Fricktal

«Man sieht keine 200 Meter weit»: So erlebt dieser Aargauer die Buschfeuer in Australien

Raphael Schmid auf dem Balkon seiner Wohnung mit Sicht auf den Hafen und das Sydney Opera House.

Raphael Schmid auf dem Balkon seiner Wohnung mit Sicht auf den Hafen und das Sydney Opera House.

Buschfeuer wüten derzeit in Australien. Der Aargauer Raphael Schmid lebt in Sydney und erlebt eine grosse Solidarität mit den Betroffenen.

Australien kommt nicht zur Ruhe. Seit Oktober haben Hunderte von Buschfeuern mehrere Millionen Hektar Land vernichtet. Acht Menschen kamen in den Flammen ums Leben, mehr als 1000 Gebäude wurden zerstört.

Eine Entspannung ist nicht Sicht. Das Land ist staubtrocken und eine neue Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 40 Grad rollt derzeit über das Land. Starke Winde fachen die Feuer zusätzlich an. Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz, oft aber machtlos.

Stark betroffen von den Feuern ist der Gliedstaat News South Wales. Hier, in der Millionenmetropole Sydney, lebt seit gut vier Jahren Raphael Schmid. Der gebürtige Fricker ist «Partnership & Regulatory Manager» bei einer der grössten Anwaltskanzleien Australiens.

Die Stimmung in der Metropole beschreibt Schmid als «gefasst». Buschfeuer gehörten zu Australien, allerdings nicht in diesem Ausmass. «Die Entwicklung wird von der Bevölkerung in der Stadt ohne Angst, aber aufmerksam beobachtet», erzählt er. In den ländlichen Gebieten, wo die Gefahr von Feuern grösser ist, sei entsprechend auch die Stimmung angespannter.

In Sydney sieht man die Feuer zwar nicht, aber man riecht sie. «Es gibt Tage, da sieht es in Sydney aus, als würde die Welt untergehen», erzählt Schmid. Dicke Rauchwolken hängen dann über der ganzen Stadt und man sieht keine 200 Meter weit. Dies beeinträchtigt auch den Schiffs- und Flug­verkehr; Letzterer musste zeitweise ganz eingestellt werden.

«An solchen Tagen wünschen sich die Leute in der Stadt, dass Wind aufkommt, damit der Rauch weggeblasen wird», so Schmid. Doch sie wissen gleichzeitig: Dies wäre verheerend für die ländlichen Gebiete, weil sich dadurch die Feuer weiter und schneller ausbreiten würden.

Die starke Rauchentwicklung stellt für die Menschen in der Millionen­metropole auch ein Gesundheitsrisiko dar. «Wir hatten Tage, an denen die Luftwerte so schlecht waren, dass die Aufnahme des Rauches in etwa der Menge von 30 gerauchten Zigaretten entspricht», weiss Schmid. An solchen Tagen trage man eine Maske, die einem minimalen Schutz biete. «Zudem versucht man, so wenig Zeit wie möglich im Freien zu verbringen.» Besonders stark unter der schlechten Luftqualität leiden Asthmatiker und ältere Leute. «Bislang hatten wir das Glück, dass es nach ein bis zwei Tagen mit schlimmem Rauch immer wieder etwas besser wurde», sagt Schmid.

Stadt hat Wasserverbrauch stark eingeschränkt

Alles in allem funktioniert das Leben in Sydney nach wie vor «sehr gut», bilanziert Schmid. Es brauche an manchen Tagen halt etwas mehr Geduld und Flexibilität, vor allem wenn man von und zur Arbeit pendle. Eingeschränkt hat die Stadt inzwischen den Wasserverbrauch. So dürfen Pools und grössere Bassins nur noch mit einer Sonderbewilligung gefüllt werden. «Unsere Hausverwaltung hat alle Liegenschaftsbewohner per E-Mail gebeten, den individuellen Wasserverbrauch so gut als möglich zu reduzieren», erzählt Schmid. Wer sich nicht an die verschärften Bezugsregeln der Stadt hält, wird mit bis zu 550 Dollar gebüsst.

Angst hat Schmid nicht. «Als Infanterie-Offizier sehe ich mich ein bisschen als ‹Überlebenskünstler›». Natürlich mache er sich Gedanken. «Es ist wichtig, ruhig zu bleiben und gewisse Dinge etwas besser zu planen.» So ­verfolgt er die Wetterberichte täglich und organisiert sich entsprechend, wenn es etwa darum geht, Einkäufe zu tätigen.

Daran gedacht, wegzugehen, hat Schmid noch nie. «Ich wohne und arbeite hier und kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen und für unbestimmte Zeit verreisen.» Die Devise laute: Durchhalten und auf ein baldiges Ende der Buschfeuer hoffen.

Schmid weiss auch: Andere sind deutlich stärker betroffen als er. «Ich habe Freunde und Arbeitskollegen, die in betroffenen Gebieten leben oder Eigentum haben», erzählt Schmid. Für sie sei es eine grosse Belastung, wenn man jederzeit damit rechnen müsse, sein Eigenheim zu verlieren. Am härtesten treffen die Buschfeuer die Farmer, die wirtschaftlich ohnehin einen schweren Stand haben.

Beeindruckt ist Schmid vom unermüdlichen Einsatz der freiwilligen Feuerwehr und weiterer Einsatzkräfte. «Sie sind sehr stark gefordert und kämpfen bis zur totalen Erschöpfung.» Mehrere Feuerwehrleute mussten dabei ihr Leben lassen.

Entwickelt hat sich auch eine grosse Solidarität für die Betroffenen. «Der Zusammenhalt in der Bevölkerung und den betreffenden Gebieten ist beeindruckend und vorbildlich», so Schmid. Man helfe sich, wo und wie man könne. Selber hat Schmid Kleider, Nahrungsmittel und Geld gespendet. «Im Büro habe ich zudem eine Spendenaktion organisiert, mit der wir innert kürzester Zeit einige tausend Dollar zusammengebracht haben.»

Schmid wird weiterhin genau beobachten, wie sich die Lage entwickelt. Wie alle wünscht er sich vor allem eines: Regen. «Hätten wir schon nur für ein paar Tage Regen, würde das helfen und die Lage etwas beruhigen.»

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Autor

Thomas Wehrli

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