Bezirksgericht Rheinfelden
Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung, Drohung, Schändung – die Frau sagt: «Ich glaubte seinen Beteuerungen, dass er es nie wieder tut»

Eine Frau aus dem unteren Fricktal lebt anderthalb Jahre mit einem Mann zusammen, obwohl dieser sie mehrfach vergewaltigt haben soll. Nach einem Streit verzeigt sie ihn dann doch bei der Polizei. Jetzt muss das Bezirksgericht Rheinfelden ein Urteil in einem Verfahren fällen, in dem Aussage gegen Aussage steht.

Hans Christof Wagner
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In einem aktuellen Verfahren am Bezirksgericht Rheinfelden wiegt die Anklage schwer.

In einem aktuellen Verfahren am Bezirksgericht Rheinfelden wiegt die Anklage schwer.

Hans Christof Wagner

«Ich bin sehr froh, dass ich heute die Kraft habe, hier sein zu können. Ich mache das für mich und auch für andere Frauen, die Ähnliches erleiden mussten wie ich.» Das sagte eine 60-jährige Frau aus dem unteren Fricktal in einem Strafverfahren am Bezirksgericht Rheinfelden. Dieses hatte darüber zu befinden, wie sich eine, anfangs auch glückliche Partnerschaft aus Sicht der Frau in ein Martyrium verwandeln konnte.

Staatsanwaltschaft fordert Freiheitsstrafe von vier Jahren unbedingt

Im Gerichtssaal sass die Frau und Privatklägerin dem ehemaligen Partner und Beschuldigten gegenüber. Mit ihm war sie Anfang 2018 eine Beziehung eingegangen, die ihr Ende mit der Einlieferung des 59-jährigen Deutschen in Untersuchungshaft fand.

Die Staatsanwaltschaft Rheinfelden-Laufenburg wirft dem Mann vor: Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Schändung, Drohung, Körperverletzung, Beschimpfung, Tätlichkeiten – und das mit Ausnahme der Körperverletzung jeweils mehrfach. Der Strafantrag: Freiheitsstrafe von vier Jahren unbedingt, Geldstrafe von 14'400 Franken bedingt, 3800 Franken Busse und zehn Jahre Landesverweisung.

Nach 13 Jahren Single-Dasein froh über die Bekanntschaft

In ihrer Befragung durch Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab und weitere Bezirksrichter gab die Frau an, nach 13 Jahren Single-Dasein 2018 froh über die Bekanntschaft des Mannes gewesen zu sein. Anfangs noch schön und aufregend, sei bald auch Gewalt in die Beziehung eingekehrt. Und so sei es schon wenige Monate nach dem Kennenlernen, im April 2018, zu einer ersten Vergewaltigung gekommen.

Unmittelbar der Polizei gegenüber verzeigt hat sie die behauptete Vergewaltigung indes nicht. Diese und die anderen dem Mann zur Last gelegten strafbaren Handlungen hat sie erst nach Ende der Beziehung im August 2019 gemeldet. Auf die Frage einer Bezirksrichterin, warum sie den Beschuldigten nicht sofort verlassen habe, antwortete die Frau:

«Ich glaubte seinen Beteuerungen, dass er es nie wieder tut. Deshalb blieb ich bei ihm.»

Ein um 180 Grad gedrehtes Bild der Lage ging aus der Befragung des Beschuldigten hervor. Der Mann sagte zu Lützelschwab:

«Ich kann mir ihre Vorwürfe nicht erklären. Ich habe niemals Sex gegen ihren Willen erzwungen, vielmehr immer ihr Nein akzeptiert.»

Weiter schilderte er seine Ex-Freundin als eifersüchtig, misstrauisch und kontrollierend, bis er zu dem Schluss gekommen sei: «Es hat keinen Wert mehr mit ihr.»

Zeugenbefragung bringt kaum mehr Klarheit

Auch die Befragung von zwei Zeugen brachte kaum mehr Klarheit ins Geschehen. Der Sohn der Privatklägerin beobachtete zwar einmal blaue Flecken am Arm der Mutter, berichtete sonst aber von einer weitgehend «normalen» Beziehung. Ein Nachbar der Frau sagte aus, einmal Schreie aus deren Wohnung gehört, sonst aber nichts von Gewalttaten bemerkt zu haben.

Im Verfahren steht Aussage gegen Aussage

So war es Sache des Bezirksgerichts, in einem Verfahren ein Urteil zu fällen, in dem Aussage gegen Aussage stand. «Es war so, wie es in der Anklageschrift steht», sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Die Aussagen der Frau seien glaubhaft, schlüssig und widerspruchsfrei.« Auf diese Vorwürfe kann es nur Freiheitsstrafe geben.» Auch die Landesverweisung rechtfertigte sie. Bei der Schwere der Vorwürfe sei diese obligatorisch.

Verteidigung: Im Zweifel für den Angeklagten

Freispruch von fast allen Delikten forderte die Verteidigung. Es gebe keine Beweise für die Taten und so müsse das Gericht dem Grundsatz folgen: im Zweifel für den Angeklagten. Und den Beschuldigten darüber hinaus auch finanziell entschädigen – mit 200 Franken pro Tag für die 62 Tage, die er 2019 in Untersuchungshaft sass.

Wem das Bezirksgericht Rheinfelden mehr Glauben schenkt, ist noch offen. Das Urteil wird zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich eröffnet.