Kaisten
Helena Boutellier will der Kirche ein Gesicht geben

Helena Boutellier studierte mit 50 Theologie und arbeitet nun als Pastoralassistentin.

Thomas Wehrli
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«Erfüllung gibt mir, wenn ich mit den Menschen unterwegs bin»: Helena Boutellier in der Kirche in Kaisten. Thomas Wehrli

«Erfüllung gibt mir, wenn ich mit den Menschen unterwegs bin»: Helena Boutellier in der Kirche in Kaisten. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Sie will «der Kirche ein Gesicht geben»: Helena Boutellier, 51, Pastoralassistentin in Ausbildung. Es ist ein fröhliches Gesicht, das den Reporter am Eingang zum Pfarreizentrum in Kaisten erwartet. Schalk spielt um ihre Augen, wenn sie Müsterchen aus ihrem Theologiestudium erzählt, das sie in diesem Sommer abgeschlossen hat.

Es ist ein neugieriges Gesicht auch, das viel Offenheit und Herzlichkeit ausstrahlt. Und jedes Mal, wenn eine Frage zu vertiefter Reflexion auffordert, zeigt sich auf ihrer Stirn eine kleine Falte. Sie schweigt kurz, blickt auf die Papiere, die säuberlich drapiert auf dem Besprechungstisch liegen, sagt dann Sätze wie: «Erfüllung gibt mir, wenn ich mit den Menschen unterwegs bin, wenn ich mich dem einzelnen mit seiner eigenen Biografie zuwende.» Oder: «Der Glaube hat viel mit dem Leben im Heute zu tun.» Hier will sie Schnittstelle sein, Ankerpunkt.

Im Heute ist Boutellier Pastoralassistentin in Ausbildung in den Pfarreien Kaisten und Ittenthal, am 1. August hat sie ihre Stelle angetreten. Im Gestern war sie Studentin an der Universität Luzern. Sie absolvierte das bischöfliche Sonderprogramm; das Theologiestudium ist dabei auf zwei Jahre komprimiert. Der Weg steht vor allem Menschen offen, die bereits im kirchlichen Dienst arbeiten.

Es sei eine intensive Zeit gewesen, sagt Boutellier, eine spannende und natürlich lehrreiche auch. Vor allem das wissenschaftliche Arbeiten, das sie in dieser Form noch nicht gekannt hat, «war eine Hersausforderung für mich». Sie lacht. «In meinem Alter mit einem Studentenausweis herumzulaufen, war aber schon cool.»

Studentenleben in Luzern

Um sich voll auf das Studium konzentrieren zu können, lebte Boutellier unter der Woche in Luzern. Wie viele Studenten, mietete sie sich ein Zimmer. «Zuerst hatte ich schon etwas Mühe, die Familie loszulassen», räumt sie ein. Doch ihr Mann, der beim Bistum Basel arbeitet, und ihre beiden erwachsenen Kinder meisterten es zu Hause in Gipf-Oberfrick «einfach super».

Gezweifelt, dass der Weg, den sie eingeschlagen hat, der richtige ist, hat Boutellier nie. Wieder lacht sie. «Nur bei den Vorbereitungen der Prüfungen habe ich das eine oder andere Mal gezweifelt – an mir.» Im Alter lerne man eben nicht mehr so einfach, resümiert sie. Aber wenn das innere Feuer so lodert wie bei ihr, dann mag der Kopf zwar rauchen, aber die Betriebsfeuerwehr – in ihrem Fall der Glaube – löscht den Brand.

Das Glaubensfeuer entzündete sich in Boutellier schon früh. Sie wuchs in Möhlin, dem Dorf der drei Kirchen, auf. Im «ökumenischen Geist», wie sie sagt. Sie machte in der Jubla mit, engagierte sich bei der Jugendseelsorge Fricktal, fing hier Feuer, wusste bald, dass der Glaube für sie die tragende Kraft im Leben sein wird.

Nach der KV-Lehre auf der Gemeinde Möhlin, arbeitete sie drei Jahre weiter auf der Kanzlei, spürte, dass dies nicht das ist, was sie erfüllt, dass sie «das Hobby», wie sie ihr Glaubensengagement von damals bezeichnet, zum Beruf machen will. Sie bildet sich in Luzern zur Katechetin aus, tritt Stellen in Muri, Suhr-Gränichen und Brugg an. «Die Arbeit entsprach mir sehr», blickt sie auf die 24 Jahre im pastoralen Dienst zurück. Weil hier der Mensch im Zentrum stand, die Begleitung im Glauben und Leben. Und weil sie hier, wie schon bei ihrem Engagement für die Jugendseelsorge, merkte: Sie kann der Kirche ein Gesicht geben, kann (be-)wirken, kann mit Menschen unterwegs sein, kann «bei den Menschen sein», wie es Papst Franziskus einmal formulierte.

Ein Himmelsgeschenk

Immer wieder ermunterten sie Kollegen, Familienmitglieder und auch das Bistum, sich selber nochmals auf den Weg zu machen, das theologische Gesicht zu schärfen. Sie überlegte es sich gut, sagte: Ja – und begann 2015 das Theologiestudium. Sie ist dankbar, dass ihr das Bistum das verkürzte Theologiestudium ermöglicht hat, dass sie die Möglichkeit bekam, sich zu entfalten. «Es war ein Wagnis», sagt sie im Rückblick, überlegt kurz. «Aber auch ein Himmelsgeschenk.» Ein gegenseitiges Geschenk, wenn man so will, denn die himmlische Kirche kämpft heute doch mit argen Personalproblemen auf Erden.

Auf Erden arbeitet Boutellier nun für die Pfarreien Kaisten und Ittenthal. «Ich wurde sehr herzlich empfangen», freut sich die Theologin, spürt aber auch eine gewisse Erwartungshaltung der Gläubigen, spürt den Wunsch, dass dieses Gesicht für sie da ist – in allen Lebenslagen. Sie habe «einen gesunden Respekt» vor der Aufgabe, sagt sie, gerade auch vor der Begleitung von Menschen in Trauermomenten. In einem Spitalseelsorge-Praktikum konnte sie hier erste Erfahrungen sammeln. «Es war eine tiefe Erfahrung», sagt sie. «Man gibt viel, bekommt aber ebenso viel zurück.»

Die ersten Wochen im neuen Beruf «waren intensiv», sagt Boutellier. Die Begegnungen mit den Gläubigen, der Zuspruch, den sie da spürte, gaben ihr aber auch viel Kraft. Bei den ersten Gottesdiensten hat sie Diakon Thomas Frey, Gemeindeleiter im Seelsorgeverband Schynberg, assistiert. Leiten wird sie ihren ersten Gottesdienst am Sonntag in einer Woche. «Es kribbelt bereits», räumt sie ein. «Die Predigt habe ich mir bereits zurechtgelegt.»

Sie wird sie halten, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sie wird der Kirche ihr Gesicht geben.