Scheibe Aufschnitt. Wir hatten eine Kundin, die ihrem Kind verbot, das Würstchen zu probieren. Es konnte so gar nie die Erfahrung sammeln, ob es ihm schmeckt oder nicht.

Holten: Es gibt aber auch die umgekehrten Fälle: Die Kinder wollen kein Fleisch, obwohl alle um sie herum Fleisch essen. Und: Ein Würstchen ist für mich nicht primär ein Stück Fleisch, sondern ein verarbeitetes Lebensmittel.

Nun ja, auch Wurstwaren enthalten Fleisch.

Müller: (Lacht.) Sollten! Es gibt auch Metzgereien, in deren Wurstwaren man kaum Fleisch findet. Essen Sie Quornprodukte?

Holten: Ja.

Müller: Sie sind oft wie ein Schnitzel geformt. Auch der Vegetarier will also, zumindest im Gedanken, ein feines Schnitzel essen.

Nochmals zum echten Schnitzel: Was kann ein Metzger tun, damit das Schlachten möglichst schonend ist?

Müller: Er muss seinen Beruf ernst nehmen. Und er muss seine Lieferanten kennen und ihnen vertrauen. Zum Berufsethos gehört, dass ich sofort ausrücke, wenn nachts um 22 Uhr eine Kuh beispielsweise einen Beckenbruch hat und notgeschlachtet werden muss. Wer macht es, wenn nicht wir? Wir töten die Tiere nicht aus Lust, sondern weil sie Teil der Nahrungskette sind. Es gehört dazu und gibt vielen Leuten eine Arbeit.

Holten: Das stimmt. Aber als Thomas Edison die Glühbirne erfand, hatten die Kerzenzieher auch keine Freude. Wenn etwas ausstirbt, entsteht etwas Neues. Das ist auch bei den Jobs so.

Müller: Damit habe ich auch keine Mühe. Wenn wir in 200 Jahren kein Fleisch mehr essen, dann ist es so. Ich werde es nie erfahren. Heute ist es anders, wir essen und ich muss mich und mein Geschäft darauf ausrichten.

Frau Holten, wenn man Ihnen zuhört, fragt man sich: Gibt es für Sie keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier?

Holten: Doch, aber für mich ist der Unterschied marginal. Ich bin zwar lieber mit Menschen als mit Tieren zusammen, aber Tiere sind mir nicht weniger wert.

Nehmen wir das Töten: Ist es für Sie dasselbe, wenn ein Mensch einen anderen tötet, wie wenn er ein Tier schlachtet?

Holten: (Überlegt lange.) Das kann ich nicht abschliessend beantworten. Es kommt ganz darauf an, wie er tötet. Es gibt Leute, die metzeln die Tiere auf bestialische Weise nieder und haben ihren Spass dabei. Die sind für mich fast schlimmer, als wenn einer einen Menschen erschiesst. Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Ich verachte beides zutiefst.

Müller: In vielen Regionen werden Tiere geschächtet. Das ist für mich der Horror, das ist Tierquälerei pur.

Würden Sie dagegen einschreiten?

Müller: Ja, wenn ich könnte. Ich habe auch schon einmal einen Kollegen angezeigt, weil er für einen Bauer privat schlachtete und sich die Kosten für die Fleischschau durch den Tierarzt sparen wollte. Das gibt es bei uns nicht, das ist unsauber gearbeitet. (Hält kurz inne.) Ihre Aussage von eben, als Sie die Tiere fast auf die gleiche Stufe wie die Menschen gestellt haben, beschäftigt mich. Nehmen wir an, Sie sind mit Ihren Kindern und Ihren Hunden unterwegs. Nun naht ein Auto…

Holten: …klar, dann rette ich meine Kinder. Das heisst aber doch nicht, dass wir Menschen uns nicht für die Lebewesen einsetzen sollen, die es selber nicht können. Der Mensch ist das überlegenste Wesen auf dem Planeten. Er muss seine Macht konstruktiv einsetzen – nicht für das Töten.

Sie gehen noch einen Schritt weiter und sagen: Ich verzichte nicht nur auf Fleisch, sondern auf sämtliche tierischen Produkte. Weshalb?

Holten: Weil ich gemerkt habe, dass es mir ohne tierische Produkte besser geht und ich mich gesünder fühle. Für mich sind auch tierische Produkte eine Form der Ausnützung. Das muss nicht sein; Mandelmilch etwa schmeckt nicht nur besser, sondern ist auch gesünder.

Müller: Jeder Mensch soll das machen, was für ihn richtig ist. Der zentrale Punkt für mich ist: Wer Fleisch isst, soll gutes Fleisch essen und das Tier soll in der Zeit, in der es lebt, anständig behandelt werden.

Holten: Wer sagt, dass das Tier glücklich ist? Den Begriff «artgerechte Haltung» definiert der Mensch und nicht das Tier. Für mich ist artgerecht, was ich in der Natur sehe. Eine artgerechte Haltung ist ein Widerspruch in sich.

Wird sich dieser Widerspruch dereinst auflösen? Werden wir je eine Gesellschaft sein, die ohne Nutztiere auskommt?

Müller: In den nächsten 200 Jahren sicher nicht.

Holten: Ich bete dafür und glaube daran.

Müller: Auch an eine Zeit ohne Krieg?

Holten: Ja, durchaus.

Müller: Es wird nicht funktionieren. Weil der Mensch Mensch ist.

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