Kaiseraugst

Maler des Traurig-Seins

Jemil Kemal Muhidin.

Jemil Kemal Muhidin.

Jemil Kemal Muhidin ist Äthiopier, 22 Jahre alt, Künstler und Bewohner des Asylzentrums Kaiseraugst.

Nein, Jemil Kemal Muhidin möchte keinen Kuchen, keinen Kaffee, nicht einmal ein Glas Wasser. Er ist gläubiger Moslem, und es ist Ramadan, da wird erst nach Sonnenuntergang gegessen und getrunken. Jeden Abend fährt Muhidin nach Basel in die Moschee. Dort hilft er kochen, um Mitternacht kehrt er zurück ins Asylzentrum, in den frühen Morgenstunden isst und trinkt er noch einmal, bevor das Fasten wieder beginnt.

Den Ramadan einzuhalten ist für ihn selbstverständlich, ebenso wie die fünf täglichen Gebete. Kürzlich habe er im Internet gelesen, wenn man dreimal täglich bete, bringe einen das in einen Zustand von Entspannung und innerer Freiheit. Er als Moslem, fügt Muhidin lächelnd hinzu, bete sogar fünfmal.

In Äthiopien, wo er aufwuchs, leben Christen und Moslems meist friedlich neben- und miteinander. Am Freitag gehen die Moslems in die Moschee, am Sonntagmorgen um sieben Uhr treten die Christen in weissen Kleidern aus ihren Häusern. Bei Festen gibt es für die Angehörigen beider Religionen separates Essen gemäss den jeweiligen Speisegeboten.

Schlimme Reise, schlimmes Haus

Religion ist für Muhidin wichtig. Er ist überzeugt, dass Gott ihm auf der Reise half, dass er ihn vor dem Tod bewahrt hat. «Die Reise» war, gemäss Muhidins Schilderungen, «sehr schlimm». Vom Sudan aus durchquerte er, in einem Truck zusammengepfercht mit hundert anderen Flüchtlingen, die Sahara Richtung Libyen. Mitten in der Wüste wurde der Konvoi von Paramilitärs überfallen. Die Gangster nahmen den Flüchtlingen weg, was sie auf sich trugen, Geld, Schmuck, Handys. Sie vergewaltigten die Frauen, als die Männer sich wehrten, drohten sie, sie zu erschiessen.

In Libyen kam Muhidin in ein «schlimmes Haus», wie ein Gefängnis sei es gewesen. Das Wasser schmeckte salzig und bewirkte allergische Reaktionen. Mit den Handys der Schlepper riefen sie ihre Angehörigen an. Die mussten zahlen. Zirka viertausend Franken wurde für seine Reise verlangt, sagt Muhidin. Sein Vater hatte glücklicherweise genug Geld. Andere, deren Angehörige nicht zahlten, wurden eingesperrt, geschlagen.

Über zwei Monate steckte Muhidin in Libyen fest, bis endlich das Wetter die Überfahrt nach Italien zuliess. Am 23. Juni 2016 kam er in Catania an. Über Mailand führte der Weg in die Schweiz. Er habe Glück gehabt, sagt Muhidin, andere habe man am Zoll zurückgewiesen, ihm haben die Zöllner gesagt: «Okay, willkommen!» Über St. Gallen und Aarau kam er nach Kaiseraugst.

Auf seiner Reise habe er auch Positives erlebt, erzählt Muhidin weiter. Da war, zum Beispiel, jener Mann, der ihm in einer kalten Nacht in der Sahara seine Jacke über die Schultern legte. Da war jener Schlepper, der ihn übers Mittelmeer brachte. Er war freundlich, beruhigte die Leute, entschuldigte sich für das schlechte und knappe Essen. Dabei war es viel besser als jenes in Libyen. Mit einigen Weggefährten, die heute in Deutschland, England und an verschiedenen Orten in der Schweiz verstreut sind, hat Muhidin heute noch Kontakt. Und auch hier in der Schweiz lerne er viele «positive» Menschen kennen.

Muhidin tut, was er kann, um anzukommen. Mithilfe von Youtube-Lehrgängen hat er angefangen, Deutsch zu lernen, hat Kontakt aufgenommen zu «sur le pont», einer Organisation, die Brücken baut zwischen Migrantinnen und Einheimischen in Basel, mit Sport, Kultur, gemeinsamem Essen. Auch im «Da-Sein» macht er mit, einem Projekt der Offenen Kirche Elisabethen, ebenfalls in Basel, wo Geflüchtete fern der Heimat Heimat finden.

Ebenfalls über einen Youtube-Kanal hat Muhidin gelernt, mit Wasserfarbe und Acryl zu malen. Eine künstlerische Ader hatte er von klein auf. Als Kind bastelte er aus Plastik und Holz Helikopter. An Geburtstagen schrieb er Namen und Daten in so schöner Schrift, dass das Geschriebene nachher wie ein Gemälde aufgehängt wurde. Später, als Fünfzehnjähriger, fertigte er mit Bleistift Porträtskizzen von Menschen an, die dann auf Facebook gepostet wurden.

Im engen Raum des Asylzentrums kann Muhidin nicht malen. Stattdessen hat er sein Atelier in der Wohnung eines Mitglieds des Vereins «Freiwilligenarbeit Asyl Kaiseraugst» eingerichtet. Hier sind die Bilder entstanden, die derzeit im lokalen reformierten Kirchgemeindehaus hängen. Die für Muhidin wichtigsten Bilder sind jene, die er «Traurig-Sein» nennt. Man meint, im Titel einen Nachklang von «Da-Sein» zu hören. Traurig-Sein, sagt Muhidin mit geheimnisvollen Worten, beschreibe einen Zustand, in dem man allein ist, melancholisch, nachdenklich. Dieser Zustand, fährt er fort, sei der beste Moment, «da kannst du die Farbe von allem sehen. Du bist entspannt, du siehst, was du tust, was du getan hast. Du siehst alles.»

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